Arbeiten und reisen in Japan – Teil 2

Zwei Zimmerer gehen für knapp fünf Monate auf Wanderschaft in Japan

Die Zimmerer und fremden Freiheitsbrüder Marko Benz und Lukas Hauer erzählen in einem zweiteiligen Reisebericht von ihren Arbeitserfahrungen in Japan. Im zweiten Teil berichten sie von beeindruckenden Erlebnissen mit der japanischen Holzbaukunst und von prägenden Begegnungen mit Holzhandwerkern.

 Zuletzt arbeiteten wir auf Hokkaido bei einem Tempelbauer und haben dort den Dachstuhl eines rund 100 Jahre alten buddhistischen Tempels instandgesetzt (siehe Teil 1 des Reiseberichts in der dach+holzbau 01.2026). An dieser Stelle knüpft der zweite Teil unseres Reiseberichts an.

Tempelbauer bewahrt japanische Holzbaukunst

Tempelbaustelle auf Hokkaido/Japan Auf der Insel Hokkaido arbeiteten die Zimmerer auf den Baustellen eines japanischen Tempelbauers mit
Foto: Lukas Hauer /Marko Benz

Auf der Insel Hokkaido arbeiteten die Zimmerer auf den Baustellen eines japanischen Tempelbauers mit
Foto: Lukas Hauer /Marko Benz
Der Schrein- und Tempelbauer Myadaiku Sugawara-san beeindruckte uns fachlich wie menschlich. Der Ende 40-jährige vereinte enormes theoretisches und praktisches Wissen mit souveräner Mitarbeiterführung. Vor der Gründung seines eigenen Betriebs war er am Bau der Schreinanlage „Ise Jingu“ beteiligt. Der shintoistische Schrein südöstlich von Kyoto wird seit über 1300 Jahren im 20-Jahres-Rhythmus vollständig neu errichtet – ein Großprojekt, das traditionelle Handwerkstechniken bewahrt und über Generationen hinweg weitergibt.

„Daiku-Wettbewerb“ für Hobeltechnik

Kezourokai Hobelwettbewerb der japanischen Daiku Im Mittelpunkt des „Kezuroukai-Treffens“ japanischer Holzhandwerker steht ein Hobelwettbewerb, bei dem es darum geht, einen besonders dünnen Hobelspan zu erzeugen
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz

Im Mittelpunkt des „Kezuroukai-Treffens“ japanischer Holzhandwerker steht ein Hobelwettbewerb, bei dem es darum geht, einen besonders dünnen Hobelspan zu erzeugen
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz
Nach dem Abschluss der Arbeiten bei dem Tempelbauer und mit dem kälter werdenden Wetter auf Hokkaido reisten wir Anfang November weiter gen Süden. Nach kurzen Stopps am Toya-See sowie in Hakodate und Akita besuchten wir das „Kezuroukai“-Treffen der japanischen Holzhandwerker. Im Mittelpunkt steht dort ein „Daiku-Wettbewerb“, bei dem es darum geht, den dünnsten Hobelspan zu erzielen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wettbewerbs schärfen ihre auf Zug geführten Handhobel vorab so präzise, dass hauchdünne Späne entstehen, die fast wie transparente Schleier wirken.

Traditioneller Holzbau (fast) ohne Schrauben und Nägel

Wenig später saßen wir in Higashi-Matsuyama nördlich von Tokyo mit dem selbstständigen Daiku Kazutoshi Miyauchi (Spitzname: „Kazu“) zusammen. Er hatte uns zwei Monate zuvor zu sich nach Hause eingeladen und uns gefragt, ob wir bei ihm arbeiten könnten. Schon mehrfach hatten Wandergesellen für ihn gearbeitet und einen guten Eindruck hinterlassen.

Traditioneller Holzhausneubau in Nishi-Tokyo Bei der Konstruktion eines Wohnhauses in Holzbauweise in Nishi-Tokyo kamen fast ausschließlich Holzverbindungen zum Einsatz
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz

Bei der Konstruktion eines Wohnhauses in Holzbauweise in Nishi-Tokyo kamen fast ausschließlich Holzverbindungen zum Einsatz
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz
So kam es, dass wir in den kommenden zwei Wochen beim Aufrichten eines Zweifamilienhauses mitarbeiteten. Umgeben von Fertighäusern und Betonbauten richteten wir mit sechs Leuten das Haus von der Schwelle bis zum Dach auf – ohne große Hilfsmittel. Das Haus hatte Kazus Kollege Furya-san innerhalb von vier Monaten größtenteils mit Handmaschinen und -werkzeugen vorgefertigt. Dabei bestanden sämtliche Verbindungsmittel des Holzhauses aus Holznägeln und Keilen, sodass fast keine Schrauben oder (Metall-)Nägel verwendet wurden, außer bei der Verbindung zwischen Schwelle und Fundament sowie bei der Befestigung der Sparren. Die teils 18 m langen Deckenbalken, Unterzüge und Schwellen aus massiven Zedernholzstämmen waren mit klassischen Längsverbindungen wie der Sichelzapfenverbindung oder Sichelzapfenverbindung mit Kreuzblatt zusammengefügt, die sich auf Zug und Druck sehr belastbar zeigten.

In den Außenwänden des Gebäudes ersetzten dünne, durch mehrere Ständer gehende Bretter die diagonalen Streben. Später werden die Außenwände mit Holzgittern (traditionell mit Bambusgeflechten) und Lehm geschlossen. Bei den häufigen Erdbeben in Japan kann so ein traditionell errichtetes Holzhaus dank seiner Konstruktion einfach mitschwingen, auch bei schweren Beben – anders als moderne Fertighäuser. Durch eine gute Stimmung auf der Baustelle verging die Zeit sehr schnell und so bauten wir im Anschluss noch eine Eckbank aus Birnbaumholz für Kazu.

Abwechslungsreiche Tour durchs Land

Marko Benz und Lukas Hauer vor einem japanischen Tempel Die Zimmerergesellen besuchten auf ihrer Reise durch Japan zahlreiche traditionelle Tempelbauten
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz

Die Zimmerergesellen besuchten auf ihrer Reise durch Japan zahlreiche traditionelle Tempelbauten
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz
So sehr wir unseren Aufenthalt auch genossen, merkten wir aber auch, dass es Zeit wurde, wieder weiterzureisen. Daher planten wir unseren Abflug aus Japan für den 19. Dezember 2024. Da wir bisher nur den Osten und Norden des Landes bereist und dabei fast durchgehend gearbeitet hatten, wollten wir vor dem Abflug noch etwas vom Land sehen. Außerdem wollten wir noch unseren Kontakt vom Beginn der Reise auf der Kyushu-Insel aufsuchen. Aufgrund der großen Entfernung von rund 1000 km Luftlinie und im Anbetracht der verbleibenden Zeit fragten wir unseren lokalen Arbeitgeber, ob wir für die Reise seinen Pkw nutzen könnten – er stimmte zu. So packten wir unsere Sachen, tankten den Toyota Prius voll und starteten unsere Tour, um Zentral- und Süd- sowie Westjapan zu bereisen. Unsere Stationen waren unter anderem der Fujisan, der wohl schönste Berg des Landes, der „Ise Jingu“-Schrein, Nara, Kyoto, Osaka, Hiroshima, die japanischen Alpen und Matsumoto.

Besuch beim alten Meister

Unser Hauptziel lag auf der Insel Kyushu. Dort wollten wir den früheren Chef des fremden Freiheitsbruders Wolfgang Steinmetz (Anm. d. Red.: ein Mitglied der Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“) besuchen, der vor rund 30 Jahren auf der Walz bei ihm gearbeitet hatte. Als wir ankamen, schien zunächst niemand zu Hause zu sein. Ein Nachbar half uns und wenig später stand der inzwischen 75-jährige Kawano-san vor uns – überrascht, nach Jahrzehnten wieder Wandergesellen zu empfangen. Er bat uns herein, wir zeigten ihm ein Foto von uns mit Wolfgang Steinmetz und überbrachten ihm seine Grüße. Sehr erfreut und ebenso überrascht, lud Kawano-san uns ein, ein paar Tage bei ihm zu verweilen, zeigte uns die Gegend und ließ uns später wieder weiterziehen.

Fujiyama/Japan Beeindruckende Japanrundreise: ein Blick auf den Fujisan
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz

Beeindruckende Japanrundreise: ein Blick auf den Fujisan
Foto: Lukas Hauer / Marko Benz
Nach zwei Wochen der Reise und gut 3800 gefahrenen Kilometern gaben wir unser geliehenes Auto zurück und machten uns auf dem Weg zum Flughafen. Dabei ließen wir nochmal die letzten fünf Monate Revue passieren: Dass uns so viel Gutes widerfahren ist, geht definitiv über das normale „Tippelei-Glück“ hinaus. Unsere japanischen Freunde gaben uns jedenfalls alle denselben Satz mit: „You are very lucky guys“.

So ging es weiter nach der Rückkehr aus Japan

Lukas Hauer kehrte nach der fast fünf Monate dauernden Reise durch Japan zurück nach Deutschland, setzte dort seine Wanderschaft fort und absolvierte noch Arbeitsstationen in der Nähe von Bonn, im Allgäu und in Freiburg. Ende August 2025 ging es für ihn nach fast vier Jahren Wanderschaft zurück nach ­Hause in die Region Celle/Lüneburger Heide. Marko Benz besuchte im Anschluss an den Aufenthalt in Japan zunächst für drei Wochen Verwandte in den USA und war anschließend noch mehrere Monate in Deutschland unterwegs, bis er im Mai 2025 nach gut drei Jahren nach Schweinfurt zurückkehrte und ­seine Wanderschaft beendete.

Autoren

Marko Benz und Lukas Hauer sind Zimmergesellen und waren als fremde Freiheitsbrüder gemeinsam auf Wanderschaft unterwegs.

Verband der Europäischen Gesellenzünfte (CCEG)

Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin „Bulletin – Verbandsmitteilungen der Euro­päischen Gesellenzünfte“ (Nr. 89/2025). Das Magazin wird herausgegeben von der CCEG (Confédération Compagnonnages Européens Europäische Gesellenzünfte), dem Dachverband mehrerer europäischer Gesellenvereinigungen. Die Vernetzung und der Austausch der Gesellenvereinigungen untereinander sind die Hauptziele des Verbands, mehr erfahren Sie online unter www.cceg.eu.

Das Verbandsmagazin „Bulletin“ erscheint zweisprachig (Deutsch & Französisch) und enthält in jeder Ausgabe Reiseberichte von Gesellen und Gesellinnen, die in Europa und weltweit auf die zünftige Walz gehen. Außerdem gibt das Magazin Einblicke in die Verbandsarbeit, Tipps für Fortbildungen und Seminare. Das Magazin kann online bestellt werden unter www.cceg.online.

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