Arbeiten und reisen in Japan – Teil 1
Das japanische Holzhandwerk ist berühmt für seine kunstvollen Holzverbindungen. Zwei Zimmerergesellen haben sich in das ostasiatische Land aufgemacht und erzählen in einem zweiteiligen Reisebericht von ihren Erfahrungen und Arbeitseinsätzen im Land der aufgehenden Sonne.
Tokyo Haneda Airport, Sonntagabend, 21. Juli 2024: Nachdem wir fast den Abflug in Frankfurt verpasst hätten, standen wir, zwei fremde Freiheitsbrüder (Anm. d. Red.: der „Fremde Freiheitsschacht“ ist eine Gesellenvereinigung), müde und erschöpft im Anreisebereich des Flughafens Tokyo-Haneda. Ein halbes Jahr zuvor hatten wir uns geeinigt, gemeinsam mit einem Working-Holiday-Visum, einem One-Way-Flugticket und etwas Taschengeld nach Japan zu reisen.
Arbeiten, reisen und schauen, wie es weitergeht
Der einheimische Freiheitsbruder Wolfgang Steinmetz (Anm. d. Red.: einheimisch bedeutet hier, dass der Geselle im fremden Freiheitsschacht seine Wanderschaft beendet hat) hatte uns empfohlen, die Krauterei (zum Begriff siehe Infokasten „Wörterbuch für die Walz“) auf der Kyushu-Insel im Südwesten Japans zu besuchen. Dort hatte er 30 Jahre zuvor einige Monate lang gearbeitet. Über drei Ecken ergab sich zudem der Kontakt zu Santaro, der uns per Mail wenige Tage vor dem Abflug angeboten hatte, uns am Flughafen in Tokyo abzuholen und ein bis zwei Tage bei sich zu beherbergen. Bei unserer Ankunft erkannte er uns komisch aussehende Vögel direkt und fuhr uns zu sich nach Ichinomya in der Präfektur Chiba. Santaro ist Mitte 30 und selbständiger Daiku (jap.: Zimmerer/Tischler) mit Auslandserfahrungen und Englischkenntnissen. Wir verstanden uns auf Anhieb.
In Ichinomya in der Präfektur Chiba arbeiteten die beiden Zimmerergesellen an der Errichtung eines Massivholzneubaus mit
Foto: Lukas Hauer/Marko Benz
Am folgenden Tag zeigte er uns die Gegend und fragte uns, ob wir ihn bei einem kleinen Projekt unterstützen könnten. Nicht mal 30 Stunden nach unserer Ankunft standen wir nun bei 36 Grad und subtropischer Luftfeuchtigkeit verschwitzt in unseren Arbeitshosen, um ein paar alte Hobelmaschinen und Tischfräsen umherzuschieben. Mittags ging es dann zu Santaros eigentlicher Baustelle, einem recht luxuriösen Neubau in Massivholzbauweise. Bei dieser Baustelle war er als Subunternehmer für eine kleine Zimmerei tätig. Dort trafen wir auf Murakami-san. Der Mann mit recht kleiner Statur, zotteligem Haar, Brille und einem breitem Lächeln war, was uns anging, bereits vorgewarnt. Er ließ uns gar keine Zeit, nach Arbeit zu fragen, und empfing uns mit einem: „You can work? Ok, so let’s work!“. Nach einigen Stunden Schalung anschießen lud er uns abends mit den anderen Kollegen in die Izakaya (jap.: Kneipe) ein. Bei diversen leckeren Häppchen und Getränken lernte man sich kennen und einigte sich auf ein paar Tage Probearbeiten. Trotz kleiner Kultur- und Sprachbarrieren passte man sich schnell ein.
Innenaufnahme des Massivholzneubaus in Ichinomya
Foto: Lukas Hauer/Marko Benz
Einblicke in eine andere Arbeitskultur
Nach knapp zwei Wochen verließen wir Ichinomya und zogen in das Gästehaus unseres lokalen Arbeitgebers nach Tateyama/Minamiboso. Wir vereinbarten, zwei Monate dort zu bleiben. In der Regel absolvierten wir sechstägige Arbeitswochen und erhielten dabei die Möglichkeit, an verschiedenen Projekten der Firma mitzuarbeiten. Dabei fielen uns Altbausanierungen, Schalungsbau, verschiedene Innenausbauarbeiten sowie Fenster- und Möbelbauarbeiten zu.
Trotz mancher Unterschiede in der Baukultur erkannten wir einige Parallelen in der Ausführung und dem qualitativem Ergebnis der Arbeiten. Der Arbeitsalltag und die Arbeitsmoral waren jedoch unterschiedlicher als gedacht: Uns scheint, als würde die Arbeit in Japan gesellschaftlich einen sehr hohen Stellenwert einnehmen. Gerne Überstunden zu machen, niemals zu jammern und die Arbeit als Lebensinhalt zu sehen, sind Klischees über Japaner, die auf unserer Reise oft bestätigt wurden. Dabei lernten wir auch Handwerker kennen, die mit Mitte 70 noch in Vollzeit arbeiteten.
Marko Benz und Lukas Hauer in der Izakaya (jap.: Kneipe) mit dem japanischen Zimmerer und Tischler Santaro
Foto: Lukas Hauer /Marko Benz
Obwohl wir viel arbeiteten und auch sonst gerne unsere Freizeit in der benachbarten Werkstatt verbrachten, erhielten wir in zweieinhalb Monaten einen tiefen Einblick in die japanische Kultur, unter anderem durch Restaurantbesuche, Wandertouren, Ausflüge, Expeditionen mit einem japanischen Arbeitskollegen in den Dschungel oder eine Party mit anschließender Verfolgungsjagd per Truck in den Bergen. Ein besonderes Highlight war das Wochenende des 14. und 15. Septembers 2024: Unser Oyakata (jap.: Meister) Murakami-san fragte uns, ob wir eine Präsentation über das deutsche Holzhandwerk halten könnten – mit englisch-japanischer Übersetzung. Natürlich kamen wir seiner Bitte nach, bereiteten selbst Sauerkraut zu für die deutsch-japanische Abendverpflegung und hielten vor knapp 60 Leuten einen Vortrag über früheres wie auch heutiges Bauen in Deutschland, die Zimmerei und Tischlerei samt Werkstätten und Baustellen, das Ausbildungs- und Meistersystem und die zünftige Wanderschaft.
Altbausanierung in Tateyama
Foto: Lukas Hauer/Marko Benz
Unfassbares Glück hatten wir, ohne nennenswerte Vorbereitung solch einen guten Einstieg in unseren Japanausflug zu haben – zudem wir vom Krauter einige Adressen von anderen Daikus mit auf den Weg bekamen. Unser nächstes Ziel war der Betrieb eines Tempelbauers in Obihiro auf Hokkaido, rund 1000 km Luftlinie entfernt. Vom Dorf-Landleben ging es aber erstmal in die Metropole Tokyo. Bereits an die Kultur auf dem Land angepasst, nervte uns dieser Betondschungel samt gestressten Bewohnern und Touristen allerdings schnell. Der Unterschied zwischen den zumeist netten, zurückhaltenden und höflichen Japanern und den teils sehr lauten und respektlosen Touristen veranlasste uns, schon nach wenigen Tagen die knapp 40 Millionen Menschen große Region Kanto mit der japanischen Haupstadt Tokyo zu verlassen und nach Norden zu trampen.
Aufsetzen der Pyramidenkrone für eine Holzhauspyramide im 16-Eck-Grundformat ohne Querbalken
Foto: Lukas Hauer/Marko Benz
Nach nur drei Tagen standen wir vor dem Myadaiku (jap. Schrein-/Tempelbauer) Sugawara-san. Wesentlich überraschter als wir es waren, sah er uns an und konnte sichtlich wenig mit uns anfangen. Wir versuchten, mithilfe einer Übersetzungs-App zu erklären, wer wir sind und dass wir bei ihm gerne arbeiten würden. Neugierig, aber sehr skeptisch wimmelte er uns ab, organisierte uns aber einen Schlafplatz bei einem Freund. Am nächsten Morgen kam jedoch die Wendung: Er hätte sich über uns und die Tippelei informiert und würde uns sehr gerne Probearbeiten lassen. Kurz darauf fanden wir uns auf einer 20 Mann großen Baustelle wieder, um beim Aufrichten einer komplexen Holzhaus-Pyramide im 16-Eck-Grundformat ohne Querbalken zu helfen. Mit einer Mischung aus fixem Arbeitseinsatz und furiosem Gesangsauftritt in einer Karaoke-Bar hatten wir es geschafft, den nächsten Krauter von uns zu überzeugen.
Gruppenbild mit den am Bau der Holzpyramide beteilig-ten Handwerkern
Foto: Lukas Hauer/Marko Benz
Arbeitseinsatz am 100-jährigen Tempeldach
Die folgenden zweieinhalb Wochen erledigten wir verschiedene Arbeiten am Dachstuhl eines knapp hundert Jahre alten buddhistischen Tempels. Nebst dem Wechsel einiger verrotteter Deckenpaneelbretter ging es vor allem um den Einbau der Hanegi. Diese massiven Balken hielten das über zwei Meter überhängende Vordach in Position. Eine Besonderheit ist, dass diese gut 6 m langen Balken aus Zedernholz nur auf einem Punkt aufliegen und wie eine Wippe funktionieren: Im Winter neigt sich das Vordach bei sehr hoher Schneelast samt Hanegi in einen steileren Winkel, um so den Schnee besser abzuleiten und nicht unter dem Gewicht einzubrechen. Im Frühling nach der Schmelze hebelt das hintere Gewicht der Balken das Dach wieder in die normale Position. In dem Tempel waren diese Balken kaputt bzw. kaum noch vorhanden, daher wurde geplant, drei neue Zedernholz-Kolosse à 600 x 35 x 30 cm einzubauen, ohne das Dach zu öffnen oder die engmaschige Dachstuhlkonstruktion zu beschädigen. Nach anfänglicher Skepsis unsererseits verfrachteten wir die Balken zu sechst mit Muskelkraft und Seilzügen durch den Altarraum hinauf und balancierten diese durch den Dachstuhl. Zig Mal hin und her rangiert, rutschten die Balken schließlich an die richtigen Plätze und erfüllten letztendlich den gewünschten Effekt.
Mehr über die Erlebnisse der beiden Zimmerer auf der Walz in Japan lesen Sie im zweiten Teil des Berichts in der nächsten Ausgabe der dach + holzbau.
AutorenMarko Benz und Lukas Hauer sind Zimmerergesellen und zurzeit als fremde Freiheitsbrüder auf Wanderschaft.
Kleines Wörterbuch für die Walz
Ehrbarkeit: Zugehörigkeitssymbol zum Schacht
Kluft: Arbeitskleidung reisender Zimmerergesellen
Krauter und Krauterei: Arbeitgeber
Schacht: Vereinigung von Gesellinnen und Gesellen, die auf Wanderschaft („Walz“) sind oder waren
Schaniegeln/Schaniegelbux: Arbeiten, Arbeitskleidung
Stenz: Wanderstab
Tippelei oder Walz: traditionelle Wanderschaft der Handwerksgesellen und -gesellinnen
Verband der Europäischen Gesellenzünfte (CCEG)
Dieser Artikel erschien erstmals 2025 im Magazin „Bulletin – Verbandsmitteilungen der Europäischen Gesellenzünfte“ (Nr. 89). Das Magazin wird herausgegeben von der CCEG (Confédération Compagnonnages Européens Europäische Gesellenzünfte), dem Dachverband mehrerer europäischer Gesellenvereinigungen. Die Vernetzung und der Austausch der Gesellenvereinigungen untereinander sind die Hauptziele des Verbands, zu dem derzeit fünf deutschsprachige Schächte und Gesellenvereinigungen, drei französischsprachige und eine skandinavische Gesellenvereinigung gehören. Eine Übersicht finden Sie online unter www.cceg.eu.
Das Verbandsmagazin „Bulletin“ erscheint zweisprachig (Deutsch & Französisch) und enthält in jeder Ausgabe Reiseberichte von Gesellen und Gesellinnen, die in Europa und weltweit auf die zünftige Walz gehen. Außerdem gibt das Magazin Einblicke in die Verbandsarbeit, Tipps für Fortbildungen und Seminare. Fachartikel runden den Inhalt ab. Das „Bulletin“ kann online bestellt werden unter www.cceg.online.
