Zünftiger Schmuck

Goldschmiedin Mitra Hadjebi fertigt Zunftzeichen für Handwerker

Die Goldschmiedin Mitra Hadjebi war auf Wanderschaft, seither stellt sie Schmuck für Handwerker her, allerdings nicht irgendeinen: Zünftig muss er sein. Eine treue Fangemeinde hat sie sich vor allem in Deutschland aufgebaut, aber manches Stück geht auch ins Ausland und sogar nach Übersee.

Zünftige Handwerker tragen oft Schmuck, diejenigen die auf der Walz waren bevorzugt. Da steckt dann auch schon mal das Zunftzeichen im Ohr, es drückt Zugehörigkeit zum entsprechenden Gewerk aus, Tradition, Handwerkskunst. Mitra Hadjebi ist Goldschmiedin mit Leib und Seele und war auf der Walz. Daher auch der Hang zu zünftigem Handwerker-Schmuck.

Wir besuchen die quirlige Frau – dunkle, lange Haare, Nasenring – in der Schweiz, in einem kleinen beschaulichen Fachwerkstädtchen am Hochrhein an der Deutsch-Schweizer Grenze bei Schaffhausen. Ein wenig außerhalb des Zentrums in einem schmucklosen Zweckbau der 1980er Jahre aus Klinkersteinen ist die Handwerkerin zu Hause, dort wohnt und arbeitet sie. Von außen vermutet man kaum, dass hier jemand lebt, der künstlerisch tätig ist, Schmuck herstellt und vertreibt, zu eintönig wirkt alles. Kein altes Haus, das Leben ausstrahlt, stattdessen sind Parkplätze zu sehen und ein Supermarkt auf der anderen Straßenseite. Der Architekt hatte wohl nicht seinen besten Tag, als er das Gebäude plante.

Außen mau, innen künstlerisch

Doch dann lässt die großzügig helle Wohnung im ersten Stock den Gast aufatmen. Das krasse Gegenteil zur Eintönigkeit von draußen bildet sich hier ab. Wahrscheinlich stellt man sich genau so (klischeebehaftet) die Wohnung einer Goldschmiedin vor, die ihre Kunst lebt: Die Räumlichkeiten sind Wohnung und Werkstatt zugleich, mit hellem Holzdielenfußboden, der so glatt gewienert ist, dass man mit Socken darüber gleiten kann und aufpassen muss, dass man keinen Salto schlägt. Überall sticht handwerkliches Tun durch, Kreativität dringt aus jeder Ritze. Angefangen vom Bad mit dem Mosaik an den Wänden, über den selbst gefertigten, massiven Tisch bis hin zur an der Längsseite aufgesägten, massiven Hobelbank, die als ­Küchenablage fungiert und den vielen Hängeschränkchen mit gesammelten kleinen und großen Kunstwerken. Man fühlt sich auf Anhieb wohl, es ist gemütlich. Fehlt nur noch das Kaminfeuer im Schwedenofen, doch der bollert nur im Winter. Mitra Hadjebi serviert Tee, von selbst gesammelten Kräutern.

Immer auf Reisen

Das Leben von Mitra Hadjebi, in Berlin geboren, war lange von Reisen geprägt. Und immer – bis heute – vom handwerklichen Tun. „Beides liegt mir im Blut, mein Vater ist auch viel gereist“, sagt sie, handwerklich war er auch tätig. Berlin, Detmold, Nordseeküste, Bremen, Süddeutschland sind die Stationen ihres Lebens, der Dialekt von Mitra Hadjebi ist vielsagend, nämlich von allem etwas. Mal blitzt das Rheinland durch (da kommt Mitras Mutter her), mal Ostwestfälisch, Schwäbisch und schließlich Schweizerdeutsch. „Wenn ich in Fahrt bin, dann Berliner ick natürlich“, sagt Hadjebi und lacht.

Ungewöhnlich für eine Frau, startete sie nach der Mittleren Reife eine Schlosserlehre in Berlin. Begonnen hat sie die Lehre bei Siemens, beendet hat sie die Ausbildung dann bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), wo sie S-Bahnen montiert hat. Etwas Handfestes wollte sie lernen, das wirkt bis heute nach. Den BVG blieb sie treu, bis sie Ende 20 war, danach hatte sie Lust auf ein filigraneres Metall-Handwerk. Goldschmiedin war das Berufsziel, der Ausbildungsbetrieb im tiefen Schwarzwald. Also weit weg von zu Hause. Hadjebi, die Reiselustige, nahm die Herausforderung an, ging nach Süddeutschland, machte die zweijährige Ausbildung und sammelte danach Erfahrungen in verschiedenen Betrieben. Dann arbeitete sie noch als Requisiteurin, um daraufhin ihre Reiselust und die Neugierde auf die Welt und die Menschen vollends zu befriedigen. Nach den Lehrjahren als Goldschmiedin kamen also die Wanderjahre. „Ich wollte unbedingt auf die Walz gehen, Lernen und Erfahrungen sammeln“, erzählt sie. Da war sie 32, vier Jahre lang war sie in ganz Europa unterwegs, von Norwegen bis Sizilien, von Portugal, Spanien bis Tschechien. Längere Zeit auch oberhalb des Polarkreises in Lappland in Nord-Norwegen bei einem Goldschmiede-Ehepaar. Die Zeit prägte sie, auch was ihre Schaffenskunst von heute anbelangt. „Durch die Wanderjahre habe ich unterschiedlichste Menschen aus verschiedenen Handwerksberufen und Kulturen kennengelernt und damit auch die Zunftzeichen dieser Gewerke“, sagt Hadjebi. Das war der Beginn ihrer Leidenschaft, Schmuck von und für Handwerkszünfte herzustellen.

Zünftiger Schmuck kombiniert Holz und Metall

Sinnigerweise heißt dieser Schmuck bei Mitra Hadjebi „zünftiger Schmuck“. Auf Zunftzeichen hat sie sich spezialisiert, fast kein Gewerk bleibt aus. Aber auch ­Firmenembleme nimmt sie in Auftrag, die dann an Ketten, Nadeln oder Steckern getragen werden können. Die filigranen Kunstwerke gibt es zudem als Ohrstecker oder Gürtelschnallen. Da Hadjebi nur Auftragsar­beiten annimmt und nicht auf Halde produziert, ist nur wenig Kunst in der Werkstatt zu sehen. Ein „Holzmichel“-Anhänger ist gerade in der Fertigstellungsphase. Auf ihrer Internetseite unter www.schmuckmachtglücklich.de findet sich das ganze Potpourri an Werken, die sie geschaffen hat. Da ist zum Beispiel die Gürtelschnalle für den Heizungsmonteur: Die Heizung ist farblich abgesetzt aus Bronze, die Wasserpumpenzange darüber zu sehen, eingearbeitet auch ein Brenner und natürlich ein Klo. Die Maurerkette ist mit Kelle, Hammer und Winkel versehen und auf der Zimmermannskoppel ist das Zunftzeichen mit Breitbeil, Säge und Winkel aufgebracht. „Ich arbeite mit Gold, Silber, Bronze, Messing und Holz“, erklärt sie. Letzteres ist eine Besonderheit. „Ich kenne niemanden, der solche Arbeiten auch noch mit diesem Werkstoff verknüpft, außer diejenigen, die mittlerweile versuchen mich zu kopieren“. So bekommt der Latthammer einen Holzgriff und am kleinen Handhobel – einem Kettenanhänger – ist nur das Eisen aus Sterlingsilber, der Rest aus Holz, und der Stil eines Breitbeils ist ebenfalls wie im richtigen Leben aus Holz.

Vier Tage Arbeit für ein Koppelschloss

Grade arbeitet Mitra Hadjebi an einem Koppelschloss mit einer erhabenen Weltkarte. In deren Vordergrund ist das Dachdecker-Zunftzeichen, mit Zirkel, Schiefer- und Ziegelhammer. Sie sitzt dabei an ihrer Werkbank, die im Fachjargon der Goldschmiede „Werkbrett“ heißt (in diesem Fall selbst gebaut). Beim Feilen, Sägen, Fräsen und Bohren fallen die winzig kleinen Späne auf das sogenannte „Brettfell“, das über dem Schoß der Handwerkerin liegt und gelangen so in ein Behältnis. „Die Metallspäne führe ich wieder dem Kreislauf zu“, sagt Hadjebi. Schließlich wird mit wertvollen Materialien gearbeitet, die – wenn genügend gesammelt ist – wieder eingeschmolzen und zurückgeführt werden.

Konzentriert und bei der handwerklichen Tätigkeit mit Brille sitzt die Goldschmiedin an ihrem Werkbrett, über ihr sorgt eine Neonröhre für helles Kunstlicht. Beim Koppelschloss, das ein Dachdecker in Auftrag gegeben hat, muss nun das Dachdecker-Zunftzeichen auf die Weltkarte gelötet werden. Das Zunftzeichen wurde in mühevoller Feinarbeit vorab mit einer Art Laubsäge mit sehr feinem Metallblatt ausgesägt und zurechtgefeilt. Das Auflöten geschieht im Hartlötverfahren, dabei ist die Flamme bis zu 1900 Grad heiß. Mit einer Spezialpinzette (eine „Kornzange“) schiebt Hadjebi die zwei Teile aufeinander. Der Gasbrenner sorgt für die entsprechende Temperatur. Da Silber einen Schmelzpunkt von nur etwa 1000 °C hat, muss Hadjebi aufpassen, dass es nicht schmilzt. Ihre 20 Jahre Erfahrung bringen letztlich das gewünschte Ergebnis.

Grenzenlose Goldschmiedekunst

Die Koppel selbst ist aus Stahl, die Weltkarte aus Bronze. Nachdem die Einzelteile zusammengelötet sind, werden sie noch gebeizt (also farblich angepasst), gereinigt und poliert. „In dem Koppelschloss stecken etwa vier Tage Arbeit“, sagt Mitra Hadjebi. Kostenpunkt rund 450 Euro. Das gute Stück geht zu einem Dachdecker nach Deutschland, andere Werkstücke schaffen es weiter weg. „Ich habe auch schon Arbeiten in die USA und nach Australien geliefert“, sagt Hadjebi. An Handwerker, die dort auf der Walz hängen geblieben sind und über Facebook Kontakt mit ihr aufgenommen haben.

„Ich liebe meinen Beruf, ich mache jeden Tag neue Dinge, darf handwerklich tätig und kreativ sein“, sagt die Vollblut-Handwerkerin, die neben dem filigranen Tun noch Teilzeit in einem Schlosserreibetrieb arbeitet. „Damit bleibe ich diesem Handwerk treu und so ist schon mal die Miete gesichert“, sagt sie. Sie lebt zwar in der Schweiz, Schweizer Preise kann sie für ihre Kundschaft in Deutschland trotzdem nicht verlangen. Trotzdem muss sie eine relativ hohe Miete bezahlen. „Ich lebe gut, aber ich arbeite auch viel“, sagt Hadjebi.

Werbung läuft über soziale Medien

Die Kundschaft kommt vorwiegend aus Deutschland, Schweizer würden leider nicht so viel Schmuck tragen, einen Laden, bei dem sie Laufkundschaft bedienen könnte trägt sich deshalb nicht. „Habe ich alles schon probiert“, sagt sie. Ihre kleinen Kunstwerke vertreibt Hadjebi über ihre Internetseite, auf ihrer Facebookseite informiert sie ihre Community über aktuelle Aufträge. „Werbung lief früher übers Weitererzählen, heute vor allem über Facebook“, sagt Hadjebi und grinst. Auch hier zeigt sich das Quirlige: Sie ist schnell, postet hin und wieder Neuigkeiten und beantwortet Anfragen prompt. „Man könnte sagen, ich habe so etwas wie eine treue Fangemeinde im Netz.“ Sie schmunzelt bei der Frage, ob sie denn berühmt sei. „Das sicherlich nicht, aber ich habe mir in Handwerkerkreisen einen guten Ruf erarbeitet“. Das war zu Beginn noch nicht so und ein langer Weg. „Anfangs musste ich Klinken putzen gehen“, erzählt sie. Erst nach einigen ­Jahren hatte sich ihre besondere Handwerkskunst herumgesprochen. Nun ist sie auf Messen bei Bauhandwerkern eingeladen, und Firmen freuen sich, wenn Hadjebi zum Stand kommt, um ihr Handwerk vorzuführen. So steigert sie ihren Bekanntheitsgrad. Die Kundschaft ist treu und manche kommen immer wieder: „Ich habe ganze Familien, die sich mit Schmuck von mir ausstatten lassen“, sagt sie. Da sie nicht nur zünftigen Schmuck macht, ist für alle etwas dabei.

Reiselustig aber bodenständig

Mitra Hadjebi hat ihre Reiselust während der Wanderjahre und auch in der Zeit davor und danach ausgelebt. „Ich bin sicherlich 30 Mal umgezogen“, sagt sie. In die Schweiz verschlagen hat sie die Liebe. Noch auf der Walz hat sie einen Zimmermann kennengelernt, der aus ihrem jetzigen Wohnort kommt. „Es hat mich erwischt und dann bin ich hier gelandet“, sagt Hadjebi. Damit war auch die Wandervogelzeit vorbei und die Sesshaftigkeit begann. Das war vor rund 13 Jahren. Obwohl die Liebe verging, blieb sie der Schweiz treu. Jetzt möchte sie auch nicht mehr umziehen, denn es sind Freundschaften entstanden, obwohl sie die Schweizer als zurückhaltend empfindet und beschreibt.

Schmuck mit der speziellen „Mitra-Note“

Hier will sie nun bleiben und ihren Beruf, der für sie Berufung ist, weiter professionalisieren. Die Bilder für die Internetseite macht sie selbst und pflegt die Seite auch. Von der Stange gibt es nichts bei ihr, eigene Ideen verknüpfen sich mit Kundenwünschen. „Ich bin offen für Schmuckvorschläge“, sagt Mitra Hadjebi. Etwa die Hälfte der Auftraggeber komme mit eigenen Vorstellungen, meist ist es eine Kombination aus Ideen des Auftraggebers und der eigenen speziellen „Mitra-Note“.

Dann neigt sich die Besuchszeit dem Ende, heute soll noch das Koppelschloss fertig werden. Vorher wollen aber die Katzen – zwei streunen in der Wohnung und auf der Wiese herum – gefüttert werden. Der Blick schweift nochmal durch die lichtdurchflutete Wohnung, bleibt an dem einen oder anderen Kunstwerk hängen, voller Bewunderung! Bevor das Koppelschloss an den Besitzer übergeht, wird es fotografiert und das Bild auf Facebook gepostet. Der „Holzmichel“ wurde auch schon eingestellt, er hat über Nacht 40 Likes und viele Kommentare bekommen, das virale Marketing funktioniert also und nicht nur der zukünftige Besitzer freut sich so über das Koppelschloss mit dem Welt-Symbol, sondern auch die Fangemeinde im Internet.

Autor

Rüdiger Sinn ist Redakteur der Zeitschrift dach+holzbau.

Web-Service:

www.dach-holzbau.de

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