Mehrgeschosser aus Massivholz

Sozialer Wohnungsbau in Holz auf dem Gelände der ehemaligen Hummelkaserne in Graz

In Graz-Reinighaus entstanden vier sechsgeschossige Wohngebäude in Massivholzbauweise. Dank des hohen Vorfertigungsgrads der Holzbauteile konnte ein Geschoss innerhalb von nur vier Tagen fertiggestellt werden. Für den Brandschutz der Holzfassaden fand man praktische und elegante Lösungen.

Das ehemalige Gelände der Hummelkaserne ist Teil des Grazer Stadtteils Reininghaus. Das Areal gehörte ursprünglich der Brauerei Reininghaus und wird seit 2014 zu einem attraktiven Wohnstandort ausgebaut. Vor drei Jahren wurden in Reininghaus-Süd bereits zwölf mehrgeschossige Holzwohngebäude umgesetzt. Die Fassaden der Gebäude bestehen aus Brettschichtholz mit einem Lehmputz, im Inneren sind sichtbare Brettsperrholzdecken zu finden.

Ebenfalls im Süden von Reininghaus wurden die vier Sechsgeschosser aus Brettsperrholz umgesetzt und 2016 fertiggestellt. Ein 2012 ausgeschriebener Wettbewerb war der Ausgangspunkt für den Bau der Wohnhäuser. Für den Wettbewerb sollten sich Teams aus Architekten und Holzbaufirmen bewerben. Erfolgreich waren in diesem Fall das Büro sps-architekten und das Unternehmen Kaufmann Bausysteme. Die geschaffenen 92 Wohneinheiten verteilen sich auf vier sechsgeschossige Baukörper, die entlang einer Ost-West-orientierten Durchwegung gebaut sind. Städtebaulich haben sich die Architekten damit sehr dicht an die Vorgaben des Wettbewerbs gehalten. Die ­Gebäude bestehen im Wesentlichen aus einem Stahlbeton-Treppenhaus und den aus vorgefertigten Brettsperrholzelementen gebauten Wohnungen. In der Untergeschoss-Ebene sind die Baukörper mit einer Tiefgarage mit 92 Stellplätzen verbunden.

Der Wettbewerb zum Bau beruhte auf einer städtebaulichen Studie der Stadt Graz, nach der am Standort soziale Wohnbauten entstehen sollten. Wichtiger Bestandteil des Entwurfs war dabei die geforderte öffentliche Durchwegung für Fußgänger und Radfahrer sowie der Bezug zu einem auf dem Nachbargrundstück bereits 2014 errichteten Pflegewohnheim. Auch dieser zweigeschossige, flache Holzbau war von der gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft ENW errichtet worden, die zur Wohnbaugruppe Ennstal gehört. Die Wohnbaugesellschaft ENW ist spätestens seit dem Bau des Studentenwohnheims der Technischen Hochschule für Berg- und Hüttenwesen in Leoben über die Grenzen Österreichs hinaus für ihren Bezug zum Holzbau bekannt. Das Studentenwohnheim besteht aus fünf Geschossen in Holzbauweise und einem Erdgeschoss aus Stahlbeton.

Nur 60 Minuten Brandwiderstand gefordert

Zum Zeitpunkt der Fertigstellung 2016 waren die Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Hummelkaserne die höchsten Holzwohnbauten Österreichs. Rechtliche Grundlage für den Bau bildete die aktuell geltende OIB-Richtlinie, die Gebäude der Klasse 5 bis zu 6 Geschossen in Holzbauweise zulässt. Zudem gilt in der Steiermark die steirische Bauordnung. Deren geforderte Brandwiderstandsklasse beträgt nicht wie sonst üblich REI 90, sondern nur REI 60.

Diesen Anforderungen werden die Massivholzwände und -decken auf unterschiedliche Weise gerecht. Bei den vorgefertigten Wandscheiben handelt es sich um „MM Crosslam“-Brettsperrholzelemente, die den großen brandschutztechnischen Vorteil mit sich bringen, dass Holzmassivbauwände bei einem Brand eine geringere Gefahr durch Glutnester darstellen. Die Außenwände wurden aus bis zu 16,5 m langen und 3,5 m breiten Brettsperrholzelementen einschließlich der Verschalung im Werk vorgefertigt. „Das auch in der Hummelkaserne in Graz gewählte Brettsperrholzsystem ist zwar etwas teurer als beispielsweise eine Holzrahmenbauweise, bringt aber entsprechende Sicherheiten mit sich, was für uns als Eigentümer sehr wichtig ist“, so Wolfram Sacherer, Vorstandsdirektor der ENW, „nicht nur brandschutztechnisch ist man hier auf der sicheren Seite, sondern beispielsweise auch im Hinblick auf die Erdbebensicherheit.“ Die tragenden Massivholzwände wurden zusätzlich von innen zweifach mit Gipskartonplatten beplankt. „Es wäre statisch kein Problem, den Brandschutzanforderungen über den Abbrand der Brettsperrholzelemente gerecht zu werden“, erläutert Thomas Bereuter von der Holzbaufirma Kaufmann Bausysteme. Da der Bauherr aber ohnehin innen weiße Oberflächen haben wollte, wurden die Wände von innen brandschutztechnisch wirksam mit Gipskartonplatten beplankt.

Brandschutz durch Stahlbleche und Balkone

Ein weiterer Aspekt beim mehrgeschossigen Wohnungsbau: Gerade bei Gebäuden mit Holzverschalung besteht die Gefahr des Brandüberschlags in die darüber liegenden Wohnungen. Hier haben die Architekten Gestaltung und Vorschrift geschickt miteinander verknüpft: An der Westseite aller Gebäude befinden sich die durchlaufenden Balkone als Stahl-Beton-Verbundkonstruktionen. An den anderen drei Seiten verläuft eine aus zwei verzinkten Stahlblechen in die Fassade gesetzte Fuge. Auf Höhe der Geschossdecken ist die Verschalung unterbrochen und die verzinkten Stahlbleche schließen den hinterlüfteten Raum an der Fassade ab.

Die Balkone sind Mischkonstruktion aus Stahl, Stahlbeton und Holzstützen. Dabei sitzen Stahlbetonfertigteile auf Stahltraversen, die wiederum von Stahlstützen und in der Fassade von Holzstützen getragen werden. Der Wandaufbau besteht hier aus den von innen beplankten, 8 cm dicken und tragenden Brettsperrholzelementen mit einer 28 cm dicken Mineralwolldämmung und einer vorgehängten hinterlüfteten Fassade aus gehobeltem Lärchenholz. Die verzinkten Stahlbleche, die als Brandriegel zwischen den Geschossen dienen, wurden erst auf der Baustelle montiert. Beide Maßnahmen, die Stahlbleche und die Stahl-Beton-Balkone, verhindern den Brandüberschlag von einem Geschoss in das nächste und sind doch elegant in die Gestaltung einbezogen.

Massivholzdecken mit Splittschüttungen

Im mehrgeschossigen Holzbau wird häufig mit Stahlbeton- oder Holz-Stahlbeton-Verbunddecken gebaut. Bei den vier Sechsgeschossern aber kamen reine Massivholzdecken zum Einsatz, die auf Abbrand bemessen sind. Die Unterzüge der Decken bestehen aus „BauBuche“, also Buchefurnierschichtholz. Auf die Brettsperrholzdecken wurde aus Schallschutzgründen eine ungebundene Schüttung plus Trittschalldämmung aufgebracht. Dabei unterscheiden sich in den Gebäuden die Bereiche mit größerer gegenüber Bereichen mit geringerer Spannweite. Dementsprechend wurde die Stärke der Brettsperrholzelemente ausgelegt. Im Bereich der Wohnräume beträgt die BSP-Höhe 16 cm, in den anderen Bereichen nur 12 cm. Diese geringere Holzmasse wurde dann bei den dünneren Decken mit 9 cm Kiesschüttung ausgeglichen. Bei den dickeren Decken reichten 5 cm Schüttung aus. Auf die Trittschalldämmung wurde der Estrich aufgebracht. Der abschließende Bodenbelag besteht aus Holz, beziehungsweise im Badbereich aus Fliesen.

Maßnahmen gegen den „schlechten Ruf des Holzbaus“

„Sehr wichtig war in diesem Projekt auch der Schallschutz, den wir im Endeffekt mehr als bedient haben“, erklärt Projektleiter Bereuter, „um dem unbegründet schlechten Ruf des Holzbaus bezüglich des Schallschutzes entgegenzuwirken und auch den gewünschten Anforderungen gerecht zu werden, haben wir sehr großen Aufwand betrieben. Zu diesen Maßnahmen gehört beispielsweise die beschriebene Kiesschüttung in den Decken oder deren Entkoppelung von den Wänden durch Elastomerlager.“ Die Lagerstreifen verhindern die Schallübertragung und sind zwischen den Decken und Wänden verlegt. Die Holzbaufirma Kaufmann Bausysteme setzt dabei auf „Slydolyn“-Elastomerlager der Firma Getzner Werkstoffe.

Seriell heißt nicht gesichtslos

Bei dem Projekt Hummelkaserne ist eine Sache besonders gut gelungen: Die Gebäude haben Charme und eine angenehme, allein durch den Baustoff Holz, sehr wohnliche Ausstrahlung. Und das, obwohl versucht wurde, durch ein möglichst hohes Maß an Wiederholung und Serialität den Planungsaufwand und die Kosten im Rahmen zu halten. Als kommunaler Anbieter für bezahlbaren Wohnraum musste sich die Wohnbaugruppe in der Umsetzung dem Fördersystem anpassen. Trotzdem wurde viel Wert auf Gestaltung, Nachhaltigkeit und Sicherheit gelegt. „Die Kosten waren durch die Wohnbauförderung ganz klar definiert und wir haben diesen Kostenrahmen auch eingehalten“, erzählt Dirk Obracay, der das Projekt bei sps-architekten geleitet hat, „natürlich gab es auch Punkte, an denen wir Kompromisse machen mussten, aber durch die sehr wirtschaftlichen Grundrisse der vier Sechsgeschosser ließ sich der Holzmassivbau sogar im Passivhausstandard ökonomisch realisieren.“

Bertram Käppeler aus dem Ingenieurbüro merz kley partner, der das Projekt tragwerksplanerisch betreut hat, ergänzt: „Es wurde bereits in der Planungsphase darauf geachtet, die Baukörper einfach zu halten, sowohl in ihrer Konstruktion als auch in der Lastenabtragung. Die Lasten werden möglichst linienförmig und gleichmäßig nach unten abgetragen. Bauteile mit ihren Anschlussdetails wiederholen sich ebenso wie die Deckenspannweiten, um so das Prinzip der Serie gut auszunutzen, ohne an Gestaltungs- und Wohnqualität einzubüßen.“

Klare Entscheidung für den Holzbau

Durch den hohen Vorfertigungsgrad war die Bauzeit sehr kurz. Nachdem der Rohbau erstellt worden war, konnten die Holzelemente pro Geschoss in nur vier Tagen errichtet werden. Im Projekt wurde großen Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. So erreichen die Gebäude den Passivhausstandard, auf einem der Gebäude befindet sich eine PV-Anlage und die Dächer sind extensiv begrünt.

Für die erfolgreiche Umsetzung des Projekts waren zwei Aspekte sicher eine gute Voraussetzung: zum einen die sehr frühe Zusammenarbeit zwischen dem Holzbauunternehmen und dem Architekturbüro. Beide waren bereits im Wettbewerbsverfahren als Team angetreten. Zum anderen trug die ENW Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft als Bauherr zum Erfolg bei, weil sie hinter ihrer Entscheidung für den Holzbau stand und die Umsetzung entsprechend mitgetragen hat.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve hat Architektur in Braunschweig und Kassel studiert. Sie arbeitet als freie Autorin unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau und lebt in Lübeck (www.abteilung12.de).

Die Wohnungsgesellschaft ist über die Grenzen Österreichs für ihren Bezug zum Holzbau bekannt.
„Sehr wichtig war bei diesem Projekt der Schallschutz, den wir mehr als bedient haben.“

Bautafel (Auswahl)

Projekt Holzwohnbau in Massivholzbauweise, Hummelkaserne, Maria-Pachleitner-Straße 22-28, A-8010 Graz

Bauherr ENW Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH, A-8010 Graz, www.wohnbaugruppe.at

Architektur (Generalplaner) sps-architekten zt gmbH, A-5303 Thalgau, www.sps-architekten.com

Holzbau (Generlaunternehmer) Kaufmann Bausysteme GmbH, A-6870 Reuthe, www.kaufmannbausys

teme.at

Holzbau (Montage) Kulmer Holz-Leimbau GesmbH, A-8212 Pischelsdorf, www.kulmerbau.at 

Brettsperrholz „MM Crosslam-Elemente“, Mayr-Melnhof, A-8700 Leoben, www.mm-holz.com 

Statik Ingenieurbüro merz kley partner zt GmbH, A-6850 Dornbirn, www.mkp-ing.com

Nutzfläche 6600 m2

Holzmenge BSP 1600 m3

Planungszeit 09/2013 bis 12/2014

Bauzeit 1/2015 bis Sommer 2016

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