Vom Tischler zum Dozenten
Tischlermeister wird nach Weiterbildung zum Restaurator im Handwerk Dozent an der Akademie Schloss RaesfeldDer Tischlermeister Michael Gläßer absolvierte 2020 einen Kurs zum Restaurator im Handwerk und ist mittlerweile selbst Dozent an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld. Wie es dazu kam und was sich durch eine Umstellung des Kurses vor einigen Jahren verändert hat, erzählt er in seinem Bericht.
Begonnen hat alles auf meiner traditionellen Wanderschaft, als ich 2013 als Tischlergeselle die Fortbildung zum Facharbeiter in der Restaurierung in Görlitz besuchte. Im Betrieb meines Vaters lernte ich zudem sehr viel über die Fensterrestaurierung, eine Arbeit, die mir immer noch am Herzen liegt und viel Spaß macht. Nach der Meisterschule und räumlicher Veränderung war ich in einer Zimmerei für Fachwerkrestaurierung beschäftigt und habe mich 2019 aus dieser heraus selbständig gemacht (siehe: www.tischlerei-glaesser.de).
Der Autor Michael Gläßer absolvierte 2020 einen Kurs zum Restaurator im Handwerk an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld
Foto: Florian Ropers und Akademie Schloss Raesfeld
Wo ist Raesfeld? Das war meine erste Frage, als ich mir während meiner Selbstständigkeit überlegte, den Restaurator im Tischlerhandwerk zu machen. Aus zeitlichen Gründen verschob ich diesen Gedanken immer wieder, doch dann kam ein alter Reisekamerad auf mich zu und lud mich ein, mit ihm zusammen den Restaurator im Handwerk an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld zu machen. Kurzentschlossen meldeten wir uns gemeinsam an. Jetzt musste ich mich damit auseinandersetzen, wo genau Raesfeld liegt und stellte fest, dass ich relativ nah wohnte: Raesfeld ist von Münster aus nur eine Autostunde entfernt.
Gewerkeübergreifendes Lernen
Heute gibt Michael Gläßer selbst Kurse an der Akademie Schloss Raesfeld und nimmt Tischlerinnen und Tischlern dort die Prüfungen ab
Foto: Florian Ropers und Akademie Schloss Raesfeld
So begann ich meinen Restauratorenkurs 2020 und fühlte mich an der Akademie gleich wohl. Da die ersten Kurse gewerkeübergreifend angelegt waren, lernte ich Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Berufsgruppen kennen – was auch für reichlich Unterhaltungsthemen sorgte. So ging es zum Beispiel darum, wie auf Baustellen gemeinsam gearbeitet werden kann und fachübergreifende Probleme gelöst werden können. Es gab also während der drei Kurstage pro Monat viel zu lernen und zu besprechen. Derzeit werden an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld acht Gewerke zum Restaurator im Handwerk – Master Professional fortgebildet, dazu gehören Maler- und Lackierer:innen, Maurer:innen und Betonbauer:innen, Metallbauer:innen, Tischler:innen, Steinmetz:innen, Stuckateur:innen und Raumausstatter:innen sowie Zimmer:innen.
Die erste Hürde war die Prüfung des fachübergreifenden Teils. Da meine letzte Prüfung lange zurücklag und ich das Lernen theoretischer Inhalte nicht mehr gewohnt war, hatte ich vor der Prüfung durchaus Respekt. Zum Glück waren die Dozentinnen und Dozenten aufmerksam genug, alle mitzunehmen und den Prüflingen den Prüfungsstoff nahezulegen. Zusätzlich unterstützten wir uns untereinander in Lerngruppen.
Abschlussarbeit über historische Tischlerarbeit
Nach der ersten Prüfung des fachübergreifenden Teils ging es in die fachspezifischen Kurse
Foto: Florian Ropers und Akademie Schloss Raesfeld
Nach der ersten Prüfung des fachübergreifenden Teils ging es direkt in die fachspezifischen Kurse – immer mit dem Hintergedanken, dass man noch eine Dokumentation als Abschlussarbeit über eine historische Tischlerarbeit anzufertigen hat. Gerade diese Zeit war spannend und hat mich handwerklich ein großes Stück weitergebracht. Unterstützende waren dabei die Dozentinnen und Dozenten, die in Theorie und Praxis unglaublich gut sind und auf fast jede Frage eine Antwort und zu fast jedem Problem eine Lösung fanden. So schaffte ich es durch die fachspezifische Prüfung und schrieb anschließend meine begonnene Dokumentation fertig. Dass es so viel Zeit und Aufmerksamkeit braucht, um eine gute Dokumentation zu schreiben, konnte ich vorher nicht abschätzen, da ich mich als Praktiker vorher nie wirklich mit theoretischen Herangehensweisen beschäftigen musste.
Umstellung der Kurse für Restaurator:innen
Im Herbst 2022 war es dann soweit: Ich verteidigte meine Dokumentation mündlich vor dem Prüfungsausschuss und durfte mich anschließend Restaurator im Tischlerhandwerk nennen. Mein Abschluss zum Restauratoren im Handwerk war der letzte Kurs, der noch ohne den Titel „Master Professional“ geprüft wurde. Im Jahr 2022 wurde mit der Umstellung der Kurse und Prüfungen zum Restaurator / Restauratorin im Handwerk – Master Professional für Restaurierung im Handwerk (laut PrüfVO von 2020) begonnen. Dafür war es notwendig, die Unterrichtszeit fast zu verdoppeln. Das geschah durch die Einführung zusätzlicher und die Erweiterung bestehender Kurse. Mit der bestandenen Prüfung kehrte im Berufsalltag und im Privaten erst einmal wieder etwas Ruhe ein. Diese sollte allerdings nicht lange währen.
Vom Kursteilnehmer zum Dozenten
Schon während meiner Ausbildung in Raesfeld wurde ich von meinen Dozenten gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen Kurs zu geben. 2024 nahm ich das Angebot an. Zusätzlich wurde ich in die Prüfungskommission für die Tischler eingebunden. Bei einem ersten Treffen lernte ich die Dozentinnen und Dozenten aus meinem Berufsfeld und die aller anderen Berufe kennen. Ein Kurs, den ich übernehmen konnte, war schon grob skizziert, schnell wuchs ich mit meinen Aufgaben. Ich erstellte den Kursaufbau und überlegte mir, wie ich den Teilnehmenden das theoretische Wissen beibringe, sie dieses in die Praxis umsetzen lasse und den Unterricht interessant und informativ gestalten kann.
Austausch und Netzwerken in verschiedenen Vereinen
Seit meiner Ausbildung zum Restaurator im Handwerk arbeite ich nicht mehr nur in der klassisch-praktischen Restaurierung. Mittlerweile mache ich Bestandsaufnahmen vor Ort und erstelle Gutachten und Restaurierungsvorschläge – also weniger Praxis, mehr Theorie. Außerdem gebe ich Kurse im Schloss Raesfeld und nehme dort den Tischlern die Prüfung ab.
Der Innenhof des Schlosses bietet genug Raum für das Erlernen von traditionellen Handwerkstechniken
Foto: Florian Ropers/Akademie Schloss Raesfeld
Bundesweit sind wir im Verein Restaurator im Handwerk e. V. organisiert, in deren Landesgruppe NRW ich in der Sprecherfunktion tätig bin. Die Verbundenheit zur Ausbildungsstätte wird durch einen weiteren Verein, die Fachgruppe Restauratoren im Handwerk e. V., immer wieder aufgefrischt und warmgehalten. So bleibt man im Austausch und sieht sich immer wieder im schönen Schloss Raesfeld.
Michael Gläßer, einh. Rolandsbruder, ist Tischlermeister, Restaurator im Handwerk und Dozent an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld.
Verband der Europäischen
Gesellenzünfte (CCEG)
Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin „Bulletin – Verbandsmitteilungen der Europäischen Gesellenzünfte“ (Nr. 90/2026). Das Magazin wird herausgegeben von der CCEG (Confédération Compagnonnages Européens Europäische Gesellenzünfte), dem Dachverband mehrerer europäischer Gesellenvereinigungen. Die Vernetzung und der Austausch der Gesellenvereinigungen untereinander sind die Hauptziele des Verbands, mehr erfahren Sie online unter www.cceg.eu.
Das Verbandsmagazin „Bulletin“ erscheint zweisprachig (Deutsch & Französisch) und enthält in jeder Ausgabe Reiseberichte von Gesellen und Gesellinnen, die in Europa und weltweit auf die zünftige Walz gehen. Außerdem gibt das Magazin Einblicke in die Verbandsarbeit, Tipps für Fortbildungen und Seminare. Das Magazin kann online bestellt werden unter www.cceg.online.
Nächster Kurstermin und Infotag
Der nächste Kurs zur Restauratorin / zum Restaurator im Handwerk – Master Professional für Restaurierung im Handwerk startet am 15. Oktober 2026. Für Interessierte findet dazu am 27. Juni 2026 in Raesfeld ein kostenloser Infotag statt. Weitere Informationen gibt es unter www.akademie-des-handwerks.de/lehrgaenge/restaurator-im-handwerk
