Sichere Inspektion von Photovoltaikanlagen

Interview mit dem PV-Sachverständigen Thorsten Müller zur Arbeitssicherheit bei der Wartung und Montage von PV-Anlagen

Thorsten Müller ist Sachverständiger für Photovoltaikanlagen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Begutachtung von Photovoltaikanlagen auf Steil- und Flachdächern. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er bei der Inspektion vorgeht und welche Mängel er häufig an Photovoltaikanlagen feststellt.

dach+holzbau: Herr Müller, wie gehen Sie bei der Begutachtung von Photovoltaikanlagen vor?

Thorsten Müller: Für die Begutachtung von Photovoltaikanlagen auf Dächern nutze ich häufig Thermografie-Kameras und Drohnen. Das ist für mich die einfachste und schnellste Möglichkeit, zu den PV-Anlagen zu gelangen. Viele Dächer sind so hoch und unzugänglich, dass ich nur mit erheblichem Aufwand, etwa mit einer Arbeitsbühne oder einem Gerüst, an die PV-Anlage gelangen würde. Deshalb befliege ich die Dächer mit meiner Drohne, die mit einer herkömmlichen und einer Infrarotkamera ausgestattet ist.

Das ist für Sie inzwischen also eine gängige Methode?

Ja, das ist für mich die bevorzugte Methode. Auf Flachdächern, bei denen ich bequemer an die Module herankomme, fliege ich zunächst mit der Drohne über das Dach, um mir einen gewissen Eindruck zu verschaffen. Danach gehe ich mit einer Handkamera auf das Dach, um weitere, detailliertere Aufnahmen zu machen.

Wie lange dauert so eine Inspektion mit der Drohne?

Das kommt auf die Größe des Daches an – aber bei einem großen Industriehallendach mit 300 kW Anlagenleistung bin ich mit der Drohne innerhalb von 10 bis 15 Minuten fertig und habe alle relevanten Bereiche erfasst. Zu Fuß wäre ich dafür sicherlich mehre Stunden unterwegs.

Welche Vorteile hat die Infrarot-Kamera an der Drohne, die Sie für die Anlageninspektion nutzen?

Drohne mit Infrarotkamera Mit der Infrarotkamera lassen sich Teilausfälle einer PV-Anlage und Hot-Spots erkennen, die eine Brandgefahr darstellen können
Foto: Thorsten Müller

Mit der Infrarotkamera lassen sich Teilausfälle einer PV-Anlage und Hot-Spots erkennen, die eine Brandgefahr darstellen können
Foto: Thorsten Müller
Eine Infrarotkamera, also eine Wärmebildkamera, sieht einfach mehr als unser bloßes Auge. Sie erkennt zum Beispiel Teilausfälle einer PV-Anlage und auch Hot-Spots, die eine Brandgefahr darstellen können. Für die Begutachtung der Anlage braucht es jedoch die Sonneneinstrahlung. Wenn die Sonne auf das Modul scheint, wird Strom erzeugt. Je höher der Stromertrag ist, desto leichter sehe ich Fehlerquellen.

Wie häufig sollte eine Photovoltaikanlage aus Ihrer Sicht gewartet werden?

Ich empfehle eine Wartung pro Jahr. Es besteht grundsätzlich die Pflicht zur wiederkehrenden Prüfung, spätestens alle vier Jahre muss die Anlage geprüft werden. Ich habe einige Wartungsverträge mit Anlagenbetreibern abgeschlossen, bei denen ich meistens jährlich die Anlage begutachte. Es gibt verschiedene Prüfintervalle für Photovoltaikanlagen: jährlich, alle zwei Jahre oder alle vier Jahre. Generell kann man aber sagen: Je größer die Anlage ist, desto geringer sollte der Zeitabstand der Wartungen sein. Gerade bei größeren Photovoltaikanlagen auf Industrie- oder Gewerbedächern gelten oftmals die Richtlinien des VdS (VdS = Verband der Sachversicherer), das heißt, die Gebäudeeigentümer müssen sowieso jährlich eine VdS-Prüfung im Gebäude durchführen.

Wie sichern Sie sich bei Dachinspektionen vor Absturzunfällen?

Die PSAgA gehört bei mir zur Grundausstattung, einen Gurt zur Absturzsicherung habe ich immer dabei. An schwer zugänglichen Dächern nutze ich allerdings in der Regel eine Lkw-Arbeitsbühne, mit der ich das Gebäude abfahre. Die Besichtigungen mache ich dann aus der Bühne heraus. Ich muss meistens nicht direkt an die Module, sondern eher darunter schauen, vielleicht das Modul und das Gestell kurz bewegen und feststellen, ob es stabil ist. Dafür reicht eine Lkw-Arbeitsbühne aus, die entweder vom Auftraggeber zur Verfügung gestellt wird oder die ich anmiete.

Der Zugang zum Dach erfolgt wahrscheinlich häufig mit einer Leiter, oder?

Ja, aber häufig ist es bei Schadengutachten so, dass es heißt: „Ich habe eine Leiter hingestellt, du kannst auf das Dach“ und dann ist die Leiter entweder klapprig, zu kurz oder völlig ungeeignet. Das sind Fälle, bei denen ich eine Besichtigung ablehne. Entweder wird dann spontan eine Arbeitsbühne organisiert oder es muss eben ein Gerüst gestellt werden. Eine kurze Leiter bis vier Meter Länge habe ich allerdings auch immer dabei.

Seitenschutz_Photovoltaikanlage_Hallendach.jpg Ein Seitenschutzgeländer als kollektive Schutzmaßnahme sorgt für die Absturzsicherung
bei der Installation einer Photovoltaikanlage auf diesem Hallendach
Foto: Thorsten Müller

Ein Seitenschutzgeländer als kollektive Schutzmaßnahme sorgt für die Absturzsicherung
bei der Installation einer Photovoltaikanlage auf diesem Hallendach
Foto: Thorsten Müller

Sie begleiten auch die Montage von Solaranlagen, beraten Sie hierbei auch zum Thema Absturzsicherheit?

Wenn ein Planungsbüro technische Fragen hat, also gerade bei größeren Projekten, stehe ich beratend zur Seite und mache auch die Baubegleitung – dazu gehören eine Besichtigung während der Bauphase und später auch die Abnahme. Wenn ich Anlagenbesichtigungen mache, dann berate ich auch zum Thema Absturzsicherheit, weil der Bauherr ja auch in der Haftung sein kann. Wenn eine Absturzsicherung fehlt, breche ich auch mal eine Besichtigung ab und mache erst weiter, wenn eine adäquate Absturzsicherung angebracht ist.

Welche Absturzsicherungen werden besonders häufig für Solardächer genutzt?

Im Einfamilienhaus-Bereich, also bei kleineren Photovoltaikanlagen, arbeiten Installateure häufig mit Leiter- oder Schnellgerüsten. Der Vorteil dieser Gerüste ist, dass sie kostengünstig und schnell einsatzbereit sind. Diese Gerüste haben allerdings keinen Seitenschutz, sondern bieten nur in dem jeweiligen Arbeitsbereich Schutz gegen Absturz. Bei großen Industriedächern wird oft professioneller vorgegangen, da ist dann rund um die PV-Anlage häufig eine Absturzsicherung vorhanden, entweder ein Seitenschutzgeländer, eine Absperrung oder ein Schienensystem zum Anschlagen für die Wartung durch qualifiziertes Personal. Bei PV-Anlagen in der Bauphase fehlt leider häufig eine Absturzsicherung. Ein Gerüst oder ein anderes System zur Absturzsicherung ist überwiegend nicht vorhanden oder oft mangelhaft.

Stellen Sie aus Ihrer langjährigen Erfahrung eine höhere Sensibilität fest? Hat sich die Einstellung von Solarinstallateuren zur Absturzsicherheit geändert?

Es wird leider eher schlechter! Gerade der PV-Markt ist ein expandierender Markt, vor allem in der Einfamilienhaus-Branche. Da werden zum Teil Subunternehmer angeheuert, die zwar keine Angst haben, sich auf dem Dach zu bewegen – aber Sicherheit ist da meist nicht gegeben.

Wie reagieren Bauherren, wenn Sie die Arbeiten auf einer Baustelle wegen fehlender Absturzsicherung unterbrechen oder sogar abbrechen?

Da gibt es natürlich Diskussionen, nach dem Motto: „Da ist doch alles ordnungsgemäß ...“ – aber ich lasse mich auf keine Diskussionen mehr ein, sondern hole in solchen Fällen die BG Bau hinzu, um das gemeinsam zu klären und für Abhilfe zu sorgen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Adresse und Kontakt

Thorsten Müller, anerk. Sachverständiger für Photovoltaikanlagen (VdS)

88693 Deggenhausertal

Tel.: 07555/9299370

Mobil: 0151/40015509

mail@pvgutachten.info

www.pvgutachten.info

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