Abenteuer Bauen in Bulgarien

Dachsanierung eines Hauses, Außendämmung mit Stroh

Ein Dach- und Holzbauprojekt wurde jüngst in Bulgarien vom Fachverband Strohballenbau (fasba) als internationales „Learning-by-doing“-Mitmachbaustellenprojekt initiiert. Das extrem knappe Budget brachte die Baustelle zwar an die Grenzen des Machbaren, war damit aber auch außerordentlich ressourcenschonend.

Unweit der Stadt Pazardjik, mitten in Bulgarien, rund 100 km von der Hauptstadt Sofia entfernt, wurde im Sommer 2012 ein Baustellenvorhaben sehr alternativ bewerkstelligt. Der Fachverband Stohballenbau (fasba) schrieb die Baustelle als internationales Mitmachprojekt aus. Dem Aufruf folgten einige Helfer, manche waren aus Polen angereist, einige aus Deutschland. Sie wollten durch die Mitarbeit bei freier Kost & Logis Dacharbeiten und Außendämmung mit Stroh erlernen und erfahren.

 

Stark sanierungsbedürftiges Haus

Das sanierungsbedürftige, 60 Jahre alte, zum Teil aus Abfall- und Waldhölzern zusammengezimmerte Dach des Hauses war kurz vor dem Zusammenbrechen. Bei Regen mit starkem Wind hatte es schon durchgeregnet. Mit der geplanten Photovoltaik (PV)-Anlage sollte das Energiekostenproblem dauerhaft gelöst werden. Deshalb wurde eine PV-Anlage in maximaler Größe auf die Südseite geplant. Die Fassade des Hauses war ungedämmt, auch sie war Teil des Bauvorhabens.

Bei dem äußerst Ressourcenschonendem Dämmverfahren mit Strohballen musste zunächst die Dachgestaltung (Dämmdicke, Sparrenüberstand, Pfettenüberstand) auf die Dämmmethode abgestimmt werden. Bei der Dachkonstruktion half eine eigens dazu ausgedachte Doppel-Sparren-Lösung, ähnlich einer Brückenkonstruktion, die Last aufzunehmen. Drei Tonnen Strohballen und je eineinhalb Tonnen Dachziegel und PV-Anlage wollten schließlich von der Statik getragen werden.

 

Knappes Budget, große Kreativität

Knapp 10 000 Euro standen dem Bauherrenpaar als Eigenkapital zur Verfügung. Das Projekt ist also ein gutes Beispiel dafür, dass energetische Sanierungsverfahren auch für kleine Geldbeutel machbar sind. Normalerweise kostet das Dämmen eines Einfamilienhauses inklusive Fenster-Erneuerung in Bulgarien mindestens 30 000 Lewa, also rund 15 000 Euro. Dachstuhl und Dachpfannen kommen extra hinzu.

Das Haus ist mit rund 13 x 8 m Grundfläche etwa anderthalb mal so groß wie normale, mittlere Einfamilienhäuser. Allerdings machten die Umgestaltung des Daches von Walm- auf Satteldach, die Aufstockung um rund einen Meter und die Wohnraumerweiterung die Sanierung aufwendig. Unter 30 000 Euro ist das normalerweise auch in Bulgarien nicht zu schaffen. 

Einsparungen brachten die Fenster plus Rahmen und die Haustüre. Diese Bauteile bekam das Bauteam von einer Sanierungsbaustelle in Deutschland vom Fensterbauer geschenkt.

3000 Euro blieben für die Außendämmung. Das gelang durch die Verwendung der Strohballen, die etwa 1 / 13 des herkömmlichen Dämmmaterials (EPS) kosten. Bei den Putzarbeiten können die Kosten durch Eigenleistung und die Minimierung der Transportkosten klein gehalten werden. Die Verwendung von Lehm aus der öffentlichen Lehmgrube ist umsonst. Der hohe Grad an Eigenleistung ersetzte zwei Facharbeiter.

Durch eigene Planung und Projektierung, schon von Deutschland aus, konnten ebenfalls Kosten gespart werden. Baugenehmigungskosten fielen nicht an, da im Grunde „nur“ eine Dachsanierung mit Dacherneuerung und Außendämmung vorgenommen wurde.

Hinzu kommen geringe Lohnkosten. Zwei Baufacharbeiter plus ein Helfer, der das Material vorbereitet und bereitstellt, kosten an einem Tag soviel, wie in Deutschland etwa eine Stunde für einen Arbeiter vom Bauunternehmer kalkuliert würde.

 

Die regionale Wirtschaft wurde unterstützt

Das Projekt hat gezeigt, dass es möglich ist, auch mit geringem Budget, eine energetische Sanierung mit ökologischem Bauen zu verbinden. Ein soziales Projekt wurde es zudem, weil die Dämmstoffe, der Lehm und andere Baumaterialien aus der Region kamen. So kam der Wertschöpfungskreislauf mit einem geringen Radius aus und brachte Arbeit und Handel in die strukturschwache Region. Durch die Baumethode wurde natürlich auch die Materialbeschaffung sehr umweltfreundlich möglich: Stroh und Lehm kamen aus der unmittelbareren Nachbarschaft und wurden mittels der landestypischen Pferdefuhrwerke zur Baustelle befördert.

Das Sägewerk im Dorf war mit der Holzbeschaffung beauftragt, das Holz kommt aus dem bewaldeten Rodopen-Gebirge, das direkt vor der Haustür liegt.  

Die Handwerker kamen mit minimalstem Energieverbrauch aus: Nicht einmal eine Betonmischmaschine wurde eingesetzt. Alles wurde von Hand gemischt. Sechs Meter lange Dachsparren hievten die Handwerker manuell über die acht Meter hohe Traufkante. Es gab keinen Stromverbrauch für Kran oder Lastenaufzug, um die acht Tonnen Material aufs Dach zu wuchten: das Maximum an Erleichterung war eine einfache Seilrolle.

Der Meister, Willi Willitschko, ein Glücksfall!

Großes Glück hatte die Baucrew mit einer Empfehlung des Holzhändlers aus dem Nachbardorf. Dieser empfahl einen Mann, der für das Projekt genau der Richtige war: zuverlässig, schnell, pünktlich, in schwierigen, ungewöhnlichen Fällen maximal versiert und erfahren. Dazu freundlich, umgänglich und er machte faire Preise.

„Es war ein Segen diesem Manne, Willi Wilitschko, begegnet zu sein“, sagt Katharina Gjurdzekliewa, die Bauherrin, „er zuckte mit keiner Wimper, als von einer Strohballendämmung die Rede war.“ Mindestens die Bedenken „geht nicht wegen des Brandschutzes“ oder „Mäuse-Plage“ hatten die Planer erwartet. Stattdessen stellte sich heraus, dass er für ein englisches Ehepaar eines der ersten Strohballenhäuser in Bulgarien gebaut hatte. Also ein echter Fachmann auf diesem Gebiet. Und für das Projekt ein Glücksfall.

Sämtliches Material bestellten die Planer über ihn, es wurde dann „just-in-time“ frei Haus zu vergünstigten Konditionen geliefert. Vor allem aber dachte sich Willi Willitschko in die enge Liquiditäts-Situation ein und half als erfahrener Handwerksmeister an allen Ecken und Enden beim Sparen. Durch das Recycling von Beton und Eisen-Armierungen, Steinen, Ziegeln und Althölzern konnten Ressourcen gespart und günstig gebaut werden. Alte Materialien gab es zum Nulltarif.

 

Eigenkonstruktion spart Holz und Gewicht

„Als besonders spannend empfand ich den Dachstuhl-Aufbau“, berichtet die Senior-Bauherrin Jordanka Gjurdzekliewa, „mit jedem Tag, manchmal in wenigen Stunden, verändert sich das Gesicht des Daches und damit des ganzen Hauses, kolossal“. Ein besonderer Hingucker, auch für die anderen Dorfbewohner, war das selbst konstruierte Doppel-Sparren-System.

Um die statischen Anforderungen zu erfülle wären normalerweise 12 x 12 cm, wenn nicht sogar 16 x 16 cm Sparren für das Dach notwendig gewesen. Das Eigengewicht der Balken wäre um das 2¼- beziehungsweise 4-fache der letztlich gewählten 8 x 8 cm Sparrenlösung gewesen. Die Konstruktion ähnelt der einer Dreieckstrebenbau-Träger(DSB)-Konstruktion. Im Vergleich zu einem 16er Balken ergibt sich eine Materialersparnis von rund 50 Prozent. Bei den Trägern wurden 24 cm lange Distanzstücke alle 80 cm eingesetzt und mit 30 Grad-Schnitten (= Dachneigung) versehen. Der Träger aus zwei Sparren hat nun eine Gesamthöhe von 40 cm. Damit passen die Strohballen bündig zwischen die Sparren.  

Der reine Holzbau wurde bis Ende September fertig gestellt. Die Fassadendämmung mit Strohballen ebenfalls. Als letzter Arbeitschritt folgte die Dämmung des Daches im Oktober. Direkt auf die Strohballen wurde ein Lehmputz aufgetragen. Der Außenputz wurde letztlich mit einem Kalkputz-Finish versehen.  

Nach Fertigstellung des Hauses ist die Gründung einer kleinen Firma für erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe und Baustoffe in dem 1500 Einwohner-Dorf vorgesehen. Damit soll in die strukturschwache Gegend zum einen Arbeit gebracht und damit eine Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden, zum anderen die Kosten für den Energieverbrauch gesenkt werden.  

Glücklich waren am Ende alle, am meisten aber freute sich die Bauherrin: „Dass ich ein neues Haus, mein Traumhaus, bekommen habe und dass wir das mit so wenig Geld und in nur drei Monaten wirklich geschafft haben, macht mich sehr glücklich!“

 

Autor

Michael Boeken ist Schriftsteller und ausgebildeter Fachberater für Photovoltaik, Solarthermie und Wärmepumpen. Er war bei diesem Projekt verantwortlich für die Projektplanung, Leitung und Bauaufsicht. Die Bauherrin ist seine Lebensgefährtin.

Bauen mit Stroh und Kost für Koje – auch für
Wandersleute auf der Walz

Der Fachverband Strohballenbau schreibt immer wieder Mitmachprojekte aus, bei denen interessierte Handwerker, Laien oder Gesellen auf Wanderschaft mithelfen können. Dabei wird meist nach dem Prinzip „Kost für Koje“ gearbeitet und man lernt landestypische Eigenheiten kennen. So wurde die Hauptmahlzeit oft nach landestypischer Balkan-Art zubereitet. Die Helfer wurden bei diesem Projekt im Haus untergebracht. www.fasba.de

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