Neues Reet für altes Dach

Reetdach eines Einfamilienhauses in Gütersloh ausgebessert

Gebunden und sortiert liegen die Reet-Bunde auf der Baustelle. Das Dach des Einfamilienhauses, das einst mit dem Naturbaustoff gedeckt wurde, ist teilweise verwittert. Auf der Traufseite klopfen Dachdecker neues, sonnengelbes Reet fest – sie bessern einen Teil des 40 Jahre alten Reetdachs aus.

Das Einfamilienhaus in Gütersloh-Avenwedde ist dunkelbraun und teilweise mit Moos bewachsen. Seit 40 Jahren liegt die erste Reetdeckung auf dem Dach. An der Vorderseite ist ein Teil des Daches von Bäumen beschattet, dadurch konnte das Reet bei Regen nicht richtig austrocknen. „Die Reetschicht wurde an diesen Stellen immer dünner“, sagt der Besitzer des Hauses, „und Hagel hat das Dach zusätzlich beschädigt.“

An manchen Stellen kam bereits der Draht zum Vorschein, der die Reetbunde hält. „Es war dringend notwendig, einen Teil der Deckung zu erneuern“, sagt der Hausbesitzer. Er kontaktierte dazu die Dachdeckerei Büssing, die das Dach schon vor etwa 40 Jahren mit Reet gedeckt hatte.

Vom Reetdach bis zum Flachdach

Der Dachdeckerbetrieb Büssing hat seinen Sitz in Vechta, etwa 60 km südlich von Bremen. Der Handwerksbetrieb existiert schon seit 1918. In den Anfangsjahren führten die Handwerker der Büssing Bedachungs GmbH ausschließlich Reetarbeiten aus. Heute erledigen die Dachdecker aber auch Arbeiten wie das Eindecken von Steildächern und das Abdichten von Flachdächern. Der Bau von Gartenpavillons mit reetgedeckten Dächern gehört ebenso zum Arbeitsfeld wie das „Brot und Butter-Geschäft“, also das Abdichten von Industriehallendächern mit Sandwichpaneelen und andere Dachdeckerarbeiten. Von den 22 Dachdeckern, die für den Betrieb arbeiten, sind zwölf Reetdachdecker. Aktuell machen zwei Lehrlinge ihre Ausbildung bei dem Dachdecker-Unternehmen, allerdings nicht im Bereich Reetdach, obwohl der Betrieb auch in diesem Bereich ausbildet.

Unterkonstruktion für das Reet

Bevor die Dachdecker das Dach des Einfamilienhauses in Gütersloh ausbesserten, mussten sie das alte Reet abtragen. Ein Großteil davon wurde später als Grünabfall entsorgt.

Um ein Dach mit Reet zu decken, braucht es eine Trag- und Konterlattung wie bei einem Ziegeldach. Die Dachdecker nutzten in diesem Fall die bereits vorhandene Lattung. Der Lattenabstand der Traglatten beträgt hier 35 cm. Das Dach ist um 40° geneigt, über den Gauben ist es flacher. „Eigentlich hätte das Dach fünf Grad steiler sein müssen“, sagt der Hausbesitzer, „dann würde der Regen besser ablaufen.“ Tatsächlich beträgt die Regeldachneigung für Reetdeckungen 45°. In küstennahen Gebieten sollten Reetdächer sogar noch steiler sein: Eine Dachneigung von 50° und mehr wird in der Fachregel für Dachdeckungen empfohlen.

Zuschnitt mit der Elektro-Heckenschere


Unter der Lattung des Daches des Einfamilienhauses in Gütersloh ist eine Glaswolldämmung verbaut, darunter sind Brandschutzplatten auf den Dachsparren befestigt. Luft bekommt das Reetdach durch die Belüftungsschicht, die die Lattung bildet. „Ein Reetdach braucht Licht und Luft, damit es nach einem Regen trocknen kann“, erklärt der erfahrene Reetdachdecker Siegbert Evers. Er arbeitet schon seit 40 Jahren als Reetdachdecker. Zusammen mit zwei Kollegen, Christian Lammers, ebenfalls Reetdachdecker und Bauhelfer Friedrich Höner, sanierte er das Dach in Gütersloh. Während die Reetdecker auf dem Dach die Reetbunde eindeckten, erledigte Friedrich Höner die Vorarbeiten, etwa das Sortieren und Zuschneiden der Reetbunde, die die Dachdecker auf dem Dach brauchen. 


Geschraubte und gebundene Deckung

Gebunden, genäht oder geschraubt – es gibt verschiedene Möglichkeiten, Reet auf dem Dach zu befestigen. Dabei decken Reetdachdecker das Reet von unten nach oben ein. Häufig genutzt wird in Deutschland die geschraubte Deckung. Auch die Dachdecker von Büssing Bedachungen nutzten auf der Baustelle in Gütersloh diese Methode. Die Reetbunde, die dabei noch mit Drähten festgebunden sind, legen die Dachdecker dafür auf die Lattung. Damit die Bunde an ihrem Platz bleiben, werden sie mit Holznägeln festgesteckt. Als nächstes drehen die Dachdecker Drahtschrauben zwischen den Bunden in die Lattung, an denen ein Stück Draht mit zwei langen Enden verdrillt ist. Zum Einschrauben nehmen die Dachdecker einen normalen Akkuschrauber mit einer Schraubverlängerung. Nachdem die Drahtschrauben eingedreht sind, ragen die Drähte noch aus dem Reet heraus. Später werden sie an einer Metallstange verdrillt und befestigt.

Gebundene Reetdeckung mit Rundnadel

Doch die Reetdachdecker nutzten in Gütersloh auch eine andere Art der Befestigung: die gebundene Reetdeckung. Dabei befestigen die Dachdecker den Draht mit einer Rundnadel an den Dachlatten. Den Draht fädeln sie dafür wie Nähgarn in eine Öse an der Rundnadel. Dann führen sie das halbrunde Werkzeug mit dem Draht einmal um die Dachlatte. Um die Bunde festzumachen, legen die Dachdecker nun eine lange Stange auf das Reet, parallel zur Traglattung. Per Hand drehen sie den Draht vorerst provisorisch an der Stange fest und öffnen dann die Bunde. Mit der Hand lockern die Dachdecker das Reet auf und verteilen es. Dann nehmen sie ihr Klopfbrett, eine Metallplatte an einem Holzstiel, und klopfen das Reet von unten fest. Das Reet schiebt sich dadurch nach oben und verdichtet sich.

Mit einer Nadel, an der eine Markierung ist, messen die Dachdecker, ob die Reetschicht dick genug ist – 35 cm müssen es sein. An Dachkehlen muss die Reetschicht 10-20 cm dicker sein. Dann verdrillen sie den Draht an der Stange mit einem selbstgebauten Dreher. Im Dachdeckereinkauf gibt es dafür so genannte Rödler, die den gleichen Zweck erfüllen. Jetzt erst lösen die Dachdecker die Holznägel, die das Reet fixiert haben.

Reet aus Österreich

Das Reet für das Dach stammt vom Neusiedler See in Österreich. Dort wird es geerntet, sortiert, getrocknet und zu Bunden gepackt. Die Bunde werden direkt zu Büssing Bedachungen nach Vechta geliefert. Hier wird das Reet geprüft und wettergeschützt gelagert. Die Reetdachdecker nehmen dann immer nur die Mengen mit, die sie für eine Baustelle brauchen. So ist das Reet nicht unnötig lange auf einer Baustelle der Witterung ausgesetzt.

Heidekraut für den First

Doch die Dachdecker der Firma Büssing haben nicht nur den Naturbaustoff Reet auf der Baustelle in Gütersloh genutzt, sondern auch ein anderes Material: Heidekraut, das sie zum Eindecken des Firsts benutzen. Den Dachfirst eines Reetdaches mit Heidekraut einzudecken, ist eine von verschiedenen Techniken. Alternativ lässt sich der First auch mit Reet, Stroh, Grassoden oder Kupferblech eindecken. Das Heidekraut bezieht Büssing Bedachungen von einem holländischen Händler. Auf der Baustelle wird das Material zu Rollen geformt, die mit Maschendraht umwickelt werden. Die Rollen werden auf dem First auf eine Unterspannbahn gelegt und mit Maschendraht umwickelt, für einen besseren Halt und damit Vögel nicht das Geäst aus dem First picken.

In drei Wochen ausgebessert

Nachdem die Reetdachdecker das Dach des Hauses in Gütersloh an der Traufseite und auf den Dächern der Gauben ausgebessert hatten, säuberten sie noch die restliche Dachfläche und befreiten sie von Moos. Die Reetdachdecker erledigten die Ausbesserung innerhalb von knapp drei Wochen und verarbeiteten dabei 1200 Bund Reet. Nun wird es noch etwas dauern, bis sie das nächste Mal kommen müssen. Eine Inspektion des Reetdachs ist nur alle zehn Jahre fällig.

Autor

Stephan Thomas ist verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift dach+holzbau in Gütersloh.

Bautafel (Auswahl)

Projekt Ausbesserung des Reetdachs eines Einfamilienhauses in Gütersloh-Avenwedde

Bauzeit Februar 2019 (3 Wochen)

Dachdecker Wolfgang Büssing Bedachungs GmbH, 49377 Vechta, www.buessing-dach.de

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