Großes Loch = große Gefahr?

Wann ist eine Leckage gefährlich?

In unserer Serie zur Bauphysik beleuchten wir dieses Mal das Thema Undichtigkeiten in der Gebäudehülle. Ob durch diese Leckagen das Bauschadenspotenzial erhöht ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Größe der Leckage ist dabei nicht entscheidend, sondern ihre Lage im Gebäude.

Eine große Leckage bedeutet eine große Gefahr für die Konstruktion. Das ist die verbreitete Meinung. Schließlich liest man auch in den Blower-Door-Normen (Normative Vorgaben für Luftdichtheitsmessungen zur Überprüfung der Gebäudehülle), dass große Leckagen im Prüfprokoll notiert werden müssen. Allerdings gibt es keine nähere Definition, was eine große Leckage ist. Dabei liegt die Tücke im Detail: sogar kleinste Luftundichtheiten können große und teure Bauschäden verursachen.

Kamineffekt: Bei Leckagen entscheidet die Lage

Ganz entscheidend zur Bewertung der Gefährlichkeit einer Leckage ist deren Lage im Gebäude. Bei einem beheizten Haus herrscht im Erdgeschoss in der Regel ein Unterdruck und in den oberen Bereichen ein Überdruck in den Räumen. Dieses physikalische Phänomen wird auch Kamineffekt genannt. Die Erklärung: Der Luftdruck nimmt außen schneller ab als innen. Ungefähr auf halber Höhe des Gebäudes liegt die druckneutrale Ebene, in der es keinen Druckunterschied zwischen innen und außen gibt. Der wichtigste Aspekt ist nun, auf welcher Seite der druckneutralen Zone /Ebene sich das Loch in der Gebäudehülle befindet.

Ist Wärmeverlust eine Gefahr für Konstruktion?

Bei einer Leckage im unteren Teil des Gebäudes zieht es ein wenig rein und es wird unbehaglich, aber es passiert in der Regel nichts. Spannend wird es im oberen Bereich, wo warme, feuchte Luft in das Bauteil eindringt. Vor allem dann, wenn sie beispielsweise durch eine Unterdeckbahn abgebremst wird, kondensiert sie und es kann zur Durchfeuchtung des Bauteils kommen. Würde die warme Luft nicht abgebremst und einfach nach außen dringen, gäbe es zwar Wärmeverluste, aber weniger Gefahr für das Bauteil. Bei einer Holzbalkendecke entscheidet die Lage zur druckneutralen Zone darüber, ob ein Unterdruck oder Überdruck entsteht und somit, ob es an den Balkenköpfen rein- oder rauszieht mit den oben geschilderten Folgen.

Achtung vor unsichtbaren und unfühlbaren Leckagen

Nicht jede Leckage ist sichtbar oder fühlbar. Wenn man an den Steckdosen in den Abseiten des Dachgeschosses einen Luftzug wahrnimmt, hat die Luft unter Umständen schon einen längeren Weg zurückgelegt. Die eigentliche Leckage liegt unter Umständen mehrere Meter weit weg an einer Abklebung der Dampfbremse. Somit hat sich die kalte Außenluft schon erwärmt und ist mit der Thermokamera nicht immer sichtbar und manchmal nicht einmal mit der Hand fühlbar. Hier hilft ein Luftströmungsmesser (Anemometer). Heimtückisch sind auch Schächte, die durch das ganze Haus verlaufen. Auch hier entsteht ein heftiger Kamineffekt durch kleinere Leckagen im Dachgeschoss.

Forschungsprojekt zu Leckagen

Mit der Frage, welche Leckage einen negativen Einfluss auf die Konstruktion haben könnte, hat sich ein Forschungsvorhaben beschäftigt. Dieses wurde vom Fachverband Luftdichtheit im Bauwesen (FLiB) initiiert. Der 160-seitige Ergebnisbericht ist kostenfrei auf www.flib.de  herunterladbar („Bewertung von Fehlstellen in  Luftdichtheitsebenen – Handlungsempfehlung für Baupraktiker.“  )

Leckagen: Unterschätze nie ein kleines Loch

Am gemeinsten sind allerdings die kleinen Löcher, die man übersieht und unterschätzt. Vor allem dann, wenn das Gebäude beim Blower-Door-Test gut abschneidet. Kleiner Tipp: Halten Sie beim nächsten Test mal die Finger an die Steckdosen der Innenwände im Dachgeschoss. Wenn es da zieht, liegt meist ein konstruktiver Fehler vor. In der Regel fehlen dann die oberseitigen Abdeckungen der Innenwände, wie es in der Luftdichtheitsnorm DIN 4108-7 beschrieben ist.

Fazit

Die Gefährlichkeit einer Leckage hängt im Wesentlichen nicht von ihrer Größe, sondern von der Lage im Gebäude ab. Während es in den unteren Stockwerken in der Regel nur zu unangenehmen Zugerscheinungen kommt, führen selbst kleine Undichtigkeiten im oberen Teil des Gebäudes oft zu erheblichen Schäden. Daher sollte schon in der Planung die Luftdichtheitsebene – inklusive Anschlüsse und Durchdringungen – klar definiert und von guten Handwerkern ausgeführt und anschließend kontrolliert werden.


Autor

Holger Merkel ist Geschäftsführer bei der Bionic3 GmbH. Er ist unter anderem Ausbilder für die Pro Clima-Wissenswerkstatt, das Energie- und Umweltzentrum EUZ und die TÜV Rheinland Akademie.

Wie funktioniert das?

Haben Sie auch eine Frage zur Bauphysik? Dann schreiben Sie an die dach+holzbau-Redaktion (ruediger.sinn@bauverlag.de) oder an  redaktion@proclima.de.  Weitere Fragen zur Bauphysik und die entsprechenden Antworten finden Sie auf  https://blog.proclima.com/de/category/frag-das-kaenguru/

Literatur (Links und Quellen)

DIN 4108-7:2011-01: Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden – Teil 7: Luftdichtheit von Gebäuden – Anforderungen, Planungs- und Ausführungsempfehlungen sowie -beispiele, DIN Deutsches Institut für Normung e. V. , Januar 2011.

DIN EN 13829: Wärmetechnisches Verhalten von Gebäuden. Bestimmung der Luftdurchlässigkeit von Gebäuden. Differenzdruckverfahren (ISO 9972:1996, modifiziert); Deutsche Fassung EN 13829:2000,  DIN Deutsches Institut für Normung e.V., www.bauregeln.de, Februar 2001.

Bewertung von Fehlstellen in Luftdichtheitsebenen – Handlungsempfehlung für Baupraktiker, Forschungsinitiative Zukunft Bau, Band F 3012.  Kostenloser Download: https://flib.de/publikationen/forschungsbericht/FLiB_Forschungsbericht_2016.pdf „Ergebnisse des Forschungsprojekts zur Leckagebewertung“, pro clima TV, 18.01.2017, Forschungsprojekt Leckagebewertung,  „Wann ist eine Leckage gefährlich? Beurteilung bei Blower-Door-Messungen“, pro clima TV, 06.10.2015

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