Fluchtweg über die Fledermausgaube zum Ausklappen

Fluchtweggaupe als Rettungsweg für denkmalgeschützte Dachformen

Oft stehen Bauherren oder Architekten bei der Sanierung denkmalgeschützter Gebäude vor der Herausforderung, dass das Dachgeschoss nicht genug Fluchtwege bietet. Die sind aber zwingend notwendig, wenn das Dach zum Wohnraum ausgebaut wird. Eine neue Erfindung soll helfen, das Problem zu lösen.

Bildquelle_SOLTKAHN_AG_Spornstrasse_Ansicht_mit_geschlossener_Fluchtwegga....jpg Dieses Haus in Potsdam wurde grundlegend restauriert und Fledermausgauben nach historischem Vorbild eingebaut
Foto: Soltkahn AG

Dieses Haus in Potsdam wurde grundlegend restauriert und Fledermausgauben nach historischem Vorbild eingebaut
Foto: Soltkahn AG
Den Originalzustand eines historischen Daches zu bewahren und gleichzeitig die Anforderungen des Brandschutzes, Denkmalschutzes und der Bauherren zu erfüllen, kann zu Konflikten führen. Wie sich solche Probleme vermeiden lassen, zeigt der Neubau des Dachgeschosses eines Wohnhauses in Potsdam. Das Wohnhaus, das 1683 als Fachwerkhaus erbaut wurde, hat ein Erdgeschoss, zwei Obergeschosse und einen Dachraum, der bis zur Sanierung ungenutzt blieb. Vor der Sanierung war das Gebäude in einem sehr schlechten Zustand. Weil es zu den wenigen erhaltenen Beispielen der barocken Stadterweiterung Potsdams gehört, steht es unter Denkmalschutz. Daher musste das Potsdamer Amt für Denkmalpflege alle Rekonstruktionsmaßnahmen genehmigen. In der Regel lohnen sich aufwendige Sanierungsarbeiten aus wirtschaftlicher Sicht aber erst, wenn dadurch Wohnraum geschaffen wird. Darum war auch bei diesem Projekt der Ausbau des Dachgeschosses zu Wohnzwecken geplant.

Fledermausgauben rekonstruiert

Um den Dachraum in nutzbare Dachgeschosswohnungen aufteilen zu können, musste aufgrund bauordnungsrechtlicher Auflagen der Feuerwehr ein zweiter Fluchtweg geschaffen werden. Gleichzeitig forderte das Amt für Denkmalpflege in Potsdam die Rekonstruktion der Fledermausgauben des Daches in ihrer ursprünglichen Form. An dieser architektonischen Herausforderung waren in der Vergangenheit bereits zahlreiche Architekten gescheitert. Mit der Entwicklung der „Fluchtweggaupe“ wurde dieses Problem individuell gelöst.

Das Prinzip der Auto-Heckklappe

Eine Fluchtweggaupe ist ein ausklappbares Element, dass sich unter den Dachziegeln verbirgt. Sie bietet im Brandfall eine Standfläche im Außenbereich für Hausbewohner
Foto: Soltkahn AG

Eine Fluchtweggaupe ist ein ausklappbares Element, dass sich unter den Dachziegeln verbirgt. Sie bietet im Brandfall eine Standfläche im Außenbereich für Hausbewohner
Foto: Soltkahn AG
Eine „Fluchtweggaupe“ besteht aus einem ausklappbaren Mechanismus mit zwei in Trittstellung gebrachten Stufen. Im Notfall lassen sich die Stufen mit einem leichtgängigen Gasdruckfedermechanismus über die Traufe nach außen klappen. Dank des eingesetzten Hebelmechanismus ist das ohne Kraftanstrengung spielend einfach möglich. Selbst kleinere oder schwächere Personen können so die „Fluchtweggaupe“ öffnen. Dabei handelt es sich aber nicht um einen Hebel im klassischen Sinne. Das Prinzip gleicht vielmehr dem einer Heckklappe beim Auto. Damit der ursprüngliche Charakter des Hauses keine optische Beeinträchtigung erfährt, liegt die Konstruktion hinter einem Teil des gedeckten Dachs verborgen. Das wird erreicht, indem Dachdecker Dachziegel von außen an das bewegliche Element schrauben. So lässt sich die Konstruktion im geschlossenen Zustand nicht erkennen. Bei dem denkmalgeschützten Wohnhaus in der Spornstraße nutzten die Dachdecker dafür Biberschwanzziegel. Da die Gebäudehülle vollständig geschlossen ist, stellt der Einbau aus energetischer und feuchteschutztechnischer Sicht kein Problem dar. Darüber hinaus ist der Hebelmechanismus nahezu wartungsfrei und funktioniert netzunabhängig.

Fledermausgauben zu klein für Fluchtwege

Fledermausgauben_SOLTKAHN_AG_Bauphase_2.jpg Das alte Dach wurde rekonstruiert und neue Fledermausguaben eingebaut. Die Öffnungen der Fenster wären für einen Fluchtweg aber zu eng gewesen
Foto: Soltkahn AG

Das alte Dach wurde rekonstruiert und neue Fledermausguaben eingebaut. Die Öffnungen der Fenster wären für einen Fluchtweg aber zu eng gewesen
Foto: Soltkahn AG
Damit Fenster als Rettungswege dienen dürfen, liegt die benötigte Mindestanforderung bei einer Größe von 0,9 mal 1,2 m – in diesem Fall hatten die ursprünglichen Fledermausgauben zu enge Fensteröffnungen, um als Fluchtweg zu dienen. Mit der „Fluchtweggaupe“ ließen sie sich dennoch als Fluchtweg nutzen. Dabei kann die Konstruktion an Dachneigungen von 25    bis 50 Grad angepasst werden. Beim Aufklappen entsteht ganz automatisch eine kleine Terrassenfläche, auf die die zu rettende Person hinaustreten kann. Im Fall eines Brandes erkennt die Feuerwehr die Person von unten sehr gut, da sie sich bereits im Freien befindet.

Um die Sichtbarkeit zu verbessern oder zum Anleitern der Feuerwehr können die Personen auch auf die Stufen treten. Dieser Bereich sollte allerdings nur im Notfall betreten werden. Eine Brüstung mit einer Mindesthöhe von 100 cm bietet hier eine ausreichende Absturzsicherung. Zudem besteht die Möglichkeit, am äußeren Ende der Konstruktion einen Haltegriff anzubringen, mit dessen Hilfe auch die „Fluchtweggaupe“ aufgestoßen werden kann.

Schutz vor Rauchentwicklung

Darüber hinaus bietet der Aufenthalt im Freien einen ausreichenden Schutz vor Rauchentwicklung. Somit erfüllt die „Fluchtweggaupe“ alle bauordnungsrechtlichen Auflagen der Feuerwehr. Sie ist dabei kostengünstiger als andere Lösungen wie etwa Feuerleitern. Vor Einbau in ein Dach muss aber eine individuelle Betrachtung des Drempels erfolgen, um zu überprüfen, ob sich die „Fluchtweggaupe“ einsetzen lässt. Bisher ist jedoch kein Fall bekannt, bei dem die Umsetzung nicht möglich war.

Bei dem Gebäude in der Spornstraße wurde der Dachstuhl komplett erneuert. Dabei wurden auch neue Fledermausgauben eingebaut, die dem historischen Vorbild der alten Dachgauben des Hauses sehr nahekommen. An jede der Gauben wurde eine „Flucht­weggaupe“ als Rettungsweg eingebaut. Die Dachdeckerarbeiten führte die Dachdeckerei Blank aus Schwielowsee aus. Eigentlich können Dachdecker den Einbau der „Fluchtweggaupe“ ohne Unterstützung eines Sta­tikers ausführen. Ähnlich wie beim Einbau eines Dachfensters entstehen keine zusätzlichen Lasten. Generell ist es jedoch so, dass beim Ausbau des Dachgeschosses Veränderungen auftreten, die die Konsultation eines Statikers erfordern. In der Spornstraße wurde jede Dachgeschosswohneinheit mit jeweils zwei „Fluchtweggaupen“ ausgestattet.

Einbau der Fluchtweggaupe durch Dachdecker und Schlosser

Fluchtweggaupe Soltkahn AG Der Einbau der Fluchtweggaupe nahm ein bis zwei Tage in Anspruch, die Dachziegel mussten fest auf der Stahlkonstruktion verschraubt werden
Foto: Soltkahn AG

Der Einbau der Fluchtweggaupe nahm ein bis zwei Tage in Anspruch, die Dachziegel mussten fest auf der Stahlkonstruktion verschraubt werden
Foto: Soltkahn AG
Beim Einbau arbeiteten die Dachdecker eng mit Schlossern zusammen. In der ersten Bauphase mussten die Schlosser die Konstruktion schweißen und verzinken. Der eigentliche Einbau der Konstruktion nahm ungefähr ein bis zwei Tage in Anspruch. Dabei erfolgte die Montage zunächst vor einem bodentiefen Fenster. Die Dachdecker verschlossen anschließend die Dachfläche, damit die Gaube von außen nicht mehr zu erkennen ist. Hierbei ist eine feste Montage der Dachziegel erforderlich, um ein Ablösen der Ziegel zu verhindern, da die „Gaupe“ mit einem Ruck geöffnet wird.  Im zugeklappten Zustand erfolgte zunächst eine Feinjustierung durch den Dachdecker. Im letzten Schritt der Einbauphase erfolgte eine abschließende Nachjustierung durch einen Schlosser bezüglich der Gewichtsaufnahme. Das ist notwendig, da die Gaupe leicht aufgehen muss, aber nicht so leicht, dass sie die Person, die sie öffnet, hinterherzieht. Die Dämmung des Gebäudes entspricht der aktuellen Wärmeschutzverordnung EnEV. Für die Dachrinnen, Fallrohre sowie die Blechverkleidung der Gauben und Mauervorsprünge wurde Titanzink genutzt. Da es sich bei der Erfindung der „Fluchtweggaupe“ um eine Einzelfalllösung handelt, bei der eine individuelle Abnahme der Handwerksleitung durch den Architekten erfolgen muss, gibt es hierfür keine Bauartzulassung gemäß der Landesbauordnung. Die Fluchtweggaupe ist durch das Deutsche Patent- und Markenamt geschützt.

Autor

Tassilo Soltkahn ist Architekt und Vorstand der Soltkahn AG mit Sitz in Berlin und Rangsdorf. (https://soltkahn.de/)


Bautafel (Auswahl)

Projekt Erneuerung eines denkmalgeschützten Gebäudes in Potsdam, Neubau des Dachgeschosses mit Einbau von „Fluchtweggaupen“ als Rettungswegen

Architekt Tassilo Soltkahn, Soltkahn AG,

14199 Berlin, www.soltkahn.de

Dachdecker Blank Dachdeckerei GmbH,

14548 Schwielowsee (Brandenburg),

www.dachdeckerei-blank.de,

Holzbau Zimmerei Krüger GmbH,

03185 Drachhausen (Spree-Neiße)

Schlosser Schmiedekunst-Bauschlosserei,

14542 Werder OT Glindow,

www.schmiedekunst-ludwig.de


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