Einfach und ökologisch gebaut

Baugemeinschaft Meerleben errichtet Öko-Siedlung an der Ostsee

Eine Baugemeinschaft errichtet an der Ostsee ein Dorf aus Holzrahmenhäusern. Mit der Verfolgung einer ganzheitlichen Betrachtungsweise konnte das Projekt ohne Klebstoffe, Folien und Gipsplatten umgesetzt werden. Eine Holzlasur sorgt für die Vorvergrauung der Fassadenschalung aus Douglasie.

Um ihre alternativen Vorstellungen vom Bauen, Wohnen und Leben zu realisieren, haben sich Menschen unterschiedlicher Altersklassen und Lebensentwürfe zur Baugemeinschaft „Meerleben“ zusammengeschlossen. Für das nur 800 m vom Ostseestrand gelegene, 7700 m² große Grundstück der Baugemeinschaft bei Wismar sah der Bebauungsplan eine dorfähnliche Ferienhaussiedlung vor, die von den Eigentümern sowohl selbst genutzt als auch vermietet werden kann. Dort errichtet die Baugemeinschaft zur Zeit in drei Abschnitten insgesamt 14 Ferienhäuser (davon ein Tiny House von 18 m² Wohnfläche bis hin zu Häusern mit 140 m²) in energiesparender und ökologischer Bauweise. Die Baugruppe betont, dass unter „ökologischer Bauweise“ hier wirklich ökologisch verstanden wird: Es wurde mit Massivholzplatten ohne Leim gearbeitet und weitestgehend auf Kunststoffe und Folien verzichtet. Auch bei der Dämmung wurde auf ökologische Materialien gesetzt. Beim Tiny House besteht die Dämmung aus Seegras, das aus der Ostsee stammt und ein Dämmstoff mit sehr positiven Umwelteigenschaften ist. Bei den restlichen Gebäuden wurde Holzweichfaser als Dämmung verwendet.

Die ersten zehn Häuser in Holzrahmenbauweise sind nun bezugsfertig, drei sind noch im Rohbau, ebenso ein Gemeinschaftshaus. Im Frühjahr 2020 sollen alle Häuser fertiggestellt sein. Der Erwerb, die Planung und die Umsetzung des Projekts erfolgten im Kollektiv. Zum Ensemble wird noch eine Grünfläche für Freizeitaktivitäten gehören.

Hohe Qualität statt Neubau-Wildwuchs

Sämtliche im ersten Bauabschnitt errichteten Ferienhäuser haben eine Bodenplatte inklusive Sockel aus Faserzement erhalten. Deren Perimeterdämmung erfolgte mit Schaumglasplatten aus recyceltem Altglas. Die architektonische Basis bildet ein von den Architekten entwickeltes Konfektionshaus, mit vereinheitlichten Standards, was die Gebäudehülle, Fenster und Dächer betrifft, bei entsprechenden Kostenvorteilen. So darf die Dachneigung maximal 45 Grad betragen, die Traufhöhe maximal 3,80 m und die Firsthöhe maximal 8,60 m. Erker, Türmchen, Säulen und Gauben sind ausgeschlossen. Dacheinschnitte, wie zum Beispiel  für Dachterrassen, dürfen maximal 1/3 der gesamten Trauflänge des jeweiligen Gebäudes aufweisen. Ihre Individualität können die Mitglieder bei den Grundrissen ausleben, mit variablen Innenhöfen, wie man sie in südlicheren Ländern kennt (Patio), Terrassen und Lichthöfen. Dabei misst das Baufenster der Häuser 11 m x 13 m, wobei die tatsächlichen Grundflächen unterschiedlich ausfallen.

Der Siedlungscharakter wird von der Vielfalt der Häuser geprägt und zugleich von deren Einheit aus Material und Gestaltungsrahmen getragen. Dem Betrachter eröffnet sich sofort der Bezug von Mensch und Architektur. Dieser formuliert einen städtebaulichen Anspruch und stellt dem zusammenhanglosen Wildwuchs deutscher Neubaugebiete bewusst hohe Qualitäten in Entwurf und Ausführung entgegeng.

Vorvergrauung mit Silikatfarbe

Die aus vorgefertigten Wandelementen mit einem nur 16 cm tiefen KVH-Rahmen errichteten Holzrahmenhäuser haben allesamt eine vertikale Douglasienschalung von 24 mm als Fassadenbekleidung erhalten. Die mit einer silikathaltigen Lasur behandelten Bretter sitzen mit einer Hinterlüftungsebene von 7 cm auf Konter- und Traglattungen, die auf Holzweichfaserplatten geschraubt wurden. Gestrichen wurde die Fassade mit „Lignosil-Verano“ von Keim, um eine Vorvergrauung zu unterbinden. „Wir wollten die unschöne fleckige Alterung des Holzes vermeiden, zudem wollten wir möglichst nah an der natürlichen Holzoptik bleiben, deshalb keine deckende Beschichtung“, sagt Patric F.C. Meier von Agmm Architekten + Stadtplaner. Dabei konnten die Bauherren aus drei „Lignosil-Verano“-Farbtönen wählen. Die kammergetrockneten und gehobelten Douglasienbretter wurden werkseitig zweifach über einen sogenannten Impregmaten im Vakuummatverfahren beschichtet.

Optik soll für rund 20 Jahre erhalten bleiben

Die Beschichtung bewirkt, dass die Vergrauung der bewitterten Holzschalung gleichmäßig vonstatten geht und sich eine weitere Behandlung (Schleifen, Streichen) erübrigt. Ein wichtiger Faktor, da mit dieser Silikatfarbe für Holzfassaden laut Herstellerangaben nicht nur ein dauerhafter Schutz vor Regen, Sonne und Frost gewährleistet wird, sondern zugleich auch die Optik für rund 20 Jahre ebenmäßig bleiben soll. Mit der Farbe wird die Holzschalung in einen fleckenfreien Alterungsprozess geführt. Im Laufe der Jahre nähert sie sich dann schrittweise der erwünschten, silbergrauen Patina uralter Häuser mit Holzverschalung an. Mit dem Anstrich wird die Grundstruktur des Holzes wie auch dessen Diffusionsfähigkeit nicht beeinträchtigt: Die Lasur ist weichmacherfrei und kommt ohne Konservierungsstoffe und Lösemittel aus. Aus rund 19 m³ Douglasienholz wurden 700 m² an Fassadenschalung für den ersten Bauabschnitt geschnitten und dann vorvergraut.

Leimfreie Holzplatte vereinfacht den Bauprozess

Die Konstruktion der Gebäudehüllen wiederholt sich bei sämtlichen sieben Häusern und wird auch bei den folgenden Bauabschnitten zum Einsatz kommen. Der Wandaufbau ist einfach, bedingt durch die multivariablen Bauqualitäten ein- und desselben Bauteils. Ermöglicht wird diese Konstruktion durch eine 3 cm dicke, leimfreie GFM-Platte (GFM = gluefree massive) aus VOC-unkritischer, Schwarzwälder Weißtanne. Sie steift als kleberfreie Platte nicht nur die Holzrahmenwerke aus, sondern fungiert in einem Arbeitsgang auch als luftdichte Ebene (und ersetzt dabei die OSB Platte). Sie bildet darüber hinaus die natürliche Dampfbremse in beide Richtungen und bildet obendrein die abschließende Innenraumoberfläche. Zudem kann der KVH-Rahmen durch die Dämmwirkung der 3 cm dicken, luftdichten Massivholzebene schmaler ausfallen, was die Baukosten senkt. Dieses einfache Konstruktionsprinzip, das sowohl den statischen als auch den raumklimatischen wie auch den bauphysikalischen und optischen Ansprüchen genügt, spart Zeit, Geld und kostbaren Materialeinsatz.

Der diffusionsoffene Wandaufbau benötigt keine Folien, kein Abkleben, kein Verspachteln, keine Holzwerkstoff- und keine Gipsplatten. Die GFM-Platte wird einfach auf den KVH-Rahmen geklammert. Final wurden die geschliffenen Holzoberflächen in Teilen sogar sichtoffen gelassen. Die GFM-Platte hat im Holzrahmenbau ein neues Zeitalter eingeläutet: Rohbau ist damit gleich dem Innenausbau. Und zugleich kehrt wieder mehr naturbelassenes Holz in den Holzständerbau zurück. Bei der Dämmung von Wänden und Dächern setzt die Baugemeinschaft auf eingeblasene Holzfasern aus unbehandeltem Tannen- und Fichtenholz.

Die Zimmerleute kamen bei dieser Baustelle sehr schnell mit der GFM-Platte zurecht, sie ist wie eine herkömmliche Mehrschicht-Platte zu verarbeiten. Die Vorfertigung fand direkt in der Werkhalle der Zimmerei Witt in Bad Doberan statt.

Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen

Der Trend vom individuellen hin zum gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen hat zugenommen. Alles alleine zu stemmen erfordert mehr an Zeit, Geld und Nerven, als viele alleine aufbringen können oder wollen. Gemeinsam jedoch lassen sich die vielfältigen Erfordernisse besser bewältigen. Außerdem sinken die Baukosten ganz erheblich, da die Margen des Bauträgers und die Courtage des Immobilienmaklers entfallen. Die Mitglieder der Baugemeinschaft Meerleben fungieren selbst als verantwortliche Unternehmer, die in ihrer zukünftigen Behausung ökologisch und wohngesund leben und nicht mit dieser spekulieren wollen.

Das sei zwar nicht festgeschrieben, basiere aber auf Vertrauen, so die einhellige Aussage der Mitglieder der Baugemeinschaft. Sie verpflichten sich zum einen, dort nicht ganzjährig zu wohnen und zum anderen sich gleichzeitig für Gäste zu öffnen. Auch ganze Gruppen können in Meerleben Häuser buchen und die Gruppenräume verwenden.

Menschen verstehen sich als Teil des Dorfes

Die Menschen, die hier leben, verstehen sich als Teil eines Dorfes, in dem man aufeinander Bezug nimmt, miteinander engagiert und interessiert lebt. Kein Wunder, dass das ganzheitliche Siedlungskonzept schon einen Nachfolger gefunden hat: die „KoDorf-Baugemeinschaft Wiesenburg“ ( www.kodorf-wiesenburg.de ). Weiter Orte werden sicherlich folgen.

Autor

Marc Wilhelm Lennartz ist Dipl. Geograph, Fachjournalist, Referent & Buchautor und lebt bei Mayen in der Eifel

(www.mwl-sapere-aude.com).

Bautafel (Auswahl)

Projekt Errichtung der Dorfsiedlung Meerleben mit Gemeinschaftscharakter in ökologischer Bauweise, www.meerleben-baugemeinschaft.de, Fertigstellung im Frühjahr 2020

Architektur/ Generalplanung agmm Architekten + Stadtplaner, 80636 München, www.agmm-architekten.de

Holzbau (Werkplanung, Montage) Zimmerei & Holzbau René Witt, 18209 Bad Doberan, www.zimmerei-witt.de

GFM-Platte Massivholz Junker GmbH, 77787 Nordrach, www.massivholz-junker.de

Holzbau (Fassade, Wärmedämmung, Trockenbau) Das Meisterkollektiv, 21224 Rosengarten,

www.meister-kollektiv.de

Lehmbau-Putzarbeiten Dipl. Ing. Architektur – Lehmbauerin Petra Kreuzer, 10961 Berlin,

www.lehmbauberlin.de

Tragwerksplanung Pape & Dingeldein, 23795 Schackendorf, www.pape-dingeldein.de

Bauleitung Johannes Liess, 17179 Altkalen, www.planung-liess.de

Fensterbau, Hauseingangstüren: Tischlerei Hendrik Satow e.K., 23970 Wismar, www.tischlereisatow.de

Herstellerindex (Auswahl)

Vorvergrauung Holzfassade Keimfarben GmbH, 86420 Diedorf, www.keim.com

Dämmung Seegras-Dämmstoff aus der Ostsee, Jörn Hartje / Swantje Streich, 23847 Westerau, www.seegrashandel.de

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