Das Wattenmeerzentrum in Ribe (Dänemark)

Reetdeckung an Dach, Fassade und Dachüberhang

Das Wattenmeerzentrum im dänischen Ribe steht für regionales Bauen, Nachhaltigkeit und Anpassung an die den Bau umgebende Natur. Wesentliches Element ist dabei das moderne, erstaunlich scharfkantige Reetdach. Die Reeteindeckung wird an einem großen Dachüberhang und an der Fassade fortgeführt.

Reetdachhäuser sind in Dänemark nicht ungewöhnlich. Beim Wattenmeerzentrum in Ribe allerdings hat das dänische Architekturbüro von Dorte Mandrup das Material innovativ eingesetzt: An der Nordseite wird das Reet nicht nur mit einem sehr großen Dachüberstand auf der Dachuntersicht fortgeführt, sondern bildet zum Großteil zusätzlich die Fassadenverkleidung. Der Dach- beziehungsweise Reetüberhang wird erzeugt, indem der Dachaufbau im Grunde einmal „umgeklappt wird“ und im gleichen Winkel wieder an die Fassade verläuft.

Ähnlich wie das Reet wird auch vorpatiniertes Robinienholz an Dach und Fassade verschiedener Gebäudeteile eingesetzt. An der Nordseite des Gebäudes ist die Holzverschalung nur an zwei Teilstücken der Fassade zu sehen. Ein Großteil des Bestandsbaus an der Westseite und zur Hofinnenseite hin wurde hingegen mit Holz verkleidet. Auf diese Weise gelingt die Einbindung des bestehenden Gebäudes in das Gesamtensemble. Eine besondere Situation entsteht im Nordflügel der hofförmigen Anlage, der nun über einen Doppelgiebel verfügt. Die Nordseite des nördlichen Giebels ist dabei mit Reet gedeckt. Die zum Hof geneigte südliche Fläche ist mit Holz verkleidet. Zwischen den beiden Flächen entstand ein Flachdach mit Attika, das mit Bitumenbahnen abgedichtet ist. Die hofseitige, holzverschalte Dachfläche wird so weit heruntergezogen, dass sie an die tiefer liegende Traufe des neuen Ostflügels anschließt.

Die Konstruktion

Das Watt und die daran angrenzende Küstenregion, seine Weite, die Vegetation und die regionale Bautradition waren Vorbild und Inspiration für Form und Materialwahl beim Wattenmeerzentrum. Bereits die Form des Bestandsbaus passt in die hier typische Hofbauweise, obwohl auch der Bestand erst in den 1990er Jahren errichtet wurde. Der bestehende Hauptflügel wurde so erweitert, dass aus dem L ein U wurde und gemeinsam mit dem separaten, bereits bestehenden Flügel im Süden ein geschützter Hof entstand (siehe auch Zeichnung rechts). In den Hof führen nun zwei schmale Durchgänge an der südlichen Seite. Parallel zu diesem Altbau befindet sich mit etwas Abstand südlich vom Gebäude ein Neubau, in dem Seminare stattfinden. Dieser Gebäudeteil in Holzbauweise wird durch einen stegförmigen Verbindungsweg aus Holz an das Hofensemble angebunden (dieser Verbindungsweg ist in der Zeichnung rechts nicht zu sehen).

Tragende Stahlkonstruktion mit Holz ergänzt

Die Haupttragstruktur des L-förmigen Flügels bilden sichtbare Stahlrahmen. Eine tragende Stahlkonstruktion mit einer vorgestellten Pfosten-Riegelkonstruktion aus Holz wurde daran angepasst für den Neubau gewählt, wobei diese nicht sichtbar hinter einer Verkleidung verschwindet. Und während im Bestand gemauerte Wände die Räume voneinander trennen, handelt es sich im Neubau um vorgefertigte, gedämmte Holztafelelemente als Zwischenwände. Gestalterisch sind Bestands- und Neubau bewusst unterschiedlich gehalten und bilden doch eine harmonische Einheit. So sind Dächer und Fassaden des Neubaus mit Reet gedeckt und verkleidet und haben wenige, dafür sehr große Fensterflächen. Die Fensteröffnungen in der Holzhülle des Altbaus wurden hingegen kaum verändert und relativ klein gehalten.

25 000 Bündel Schilfrohr aus der Region

Eine Dacheindeckung mit Reet findet man im dänischen Jütland, in dem das Wattenmeerzentrum steht, häufiger. Das dafür notwendige Schilf stammte in diesem Fall sogar aus nahegelegenem Anbau am Lim-fjord und am Ringkøbing Fjord. In Deutschland ist es vergleichsweise schwieriger, regionales Reet in ausreichender Menge und Qualität zu einem bezahlbaren Preis zu bekommen. Zusätzlich erschweren die immer wärmeren Winter die Ernte und reduzieren so die Erträge. Für die Eindeckung des Wattenmeerzentrums war es jedoch möglich, die für die 2600 m2 Dach- und Fassadenflächen notwendigen 25 000 Bündel Schilf aus der Region zu bekommen. Ungewöhnlich ist der innovative Einsatz des Materials, das hier nicht nur auf dem Dach und an einem großen Überhang, sondern auch an der Fassade eingesetzt wurde.

Empfindlicher Punkt an der Dachkante

Eine besondere Herausforderung für die Reetdachdecker stellte hierbei allerdings nicht unbedingt die Fassadenverkleidung dar, sondern der große Überhang an der Nordfassade. „An der Dachkante entsteht hier im Grunde ein ähnlich empfindlicher Punkt wie auf dem Dachfirst, da das Reet die Eindeckrichtung ändert“, erklärt Ruud Conijn, der mit seiner Hemmed Taekkefirma und mit zwei weiteren Reetdachdeckerbetrieben die Arbeiten ausgeführt hat. „Wir haben hier mit relativ starken Metallbändern gearbeitet, über die wir die Halme sehr gut so abknicken konnten, sodass sie sich sehr gut auffächern“, sagt Conijn, „am First wird das Reet übrigens auch umgedreht, so dass die starken Halmenden nach oben zeigen.“

Bei einem „normalen“ gebundenen oder geschraubten Reetdach wird das Material zunächst als Bündel auf das Dach gelegt, ausgebreitet und in horizontaler Richtung mit Stahlseilen oder Bändern (Stangendrähten) fixiert. Anschließend werden die Halme entweder mit „Nadel und Faden“ also mit einer sehr großen, gebogenen Rundnadel und dünnem Draht oder, wie in Ribe, mit Reetdachschrauben und Draht mit der Lattung verbunden. So wird Schicht für Schicht von der Traufe bis zum First von unten nach oben gearbeitet. Mit einem Schlag- oder Klopfbrett werden die Schilfhalme hochgetrieben, auf das gewünschte Maß der Eindeckung geklopft und am Ende für den „Feinschliff“ in Form gebracht.

Das Reet wechselt die Richtung

In Ribe wurde zunächst das Reet an der Fassade befestigt und dann über Kopf entlang des Überhangs bis zur Traufkante und weiter auf die Dachfläche geführt. Die Unterseite des Überhangs verläuft dabei nicht horizontal im 90°-Winkel zur Fassade, sondern knickt in einem Winkel von etwa 120° nach oben weg. Die Reethalme im unteren Bereich des Überhangs sind dabei deutlich länger als die Halme, die nahe dem Wendepunkt, an dem auch die Halme ihre Richtung ändern, angebracht werden. So entsteht eine dichte und saubere Kante, der Wind und Wetter nichts anhaben können.

Maßnahmen gegen Schimmel und Feuer

Eine spannende Frage ist bei einer Eindeckung mit Reet die Hinterlüftung. Während das natürliche Material einerseits eine Luftschicht braucht, um Feuchtigkeit abführen zu können, so dass es nicht zur Schimmelbildung kommt, stellt gerade die Hinterlüftungsebene einen Gefahrenpunkt in Bezug auf den Brandschutz dar. Würde beispielsweise ein Feuerwerkskörper auf ein Reetdach fallen, könnte sich die noch relativ kleine Flamme durch den Sauerstoff in der Luftschicht schnell ausbreiten.

Die Architekten sprechen bei dem Projekt in Ribe von einem „Warmdach“, setzen den Begriff aber bewusst in Anführungszeichen. Gemeint ist ein Aufbau mit einer stark minimierten Luftschicht. Diese ist so gewählt, dass das Reet hinreichend hinterlüftet wird, um nicht zu schimmeln. Der in der Hinterlüftungsebene entstehende Luftzug ist andererseits aber so reduziert, dass maximal Rauch, aber keine Flammen entstehen können.

Glasfasertuch und Steinwolle zum Brandschutz

Zudem wurde aus brandschutztechnischen Gründen das so genannte „Sepatec“-Brandschutzsystem eingesetzt. Dabei wird unter dem Reet vollflächig ein Glasfasertuch verlegt, das Temperaturen bis 800°C standhält. Am First und an den Traufkanten wird zudem Steinwolle eingebracht, die Temperaturen von bis zu 1000 °C widersteht. Im Bereich der Fluchtwege sind sowohl Reetwände als auch -dächer mit einem feuerhemmenden Spray behandelt worden. Diese Maßnahme muss alle fünf Jahre wiederholt werden.

Die Architekten haben bei dem Bau des Wattenmeerzentrums großen Wert auf die Nachhaltigkeit ihres Gebäudes gelegt. So wird das Robinienholz in Plantagen angebaut und die Verwendung des Holzes, dessen Dauerhaftigkeit mit Tropenholz vergleichbar ist, minimiert nicht die Regenwaldbestände. Das schnell wachsende Holz gilt als pilz- und schädlingsresistent und muss nicht chemisch behandelt werden, um auch im Außenbereich lange beständig zu bleiben.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve hat Architektur in Braunschweig und Kassel studiert. Sie arbeitet als freie Autorin unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau und lebt in Lübeck (www.abteilung12.de).

Sehen, hören, fühlen: Die Ausstellung im Wattenmeerzentrum

 

Die Ausstellung des Wattenmeerzentrums ist in den neu errichteten Nord- und Ostflügeln untergebracht. Der Zug der 15 Millionen Vögel, die jährlich im Wattenmeer auf ihrem Flug vom Norden in den Süden landen, bildet die Basis des Ausstellungskonzeptes, das gemeinsam mit JAC studios Kopenhagen entwickelt wurde. Die Idee besteht darin, dass die Besucher die Vögel von Raum zu Raum „auf ihrer Reise begleiten“. Dabei sollen vor allem Multimedia- und interaktive Mitmachstationen den Besuchern das Thema näherbringen: Zuhören an Hörstationen, Anfassen im Fühlbecken, selbst etwas in Bewegung bringen hat Vorrang vor wortreichen Detailinformationen. Aber auch ein „Vogelschwarm“ aus 562 LCD-Bildschirmen mit dem Titel „The Digital Ornithology“ von Jason Bruges Studio oder auch wissenschaftliche Artefakte sind Bestandteil der Ausstellung. Die Besucher sollen die Vielfalt des Lebens im Watt entdecken und können das Zentrum als Startpunkt für einen Ausflug ins reale Watt nutzen. Mehr Informationen finden Sie unter www.vadehavscentret.dk/de.

Bautafel (Auswahl)

 

Objekt Erweiterung eines bestehenden Gebäudes zum Wattenmeerzentrum in Ribe/Dänemark

Bauherr Kommune Esbjerg, DK, www.esbjerg.dk

Architektur Dorte Mandrup A/S, 1620 Kopenhagen (DK), www.dortemandrup.dk

Bauunternehmen Bo Michelsen A/S, 6270 Tønder (DK), https://bomichelsen.dk/om-os/

Reetdeckung Ruud Conijn, Hemmed Tækkefirma, 8585 Glesborg (DK), www.tag-ruud.dk; Tækkemand Kim Andersen, 7400 Herning (DK), www.kandersen.dk; Arne Klüver, 5854 Gislev (DK), www.tækkemandarnekluwer.dk;

Statik Steensen & Varming, 1220 Kopenhagen (DK), www.steensenvarming.com; Anders Christensen, 3460 Birkerød (DK), www.anderschristensen.dk

Brandschutzsystem (Reet) „Sepatec“, 8585 Glesborg (DK), www.sepatec.dk

BGF 2800 m2

Planungs- und Bauzeit 2014 (Wettbewerb) bis 2017

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