Bildungsdorf in Holzbauweise entsteht in Detmold

Das Bildungsdorf an der Klingenbergstraße in Detmold besteht aus einer Schule, einer Sporthalle und einer Aus- und Weiterbildungsakademie in Holzrahmenbauweise. Besonders ungewöhnlich ist die Form der Schule mit sechseckigen, wabenförmigen Klassenräumen. 

Das neue Bildungsdorf an der Klingenbergstraße in Detmold besteht aus der Weidmüller-Akademie, der Peter-Gläsel-Schule, der Kindertagesstätte Pöppenteich und einer Sporthalle. Die Peter-Gläsel-Schule trägt den Namen des früheren Geschäftsführers und Inhabers der Unternehmensgruppe Weidmüller. Das Elektrotechnik-Unternehmen entwickelt Produkte, Lösungen und Services für verschiedene Industriebereiche, vom klassischen Maschinenbau über die Wind- und Solarbranche bis hin zur Automobilindustrie. Die Weidmüller-Gruppe ist in 80 Ländern vertreten und beschäftigt rund 6000 Mitarbeitende weltweit. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich jedoch im ostwestfälischen Detmold. Dort entstand in den vergangen Jahren das neue Bildungsdorf auf einer ehemaligen Industriefläche – in unmittelbarer Nähe zu den Weidmüller-Produktions- und Verwaltungsgebäuden an der Klingenbergstraße.

Die Schule

Die Peter-Gläsel-Schule wurde als erstes Gebäude des Bildungsdorfs fertiggestellt. Sie ist eine Grundschule für Kinder von der 1. bis zur 4. Klasse. Mit ihrem „PRRITTI“-Bildungsmodell möchte die Schule individuelles und selbständiges Lernen fördern und orientiert sich dabei ganz an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler. Der Träger der Schule ist die gemeinnützige Peter Gläsel Stiftung, die Bildungskonzepte vom Kindergarten bis zur Hochschule in der Region Ostwestfalen-Lippe umsetzt und unterstützt. „Die Peter Gläsel Schule steht allen Schülern und Schülerinnen offen“, erklärt Stefan Wolf, Geschäftsführer der Stiftung.

Die Peter-Gläsel-Schule aus der Vogelperspektive
Foto: Holzbau Westhoff

Die Peter-Gläsel-Schule aus der Vogelperspektive
Foto: Holzbau Westhoff

Das Schulgebäude wurde in Holzrahmenbauweise errichtet und hat eine ungewöhnliche Gebäudeform, die vor allem aus der Vogelperspektive deutlich wird: Das Gebäude besteht aus unregelmäßig aneinandergefügten, sechseckigen Räumen, die sich um eine große, offene Fläche in der Mitte gruppieren. „Die Form der Schule geht auf einen Entwurf zurück, der von den Schülerinnen und Schülern mitentwickelt wurde“, erklärt Stefan Wolf. Das Architekturbüro Pape oder Semke aus Detmold hat den Entwurf für die Schule erstellt. Die Schülerinnen und Schüler durften ihre Ideen für die Gestaltung im Rahmen eines einwöchigen Partizipationsworkshops einbringen. Die Ausführungsplanung übernahm das Architekturbüro Next aus Bielefeld. Alle Holzbauarbeiten führte die Zimmerei Holzbau Westhoff aus Delbrück aus.

Holzrahmen- und Glaswände zwischen Holzsäulen

Das Schulgebäude ist aus Holzstützen, Glaswänden und Holzrahmenwänden gebaut. Die Holzrahmen- und Glaswände platzierten die Zimmerer zwischen den runden Holzstützen. Eine Holzbalkendecke bildet das Dach der Schule, sie wird von den Holzstützen getragen.

Peter Glaesel Schule Tragwerk Holzstuetzen Das Tragwerk der Schule basiert auf 92 runden Holzstützen, die im Betonfundament verankert wurden
Foto: Holzbau Westhoff

Das Tragwerk der Schule basiert auf 92 runden Holzstützen, die im Betonfundament verankert wurden
Foto: Holzbau Westhoff

Insgesamt 82 Rundsäulen mit einem Durchmesser von 36 cm und zehn Säulen mit einem Durchmesser von 46 cm errichteten die Zimmerer auf dem Betonfundament der Schule. Mit eigens für diesen Zweck angefertigten Stahlschlitzplatten befestigten die Handwerker die Holzstützen im Fundament. Diese Stahlplatten wurden mit Schwerlastankern von Fischer (M16) im Beton verankert. Die Verbindung der Schlitzbleche zu den Pfosten erfolgte mit Stabdübeln und Vollgewindeschrauben, jeweils 18 Stück pro Säule. Die 400 mm langen Vollgewindeschrauben mussten unter einem Winkel von 25° eingeschraubt werden.

Peter Glaesel Schule Detmold Holzbau Fundament Stuetzen Holzbalkendecken Zwischen den Stützen wurden Holzrahmenwände platziert. Ein Großteil der Außenwände wurde freigelassen, um später Fenster einzubauen
Foto: Holzbau Westhoff

Zwischen den Stützen wurden Holzrahmenwände platziert. Ein Großteil der Außenwände wurde freigelassen, um später Fenster einzubauen
Foto: Holzbau Westhoff

Holzbalkendecke mit Abdichtung und Begrünung

Die Holzbalkendecke des Daches mit einer Höhe von 28 cm wurde von oben mit OSB-Platten beplankt. Darüber verlegten die Dachdecker eine Dampfsperre und zunächst eine Lage EPS-Dämmplatten. Über der Grunddämmung folgte eine EPS-Gefälledämmung. Besonders herausfordernd war es für die Dachdecker der Hetland GmbH aus Vlotho, die Gefälledämmplatten auf dem unregelmäßig geformten Dach der Schule zu verlegen. Zur Dachabdichtung verwendeten die Dachdecker mit Heißluft verschweißbare, hellgraue FPO-Dachabdichtungsbahnen mit einer mittigen Glasvlieseinlage. Darüber folgte eine Dachbegrünung. Außerdem wurden zahlreiche Lüftungskanäle auf dem Dach der Schule installiert.

Sheddach über dem Pausenraum

In der Mitte des Schulgebäudes befindet sich ein großer Raum zum Spielen, Lesen und Lernen für die Schülerinnen und Schüler – das sogenannte Forum. An diesen Raum schließen sich die einzelnen Lernräume, also die Klassenzimmer, an. Die Schule hat keine Flure, was auf einen Wunsch der Schüler zurückgeht. „Die Kinder wollten lieber offene, helle und gut belichtete Räume in ihrem neuen Schulgebäude haben“, erklärt Stefan Wolf.

Peter Glaesel Schule Forum Innen Blick in das Forum der Peter-Gläsel-Schule. Rund um den offenen Raum sind die Klassenräume angeordnet
Foto: Holzbau Westhoff

Blick in das Forum der Peter-Gläsel-Schule. Rund um den offenen Raum sind die Klassenräume angeordnet
Foto: Holzbau Westhoff

Große Fenster ermöglichen den Ausblick aus den Lernräumen nach draußen. Jeder Klassenraum hat eine Tür nach innen zum Forum und einen Zugang nach außen zum Schulgarten. Im Sommer schützen Rollos die Klassenräume vor zu viel Hitze. Die Fassade des Schulgebäudes wurde in den nicht verglasten Bereichen mit Lärchenholz-Dreischichtplatten in 27 mm Dicke verkleidet, die mit einer Lasur gestrichen wurden.

Über dem Forum der Schule wurde ein Sheddach errichtet, das aus fünf unterschiedlich langen Dachelementen besteht. Auf der senkrechten, geraden Seite sind Lichtbänder in die Sheddächer eingebaut – diese sorgen für helles, natürliches Licht im Gebäudeinneren und vermeiden eine zu starke Erhitzung durch direkte Sonneneinstrahlung. Fertiggestellt wurde die Peter Gläsel Schule im Oktober 2020.

Die Sporthalle

Direkt neben der Grundschule errichtete Holzbau Westhoff als nächstes Gebäude des Bildungsdorfs eine Sporthalle in Holzrahmenbauweise auf einer Grundfläche von 1000 m². Die Trennwand der Turnhalle zum angrenzenden Gebäude, der Weidmüller-Akademie, wurde aus brandschutztechnischen Gründen aus Brettsperrholz errichtet. Alle übrigen Wände der Sporthalle sind Holzrahmenwände. 

Bildungsdorf Detmold Turnhalle Bau Brettssperrholzwaende Nachdem das Schulgebäude fertig war, begann Holzbau Westhoff mit dem Bau der Turnhalle direkt nebenan
Foto: Holzbau Westhoff

Nachdem das Schulgebäude fertig war, begann Holzbau Westhoff mit dem Bau der Turnhalle direkt nebenan
Foto: Holzbau Westhoff

Die Brettschichtholzbinder, die das Dach der Sporthalle tragen, sind 32,5 m lang und über zwei Meter hoch. Hergestellt wurden sie, ebenso wie die Brettsperrholzwände, von Poppensieker & Derix aus Westerkappeln. Die Binder konnten dank einer Ausnahmegenehmigung in voller Länge von knapp 33 m per Lkw-Sondertransport mit Begleitfahrzeug von Westerkappeln nach Detmold transportiert werden. Jeweils drei Brettschichtholzbinder wurden dafür auf einem Lkw transportiert. Auf der Baustelle wurden die mächtigen BSH-Binder mithilfe eines 200-t-Autokrans abgeladen und auf den Holzstützen montiert. Für die Sporthalle wurden insgesamt 112 m³ Brettschichtholz verarbeitet. Das entspricht einem Gewicht von 52 t. Im April 2021 wurde die Sporthalle fertiggestellt. Die Turnhalle steht nicht nur für die Kinder der Grundschule, sondern auch für die Mitarbeitenden der Weidmüller-Akademie und für den Vereinssport zur Verfügung.

Akademie-PG-Bau__2_.jpg Die Brettschichtholzbinder für den Neubau werden per Kran eingehoben
Foto: Holzbau Westhoff

Die Brettschichtholzbinder für den Neubau werden per Kran eingehoben
Foto: Holzbau Westhoff

Die Akademie

An die Turnhalle schließt sich die Weidmüller-Akademie an, die als drittes Gebäude des Bildungsdorfes errichtet wurde. Die Weidmüller-Akademie steht direkt gegenüber der Peter-Gläsel-Schule und ist ebenfalls in Holzrahmenbauweise gebaut. Im Oktober 2021 wurde das Gebäude fertiggestellt. Auf 2000 m² Grundfläche bietet die Akademie Platz für mehr als 120 Auszubildende, Dualstudierende und weitere Mitarbeitende des Unternehmens. In der Akademie stehen Werkstätten, ein Maschinenpark, Büros und Räume für Trainings zur Verfügung. Im Obergeschoss befinden sich Werkstätten und offene Büroflächen. Insgesamt 30 Mitarbeitende sind in der Akademie für die Nachwuchssicherung, Weiterqualifizierung und die Aus- und Weiterbildung zuständig. Im September 2022 haben 59 Auszubildende und dual Studierende an der Akademie ihre Ausbildung beginnen.

Regelmäßig besuchen Schüler und Schülerinnen der Peter-Gläsel-Schule die Weidmüller-Akademie, um dort gemeinsam mit den Auszubildenden praktisch zu arbeiten. „Die Kinder haben in der Akademie beispielsweise schon Lampen gebaut oder Schilder für den Schulgarten erstellt“, erzählt Stefan Wolf, „und so mancher Auszubildende in der Weidmüller-Akademie war überrascht, wie schnell ein Achtjähriger das Löten lernen kann!“ Schüler, die sonst eher zurückhaltend seien, würden bei der praktischen Arbeit in der Akademie richtig aufblühen. Das Beispiel zeigt, wie Auszubildende und Schüler voneinander lernen können und dass das Konzept des Bildungsdorf aufgeht.

Der Neubau der Weidmüller-Akademie von außen. Der Neubau der Weidmüller-Akademie von außen. Rechts neben dem Gebäude befindet sich der Eingang zum Peter-Gläsel-Bildungsdorf
Foto: Holzbau Westhoff

Der Neubau der Weidmüller-Akademie von außen. Rechts neben dem Gebäude befindet sich der Eingang zum Peter-Gläsel-Bildungsdorf
Foto: Holzbau Westhoff
 

Autor

Stephan Thomas ist Chefredakteur der Zeitschrift dach+holzbau.

Bautafel (Auswahl)

Projekt Neubau des Bildungsdorfs an der Klingenbergstraße 12 in Detmold

Entwurf + Planung (LPH 1-4) pape oder semke Architekturbüro, Inh. Harald Semke, Mitarbeit: Harald Semke, Julia Meier, Dirk Wolf (u.a.), Detmold, www.papeodersemke.de

Brandschutz nees Ingenieure GmbH, Münster, www.nees-ingenieure.de

Statik BCS-Ingenieure GmbH, Detmold, www.bcs-ingenieure.de

Ausführungsplanung (LPH 5) Architekturbüro Next Bielefeld GmbH, Bielefeld, www.next-arch.de

Holzbau Holzbau Westhoff, Delbrück, www.holzbau-westhoff.de

Dacharbeiten Hetland GmbH, Vlotho-Exter, https://hetland.de

 

Bauprodukte (Auswahl)

Brettschichtholzbinder Poppensieker & Derix GmbH & Co. KG, Westerkappeln, https://derix.de

Dachdämmung EPS-Dämmplatten, Starkolitt GmbH, Marienmünster, www.starkolitt.com

Dachabdichtung „Köster TPO 2.0“, Kunststoffdachbahn aus flexiblen Polyolefinen (FPO), Köster Bauchemie AG, Aurich, www.koester.eu

Weitere Informationen zu den Unternehmen
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