„Glaub bloß nicht, dass du fliegen kannst“

Dr. Ing. Marco Einhaus ist bei der DGUV/BG BAU in München für die Sicherheit im Hochbau zuständig. Wir fragten ihn nach den Ursachen von Unfällen auf Baustellen und wie diese in den Griff zu bekommen sind. Der größte Unsicherheitsfaktor sei der Mensch selbst, so das Resümee von Einhaus.

dach+holzbau: Spielen die Kosten für die Arbeitssicherheit eine Rolle im Preiskampf um den Auftrag?

Marco Einhaus: Arbeitsschutz ist rechtlich vorgeschrieben und macht Sinn – Gerüste, Auffangnetze lassen sich nicht wegsparen. Lieber kostengünstige Leitern anstatt Gerüste und Auffangeinrichtungen einzusetzen – so was geht nicht wirklich. Der Unternehmer ist dafür verantwortlich, dass am Abend seine Mitarbeiter wohlbehalten zu ihren Familien zurückkehren. Langfristig verliert jeder Unternehmer, wenn er bei der Sicherheitstechnik knausert – da geht es nicht nur um Unfälle der Mitarbeiter, sondern auch um Bauverzug. Stellen sie sich vor, wir legen im Rahmen einer Baustellenüberwachung einen halben Tag lang, weil Schutzeinrichtungen fehlen, die Baustelle still. Diese Kosten sind nicht unerheblich, wenn 50 bis 100 Handwerker gezahlt werden müssen, aber wegen der Sicherheit fünf Stunden nichts arbeiten können. Rechnen Sie das mal durch!

Die BG Bau führt regelmäßig Beratung und Überwachung durch?

Ja, natürlich. Inzwischen haben die Unternehmer dazugelernt. Viele fragen vorab an, welche Maßnahmen notwendig sind. Das heißt, die Fachkräfte für den Arbeitsschutz überlegen aus präventiver Sicht Konzepte für eine sichere Montage und schreiben gemeinsam mit dem Unternehmer für das Leistungsverzeichnis die nötige Sicherheitstechnik aus.

Ist der Rat der BG Bau für die Gefährdungsbeurteilung kostenfrei?

Ja, dafür sind wir da. Wir unterstützen bei der Planung von Sicherheitseinrichtungen und geben Hinweise, welche Vorschriften sich wie umsetzen lassen.

Wer ist auf der Baustelle für das Einhalten der Sicherheitsvorschriften zuständig?

Nach dem Gesetz ist dies der Bauherr. Allerdings holt sich dieser bei mittleren bis größeren Bauvorhaben einen Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator nach Baustellenverordnung mit ins Boot. Dieser ist Bindeglied zwischen Bauherr und Unternehmer – er wird beauftragt und bezahlt vom Bauherrn. Auf der Baustelle ist er dafür zuständig, dass die Maßnahmen, die der Bauherr bezahlt, auch umgesetzt werden. Teilen sich beispielsweise Metallbauer und Dachdecker ein Gerüst, regelt der Koordinator für beide Gewerke die Terminplanung. Welches der Gewerke das Gerüst mit auf die Baustelle bringt, wird im Leistungsverzeichnis festgelegt. Allerdings gibt es in der Praxis den Koordinator leider nur auf größeren Baustellen. Auf kleineren Baustellen, auf denen gehäuft kleinere Unternehmen tätig sind, ist deshalb die Unfallgefahr meist größer.

Was sind denn die Unfallrisiken auf der Baustelle?

Solange der Montageablauf nach Plan verläuft, ist die Unfallgefahr normalerweise gering. Wird aber beispielsweise ein falsches Bauteil geliefert, und ein Gerüst muss deswegen frühzeitig abgebaut werden, an anderer Stelle aufgebaut und schließlich noch mal abgebaut und aufgebaut werden, verlieren die Aufsichtsführenden auch schon mal den Überblick. Änderungen im Bauprozess erhöhen statistich gesehen also die Unfallwahrscheinlichkeit.

Was sind die häufigsten Ursachen für Baustellenunfälle?

Ganz oben rangiert die Unkenntnis in Sachen Sicherheitstechnik. Das ist die häufigste Ursache. Der Gewöhnungseffekt ist auch gefährlich. Monteure sind an Wind, Wetter und Höhen gewöhnt. Wenn die Stahlbauer tagelang in der Höhe im Freien herumlaufen, glauben die tatsächlich, dass sie fliegen können. Mein Vortragsmotto lautet daher: „Glaub bloß nicht, dass du fliegen kannst.“ Sie realisieren nicht mehr die Gefahr. Solange man sich an die Arbeitsbedingungen gewöhnen muss, ist man vorsichtig, aber die Wachsamkeit und der nötige Respekt vor der Arbeitsaufgabe schlafft von Tag zu Tag ab.

Was sind denn die häufigsten Mängel, die Sie auf der Baustelle feststellen?

Bei den technischen Maßnahmen fehlen meist Auffangnetze, Seitenschutz und Umwehrungen. Organisatorische Fehler betreffen vor allem den Einsatz von Personal. Beispielsweise Personal, das an die Arbeit in der Höhe nicht gewöhnt ist.

Wird denn die Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSA gA) genutzt?

Die PSA gA ist meistens in ordentlichem Zustand und wird von den Mitarbeitern auch eingesetzt. Trotzdem haken die Monteure aber vielfach ihre Karabiner nicht in die Anschlagpunkte. Wer will sich schon gerne anbinden lassen? Der Mensch ist das Problem, der die Anschlagpunkte nicht nutzt.

Bei welchen Mängeln wird denn die Baustelle stillgelegt?

Seilen sich die Monteure nicht an, ist das ja in relativ kurzer Zeit abzustellen. Ein Tag, zwei Tage später wird dann noch mal geprüft und der Fall sollte erledigt sein. Funktionieren Hängegerüste nicht oder fehlen Auffangnetze, geht schnell mal eine Woche ins Land.

Bringt die europäische Harmonisierung denn auch für die Unfallverhütungsvorschrift (UVV) eine Änderung?

Im Moment gibt es die Bestrebung, die Höhen, die Sicherungsmaßnahmen erfordern, herunterzusetzen. Die hohen Unfallzahlen und das damit verbundene Leid haben nachdenklich gestimmt. In Kürze wird das europäische Maß von zwei Metern Einzug halten. Nach einer EU-Richtlinie gelten dann bei Dacharbeiten statt drei Meter Absturzhöhe zwei Meter, und im Fensterbau statt fünf Meter zwei Meter. Ich halte das für sinnvoll, weil die Menschen ab einer gewissen Höhe sich nicht mehr drehen können und somit häufig auf den Kopf fallen und es so schnell zu schweren Verletzungen kommt. Diese Änderung wird auf den Baustellen etwas bewegen. Die Gefährdungsbeurteilung und die dadurch beeinflussten Leistungsverzeichnisse werden dann merklich anders ausfallen.

Herr Einhaus, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Interview

Stefanie Manger ist Chefredakteurin der Zeitschrift „metallbau“, die im Bauverlag erscheint.

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