Dach mit zwei Gesichtern

Die Dächer der französischen Siedlung „Le Clos des Fées“ weisen eine Besonderheit auf. Die Nordseite wurde mit Schilf gedeckt, an der Südseite findet sich Titanzink. Die Hybriddächer sind Teil eines übergreifenden Konzeptes, das traditionelle Konstruktionsweisen mit modernen Materialien kombiniert.

Die Siedlung „Le Clos des Fées“ liegt unmittelbar an der französischen Atlantikküste auf einem kleinen Plateau nahe dem Dorf Paluel. Etwas frei übersetzt könnte man den idyllischen Platz als „Weiler der Feen“ bezeichnen. Doch die Idylle trügt: In Frankreich ist der Name Paluel untrennbar mit dem Kernkraftwerk des Betreibers EDF verknüpft. Nur wenige hundert Meter von Paluel entfernt recken sich die Kraftwerkstürme in den Himmel.

Gegenentwurf zur umweltschädlichen Energieform

„Le Clos des Fées“ ist ein Gegenentwurf zum Atomkraftwerk. Es ist ein kleines Dorf, in dem versucht wird ökologische Konzepte zu leben. Es setzt auf nachhaltige Bauweisen, zum Beispiel wurde versucht, die Energieversorgung aus regenerativen Energien mit­­einzubeziehen.

Hauptsächlich aus Einfamilienhäusern bestehend, stellt es ebenso eine Alternative zu den üblichen Wohnsiedlungen einer Vorstadt wie zu den typisch ländlichen Dorfstrukturen dar. Es vereint die Qualitäten von Stadt und Land. Aus einer städtischen Sichtweise heraus ist das neue Wohngebiet nicht dicht besiedelt, für eine ländliche Region wie Paluel aber sehr wohl. Die normalen Grundstücksflächen der Region liegen bei 1000 bis 1500 m², in der neuen Siedlung betragen sie nur 350 m². Die Wohnflächen liegen je nach Gebäude mit 92, 120 oder 140 m² aber deutlich über den Standardwerten.

Hybriddächer aus Schilf und Titanzink

Durch ihre Küstenlage sind die neuen Gebäude starkem Wind und der salzhaltigen Meeresluft ausgesetzt. Das Klima und die historischen Bauweisen der Region haben das Dorf stark geprägt. Die komplett neu errichtete Anlage umfasst auf einer Grundstücksfläche von fast 5,7 ha neben 18 Einfamilienhäusern auch zwei Ferienwohnungen, Künstlerateliers, ein Gemeinschaftshaus, eine Werkstatt und eine Park­anlage mit vielen Skulpturen. Die Wohnhäuser sind L-förmig angelegt und teilweise so zu einander ausgerichtet, dass sie ihre innenliegenden Gärten ge­­genseitig vor dem Wind schützen. Die Fassaden der Häuser bestehen aus Lärchenholz und großzügigen Fensterflächen.

Außergewöhnlich ist die Kombination von traditionellen, lokalen Konstruktionsweisen mit modernen Baustoffen. Besonders gut spiegeln das die Dächer wider: Sie bestehen aus zwei unterschiedlichen Materialien. Auf der nach Norden, zum Meer hin ausgerichteten Seite, sind sie aus Schilf. Die nach Süden ins Landesinnere ausgerichteten Dächer sind jedoch mit Titanzink von VM Zinc gedeckt. Auf den Titanzink-Dachhälften finden sich zudem thermische Solarkollektoren, sie können bis zu 45 Prozent des Warmwasserbedarfs decken.

Die „Hybriddächer“ aus Titanzink und Schilf dienen dabei auch als Zitat der Vergangenheit: Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Dächer beschädigt, nach dem Krieg waren die Mittel knapp, und die Menschen griffen auf die verfügbaren Stoffe zurück, die Nordseiten wurden aus Schilf errichtet und die Südseiten aus Blech. Die Gründe hierfür könnten in der besseren Wärmeisolation des Schilfdaches hin zur kälteren Nordseite gelegen haben. Vielleicht aber auch in der größeren Feuergefahr, die nach Süden ausgerichtete, austrocknende Dächer aus Schilf im Hochsommer mit sich gebracht hätten. Diese bauliche Vergangenheit greift die gegenwärtige Konstruktion auf, interpretiert sie dabei aber gleichzeitig mit modernen Baumaterialien neu.

Das Schilf ist ökologisch und schwer entzündbar

Das Schilf aus der nahe gelegenen Bucht der Seine erwies sich als ungeeignet. Stattdessen fiel die Wahl auf Schilf aus der Camargue, da sich dieses wesentlich schwerer entzündbar zeigte. Für die andere Hälfte des Daches kam vorbewittertes Titanzink von VM Zinc zum Einsatz. Dieses Material kommt dem Nachhaltigkeitsgedanken besonders entgegen, denn der hochwertige Werkstoff ist langlebig, sehr widerstandsfähig, und auch dem rauen Klima der salzigen Meeresluft dauerhaft und wartungsfrei gewachsen.

Die Fachhandwerker des Dachdeckerbetriebs Goujon Vallée aus dem Nahe gelegenen Isneauville haben das Titanzink in der Oberflächenvariante Quartz-Zinc verarbeitet. Dessen samtgraue Beschaffenheit und Optik ähnelt der durch natürliche Bewitterung entstandenen Patina von walzblankem Zink. Gemeinsam mit dem silbrig-schimmernden Lärchenholz der Wandflächen und dem Schilf vermitteln die Häuser so ein sehr erdiges Farbkonzept.

Die Eindeckung der Dachhälften aus Zink führten die Dachdecker in der sogenannten französischen Leistendeckung aus, einer traditionellen Pariser Technik. Ursprünglich war diese Art der Verlegung optimal auf die Materialeigenschaften des im 19. Jahrhundert hergestellten Zinks abgestimmt. Hier kam sie allerdings zum Einsatz, da die Leistendeckung eine deutliche Strukturierung der Dachflächen ermöglicht. Ausschlaggebend dafür sind Holzleisten mit Deckschienen aus Titanzink, die die Haften für die Befestigung der Zinktafeln aufnehmen und quasi aus der Fläche der Dachbekleidung hervortreten. Damit greifen die Dächer von „Le Clos des Fées“ nicht nur die klassische französische Art der Eindeckung auf, die vertikale Strukturierung passt auch sehr gut zu den ebenfalls vertikal gegliederten Wänden aus Lärchenholz und der Struktur der Schilfdächer.

Die französische Leistendeckung setzt auf einer hinterlüfteten Dachkonstruktion auf. Sie beruht auf einer sich nach oben verjüngenden, circa 4 cm hohen Holzleiste. Diese wird auf einem Haft befestigt, der für den seitlichen Halt der angrenzenden Zinktafeln zuständig ist. Auf der Leiste wird eine Deckschiene aus Zink angebracht, die an den Seitenflächen nochmal gekantet ist. Auf diese Weise liegt sie nicht an den abgedeckten Blechen an und vermeidet die Gefahr von aufsteigendem Wasser. Insgesamt verbauten die Dachdecker für die Gebäude von „Le Clos des Fées“ circa 2500 m² Titanzink in der Oberflächenqualität Quartz-Zinc.

Eine andere Form der Gastlichkeit

Die ursprüngliche Planung sah das Quartier als Wohnraum für eine alternde Landbevölkerung, inklusive therapeutischer Einrichtungen. Im Laufe der Zeit wandelte sich das Projekt jedoch hin zu einer generationenübergreifenden Dorfgemeinschaft.

Die einzelnen Wohnparzellen werden nicht durch Zäune oder Mauern abgegrenzt, sie folgen einer offeneren Struktur: Zwischen den Grundstücken wurden lediglich Mulden ausgehoben und bepflanzt. „Hier auf dem Land lebt jeder in seinem eigenen Haus“, so Architekt Jonvel, „der einzige Treffpunkt ist das örtliche Einkaufszentrum. Wir wollten eine andere Form der Gastlichkeit anbieten.“ So gibt es nun einen Bouleplatz, ein Volleyball-Feld, einen Spielplatz für Kinder und einen Park mit rustikalen Bäumen. Das Dorf bildet einen Anziehungspunkt, der seinen ganz eigenen Charakter hat. Die ungewöhnliche Dachausführung als Kombination aus Titanzink in traditioneller französischer Leistendeckung und Schilf ist ein gutes Beispiel: Das ökologisch orientierte Zusammenspiel von Tradition und Moderne diente als Leitgedanke.

Autor

Guido Wollenberg ist Fachjournalist bei der Agentur Wollenberg-Frahm PR aus Frechen. Er betreut das Unternehmen VM Zinc bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Bautafel (Auswahl)

Projekt „Le Clos des Fées“, F-76450 Paluel, Wohnsiedlung mit 18 Einfamilienhäusern

Architekten CoBe architecte,

75014 Paris, www.cobe.fr

Ausführendes Unternehmen Goujon Vallée, 76230 Isneauville

Material und Technik 2500 m² in

VMZ-Leistendeckung

Oberflächenbeschaffenheit

Quartz-Zinc

Hersteller VM Zinc Niederlassung Deutschland, Umicore Bausysteme GmbH, 45326 Essen,

www.vmzinc.de

Im Internet finden Sie weitere Fotos von der Siedlung „Le Clos des Fées“ in Frankreich. Geben Sie hierzu bitte den Webcode in die Suchleiste ein.

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