Muskelkraft und Teamwork: Die "Laube" in den Prinzessinnengärten Berlin-Kreuzberg

Mitten in Berlin, am Moritzplatz in Kreuzberg, ragt aus einer Gartenlandschaft eine Holzkonstruktion heraus: „Die Laube“. Gebaut wurde sie so, wie es Zimmerleute traditionell tun: ohne viele Maschinen, dafür mit vielen Helfern. Das Kiefernholz für die Konstruktion stammt aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Berliner Moritzplatz ist ein einziger Kreisverkehr: Autos, Lkw, Fahrräder und Busse teilen sich drei Fahrspuren, es ist laut und stinkt nach Abgasen. Fast alle Seiten des Platzes sind bebaut, nur eine Ecke noch nicht: In den Prinzessinnengärten, mitten in Berlin-Kreuzberg, wachsen Bäume, Sträucher, Nutzpflanzen und seit zwei Jahren ragt aus dieser Grünfläche auch ein Holzbau heraus. Der Turm trägt den Namen „Die Laube“. Aber mit einem Holzschuppen aus dem Schrebergarten hat das Bauwerk nichts gemeinsam. Die Holzkonstruktion ist etwa zehn Meter hoch und hat zwei Geschosse mit Aussichtsplattformen. Weder ein Dach noch Außenwände gibt es, die „Laube“ soll bewusst offenbleiben. Das ist der Wunsch von Marco Clausen, Geschäftsführer der Prinzessinnengärten.

Offene Konstruktion, schnell demontierbar

„Die Konstruktion ist so gebaut, dass sie dem Garten weder Licht noch Anbaufläche nimmt“, sagt Clausen. Auf der früher brachliegenden Fläche am Moritzplatz ist in den letzten acht Jahren ein grünes Paradies entstanden, die Prinzessinnengärten, eine für alle Besucher offenstehende Grünfläche. Aber obwohl dieser Gemeinschaftsort seit acht Jahren als öffentlicher Garten besteht, ist seine Existenz bedroht: Bauland ist hier, mitten in Berlin, sehr begehrt. In der Nachbarschaft entstanden in den letzten Jahren einige neue Wohnhäuser und es wird weiterhin gebaut, eine Freifläche nach der anderen verschwindet. „Die Gärten haben vorerst eine Genehmigung bis 2018. Wie es danach weitergeht, wissen wir noch nicht“, sagt Marco Clausen, „aber die selbst gebaute Laube ist so etwas wie ein Statement. Denn sie ist ein dauerhaftes Bauwerk, das man nicht so schnell abreißen kann.“ Fragt man den Zimmerermeister Kai Goerigk, der den Bau der „Laube“ geleitet hat, klingt das etwas anders: Für ihn ist einer der großen Vorteile an der Konstruktion der „Laube“, dass man sie schnell wieder demontieren kann.

Ohne viele Maschinen

Die „Laube“ steht auf einer Fläche von 100 m², ihr Streifenfundament erstellte man im Jahr 2015, ein Jahr später rollte ein Lkw mit den ersten Holzbalken für die Konstruktion an. Geplant hat den Bau der Architekt Florian Köhl, über 100 Studenten, Auszubildende und freiwillige Helfer bauten an der „Laube“ mit. Der Holzbau entstand dabei ohne den Einsatz größerer Maschinen. „Die Holzbalken bekamen wir fertig abgebunden geliefert“, sagt Zimmerermeister Kai Goerigk, „wir hätten die Balken auch selbst in der Schule abbinden können, dafür fehlte aber die Zeit.“ Kai Goerigk ist Ausbilder am Oberstufenzentrum der Berliner Knobelsdorff-Schule. Hier lernen junge Leute den Zimmermannsberuf und weitere Berufe des Bauhandwerks. Zwei Tage pro Woche sind die angehenden Zimmerer in der Schule, den Rest der Woche arbeiten sie auf Baustellen und in den Schulwerkstätten. Die Schüler übernehmen Bauaufträge aus öffentlicher Hand und von privaten Vereinen und werden so auf das Berufsleben vorbereitet. Vom Dachstuhl bis zum Holzrahmenbau fallen sämtliche Zimmereiarbeiten an. Die angehenden Zimmerleute haben die Holzkonstruktion aber nicht allein errichtet. Hilfe bekamen sie von Studenten der Technischen Universität Berlin, freiwilligen Helfern und Anwohnern des Moritzplatzes. „Jeder konnte beim Bau mithelfen, das Engagement der Anwohner war groß. Dabei kamen die Helfer nicht in Turnschuhen, sondern richtig mit Arbeitsschuhen ausgestattet. Nach einer kurzen Sicherheitseinweisung konnten sie schon mitarbeiten“, sagt Kai Goerigk.

Für die Konstruktion mussten zunächst die tragenden Eckpfeiler aufgestellt werden. Dazu bohrte man in das Streifenfundament Löcher für die Gewindestangen der Stützenfüße, die Löcher füllte man mit Injektionsmörtel aus. Dann hievten die Helfer gemeinsam die Pfeiler mit Holzstützen in die Höhe, ähnlich wie beim Aufstellen eines Maibaums, um sie dann im Fundament zu verschrauben. So wurden nacheinander die zwölf tragenden Eckpfeiler errichtet. Zwischen den Pfeilern montierte man diagonale, aussteifende Balken. Von außen und innen sind horizontal verlaufende

Balken montiert, die über Gewindestangen miteinander verbunden sind.

Ganz ursprüngliche Zimmermannsarbeit

„Ich finde die Struktur der „Laube“ klasse, weil sie so einfach zu erstellen ist und überall errichtet werden kann“, sagt Kai Goerigk, „man könnte die gleiche Konstruktion problemlos noch einmal danebensetzen.“ Der Holzbau ist mit Gewinedestangen und Muttern verschraubt, dazwischen sitzen einige Geka-Dübel. Ganz ohne Maschinen kamen die Handwerker nicht aus: Zwei Akkuschrauber und je eine Kappsäge, Kreissäge, Schwertsäge, Stichsäge und einen Bohrer sponserte die Firma Festool. „Die Harmonie zwischen Studenten, Zimmerei-Azubis und freiwilligen Helfern auf der Baustelle war toll“, sagt Zimmerermeister Kai Goerigk im Nachhinein, „das war ganz ursprüngliche Zimmermannsarbeit: Mit Muskelkraft, im Team und mit Köpfchen.“ Ohne Sicherheitsmaßnahmen ging es natürlich nicht. Ein Gerüst kam ebenso zum Einsatz wie Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz. Ende Juni 2017 war die „Laube“ fertig gestellt. Durch wetterfeste Zeltplanen, die auf Schienen laufen, sind Besucher des Holzbaus ab sofort vor Regen und Kälte geschützt. Weitere Informationen, aktuelle Fotos und Berichte aus den Prinzessinnengärten finden Sie im

Internet unter http://prinzessinnengarten.net.

Autor

Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau in Gütersloh.

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