Azubis bauen ihre eigene Werkstatt

Das würdigte auch die Jury der „Dachkrone“

Was in der Industrie gang und gäbe ist, bleibt im Handwerk die Ausnahme: eine eigene Lehrwerkstatt für Auszubildende. Dabei bietet sie viele Vorteile. Im Dachdeckerbetrieb Henkel & Söhne in Moringen gibt es nun eine eigene Azubi-Werkstatt – gebaut wurde sie von den Azubis selbst.

Gerade zu Beginn der Ausbildung fehlt manchen Auszubildenden das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Sie fühlen sich auf der Baustelle oft noch nicht sicher genug, um selbstständig anzupacken und die Gesellen und Meister auf der Baustelle unterstützen zu können. „Übung macht den Meister“ – dieses Sprichwort ist wohl nirgendwo so wahr wie im Handwerk, aus dem der Spruch ursprünglich stammt. Regelmäßiges Üben und Lernen schafft Selbstvertrauen, Aufgaben selbst übernehmen zu können.

Sie haben die Werkstatt gemeinsam gebaut, angeleitet von Ausbildungsleiter Jan-Henrik Henkel, die Azubis Nico Schütte, Marius Fröchtenicht, Rafael Lips und Luca Rodrigues (v.l.n.r.)
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH

Sie haben die Werkstatt gemeinsam gebaut, angeleitet von Ausbildungsleiter Jan-Henrik Henkel, die Azubis Nico Schütte, Marius Fröchtenicht, Rafael Lips und Luca Rodrigues (v.l.n.r.)
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH
Doch gerade im Dachdecker- und Zimmererhandwerk wäre es bei manchen Arbeiten gefährlich, diese erst auf dem Dach von Grund auf zu erlernen. Die Höhe und die Tatsache, dass an fremdem Eigentum gearbeitet wird, können die Hemmschwelle erhöhen, selbst mit anzupacken und Ängste vor Fehlern schüren – und diese können auf der Baustelle schnell teuer werden oder sogar zu Unfällen führen.

Sich selbst vertrauen lernen

So kann es auf der Baustelle zum Beispiel passieren, dass einem Auszubildenden eine Dachrinne bei der Montage aus der Hand rutscht, weil er noch nicht so geübt im Handling ist. In der Azubi-Werkstatt der Henkel & Söhne Bedachungs GmbH in Moringen brauchen junge Dachdecker keine Sorgen zu haben, dass die Dachrinne jemandem auf den Kopf fällt. Dort gibt es fünf verschiedene Modelle, an denen sich Auszubildende ausprobieren können: Steildach, Flachdach, Fassade, Schornstein und Traufe. Am Steildachmodell können die angehenden Dachdeckerinnen und Dachdecker die Montage der Dachlattung und das Verlegen der Dachziegel üben. Am ­Flachdachmodell lernen sie, wie Dachbahnen verlegt werden und eine Attika abgedichtet wird und an der Fassade können sie Schiefer anbringen. Für die Bleiverarbeitung bietet sich der Schornstein an und an der Traufe können Regenrinnen montiert werden.

Der Bau der Werkstatt war für die Auszubildenden herausfordernd, brachte aber eine steile Lernkurve und viel Spaß mit sich
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH

Der Bau der Werkstatt war für die Auszubildenden herausfordernd, brachte aber eine steile Lernkurve und viel Spaß mit sich
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH
„Wir haben uns als mittelständischer Familienbetrieb dazu entschlossen, die Werkstatt zu bauen, um unseren Standort im ländlichen Raum attraktiv zu gestalten und unsere Azubis bestmöglich auf ihre Prüfungen und das Berufsleben vorzubereiten,“ erklärt Timm Henkel, Geschäftsführer des Handwerksbetriebs. „In der Lernwerkstatt können die Azubis in Ruhe den Umgang mit Werkzeug und Material üben, fernab vom Arbeitsalltag einer Baustelle. Außerdem können sie Wissen und Techniken vertiefen, die sie in der Berufsschule gelernt haben. Wir wollen den Azubis dadurch Motivation und Sicherheit geben und so passieren auch weniger Fehler auf der Baustelle.“ Dass das funktioniert, bestätigt Nico Schütte, Auszubildender aus dem 1. Lehrjahr: „Ich bin sicherer geworden, weil man in der Werkstatt viel Erfahrung sammeln kann. Vor allem beim Schweißen von Dachbahnen mit dem Heißluftschweißgerät.“

Selbstständig planen und bauen

In einer hohen Lagerhalle mit Steildach auf dem Betriebsgelände wurde eine neue Etage eingezogen und so vorher ungenutztem Raum ein neuer Zweck verliehen
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH

In einer hohen Lagerhalle mit Steildach auf dem Betriebsgelände wurde eine neue Etage eingezogen und so vorher ungenutztem Raum ein neuer Zweck verliehen
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH
Schon der Bau der Azubi-Werkstatt brachte eine steile Lernkurve mit sich, denn auch das war die Aufgabe der Auszubildenden der Firma Henkel & Söhne. Während einer Schlechtwetterphase im Winter 2025/26 bauten die vier Dachdecker-Auszubildenden des Unternehmens ihre eigene Werkstatt. Jan-Henrik Henkel, Prokurist bei der Firma Henkel & Söhne, hat das Projekt mit betreut und die Auszubildenden angeleitet. „Die Idee war, dass sie das Projekt von Anfang bis Ende selbst planen und umsetzen. Das hat auch mal dazu geführt, dass sie Abschnitte wieder zurückbauen und von Neuem beginnen mussten, aber das gehört dazu“, sagt der Dachdeckermeister. „Der Bau der Werkstatt war teilweise anstrengend, aber es hat Spaß gemacht und sich gelohnt,“ bestätigt Nico Schütte. Auch Rafael Lips, angehender Dachdecker aus dem 3. Lehrjahr, war begeistert, die Werkstatt mitzubauen: „Der Bau der Werkstatt war toll! Ich war dort vor allem mit dem Richten der Konstruktion beschäftigt.“ In einer hohen Lagerhalle mit Steildach auf dem Betriebsgelände wurde für die Werkstatt eine neue Etage eingezogen und so vorher ungenutztem Raum ein neuer Zweck verliehen. Die Grundkonstruktion der Werkstatt besteht aus Holz, die Wände wurden gedämmt und mehrere Fenster eingebaut. Beim Bau probierten die Dachdecker-Azubis auch Aufgaben aus anderen Gewerken aus – beispielsweise aus dem Zimmererhandwerk. Die benötigten Stromleitungen wurden durch einen Elektriker professionell installiert.

Verantwortung übernehmen

Blick in die Azubi-Werkstatt: Rechts das Flachdachmodell, links im Hintergrund die Sparren des Steildachmodells und hinten rechts die Traufe, an der die Rinnenmontage geübt werden kann
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH

Blick in die Azubi-Werkstatt: Rechts das Flachdachmodell, links im Hintergrund die Sparren des Steildachmodells und hinten rechts die Traufe, an der die Rinnenmontage geübt werden kann
Foto: Henkel & Söhne Bedachungs GmbH
Nicht nur der Bau der Werkstatt, der ungefähr sechs Wochen dauerte, lag in der Verantwortung der Auszubildenden, auch der weitere Betrieb. So kümmern sich die Azubis im dritten Lehrjahr darum, dass die Azubi-Werkstatt sauber und ordentlich hinterlassen wird und die Modelle zum Feierabend jeweils wieder zurückgebaut sind, damit die nächsten starten können. Die Auszubildenden waren natürlich stolz auf ihr Geschaffenes. Mittlerweile bereiten sich Marius Fröchtenicht und Rafael Lips aus dem dritten Lehrjahr in der Werkstatt auf ihre Abschlussprüfung vor. „Dass ich die Azubi-Werkstatt für die Gesellenprüfung zum Üben nutzen kann, ist auf jeden Fall ein Vorteil für mich. Ich lerne den sicheren Umgang mit den Materialien und dem Werkzeug und ich traue mir mehr zu“, sagt Marius Fröchtenicht. Auch der 19-jährige Rafael Lips bestätigt: „Man hat in der Werkstatt immer die Möglicheit zu lernen und sich vertrauter mit dem Handling und den Werkzeugen zu machen. Ich fühle mich jetzt viel sicherer auf der Baustelle.“ Die Azubi-Werkstatt wird aber nicht nur zum Lernen und Vorbereiten auf Prüfungen genutzt, sondern auch für Schulungen. Unternehmen wie Velux, Roto, Bauder, Jacobi und Kingspan Light + Air nutzen die neuen Räume unter dem Dach, um den Einbau und das Handling ihrer Produkte anschaulich an den Modellen zu demonstrieren. So gab es zum ­Beispiel schon Schulungen zum Dachfenstereinbau oder zur Verlegung verschiedener Ziegelarten.

Ausgezeichnet mit dem Sonderpreis der „Dachkrone“

Ausbildungsleiter Jan-Henrik Henkel (v.l.n.r.), Rafael Lips, Marius Fröchtenicht und Geschäftsführer Timm Henkel nahmen auf der „Dachkrone“ in Bielefeld stolz die Auszeichnung für den dritten Platz in der Sonderkategorie entgegen
Foto: Stork Media

Ausbildungsleiter Jan-Henrik Henkel (v.l.n.r.), Rafael Lips, Marius Fröchtenicht und Geschäftsführer Timm Henkel nahmen auf der „Dachkrone“ in Bielefeld stolz die Auszeichnung für den dritten Platz in der Sonderkategorie entgegen
Foto: Stork Media
Nicht nur die Auszubildenden sind begeistert von ihrer Werkstatt, sondern auch die Jury der „Dachkrone“, die das Projekt dieses Jahr auf den dritten Platz in der Sonderkategorie wählte. Bei der Preisverleihung am 29. Mai 2026 in Bielefeld nahm das Team der Firma Henkel & Söhne die Auszeichnung stolz entgegen, zusammen mit der Dachdeckerei-Zimmerei Meier aus Lengede, die punktgleich ebenfalls auf dem dritten Platz landete. Marius Fröchtenicht und Rafael Lips begleiteten das Team von Henkel & Söhne zur Veranstaltung und freuten sich über einen spannenden Abend, an dem sie „ihre Werkstatt“ feierten. „Ich war sehr nervös und aufgeregt,“ berichtet Marius Fröchtenicht, „aber die ­Preisverleihung hat sehr viel Spaß gemacht!“ Das Unternehmen erhielt einen Werkzeugkoffer von Picard, einen personalisierten Latthammer und einen Gutschein für das Paslode-Sortiment im Wert von 500 €. Der Werkzeugkoffer zog direkt in die Azubi-Werkstatt und unterstützt die Auszubildenden dort, passend zu den bevorstehenden Gesellenprüfungen. Wenn sie im September die Werkstatt an die nächste Generation weitergeben werden, haben sie voraussichtlich nicht nur ihre Prüfungen bestanden, sondern auch etwas hinterlassen, das bleibt.

Autor

Dennis Rabeneick ist Volontär in den Magazinen dach+holzbau und bauhandwerk.

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