6000 m² Dachfläche mit Schiefer eingedeckt

Schloss Blankenburg (Harz): Ertüchtigung und Austausch des Dachtragwerks und Deckung mit Schiefer in Altdeutscher Deckung

Ohne die engagierten Bürger ihrer Stadt würde das Schloss Blankenburg im Harz wohl kaum noch Zukunftschancen haben. Seit fast 15 Jahren wird hier vor allem durch die Sanierung der Dächer der Bestand vor dem Verfall gesichert. Etwa 6000 m² Dachfläche wurden dabei neu mit Schiefer gedeckt.

Das kleine Örtchen Blankenburg ist vermutlich nicht so bekannt wie seine Nachbarn Wernigerode und Quedlinburg, aber ebenso idyllisch am nördlichen Rand des Harzes gelegen. Es verfügt zudem über das größte noch erhaltene Welfenschloss! Die Ursprünge des Schlosses reichen weit zurück in das 12. Jahrhundert. Die barocke Schlossanlage, die heute auf dem 300 m hohen Blankenstein steht, stammt allerdings aus dem 18. Jahrhundert. Sie wurde für die damalige welfische Fürstenresidenz Blankenburg errichtet. Nach dem Krieg siedelte die zuletzt dort wohnende Herzogsfamilie um.

Ab Ende der 1950er Jahre wurde das Schloss bis Anfang der 1990er Jahre von der Fachschule für Binnenhandel genutzt. Anschließend stand das Gebäude über 10 Jahre leer und verfiel zunehmend. Insbesondere Feuchtigkeit, Schimmel und der echte Hausschwamm setzten ihm sehr stark zu. 2004 wurde mit ersten Sicherungsarbeiten zur Erhaltung der Gebäudesubstanz im Auftrag eines Investors begonnen, der das Projekt allerdings wieder fallen ließ. Da traten die Bürger der Stadt Blankenburg auf den Plan und nahmen sich ihrer Burg an. 2005 gründete sich der gemeinnützige Verein Rettung Schloss Blankenburg e.V. und begann mit ersten Sanierungsarbeiten.

Die Sanierung der Schlossanlage

Angefangen wurde mit der Schlosskapelle im so genannten Kirchenflügel. Fünf Jahre später konnte der Theatersaal des Schlosses saniert werden und steht seitdem wieder für Theateraufführungen und andere Veranstaltungen bereit. Seit 2012 wird das Schloss auch als Außenstelle des Standesamtes für Hochzeitsfeiern genutzt. Die gesamte Anlage, die im Wesentlichen aus dem Kirchenflügel, dem Alten Flügel, dem Küchenflügel und dem Theaterflügel, die sich um den zentralen Schlosshof gruppieren, besteht, ist groß und für einen gemeinnützigen Verein eine immense Aufgabe. Eigentümerin der Anlage ist die ebenfalls gemeinnützige Großes Schloss Blankenburg GmbH (hundertprozentige Tochter des Vereins), die das Schloss vor 10 Jahren im Zuge einer Zwangsversteigerung erworben hat. Unterstützt wird und wurde die Sanierung maßgeblich durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ist die einzige private, bundesweit tätige Organisation für Denkmalschutz in Deutschland, die den Erhalt von Denkmälern aller Kategorien fördert.

Dennoch ist eine solche Bauaufgabe, die in erster Linie auf ehrenamtlichem Engagement beruht, nicht mit einer investorengestützten Sanierung vergleichbar. „Hier geht es in erster Linie um den Erhalt des Bestandes“, erklärt Sven Ungethüm, der das Projekt seit über 15 Jahren als Bauingenieur begleitet. „Wir machen eine Mauerwerkssanierung bis 1,50 m unter die Traufe. Ein Großteil des Schlosses wird als gesicherter Kaltraum saniert.“ Zentrales Thema der Instandsetzung ist also das Dach und die direkt darunterliegende Holztragkonstruktion bis zur Deckenbalkenebene.

Altdeutsche Deckung mit stumpfem Hieb

Was sofort ins Auge fällt, sobald man das Schloss sieht, ist die großflächige Schieferdeckung, die sich über die gesamte, vielfältig verschnittene Dachlandschaft zieht. Etwa 6000 m2 wurden hier in Altdeutscher Deckung, der Königsdisziplin des Dachdeckerhandwerks, eingedeckt. „Das war auch für uns in dieser Größenordnung und Vielfalt nicht alltäglich“, erzählt Mark Franke, dessen Firma die Deckung des Alten Flügels, des Küchenflügels mit dem dazwischenstehenden Rundturm sowie zuletzt des Postflügels übernommen hatte. „Für mich ist das Besondere an einer Schieferdeckung auch das Material selbst. Das ist Natur pur. Der Schiefer wird zwar noch vor Ort behauen und angepasst, aber im Prinzip verlegt, wie er gewachsen ist“, sagt Franke. Das typische der Altdeutschen Deckung ist zum einen, dass die Decksteine von freier Hand zugerichtet werden und somit Steine unterschiedlicher Höhen und Breiten in einer Deckung liegen. Zum anderen werden die Schiefersteine zum First hin stufenlos kleiner. In diesem Fall wurde unten mit einem 35er Deckstein begonnen und am First auf einen 22er verjüngt. Das wiederum bedeutete, dass fast jeder Deckstein mehr oder weniger stark angepasst werden musste. Besonders aufwendig war das an Graten, Kehlen oder Gauben. „Das Grundprinzip der Schieferdeckung ist einfach: Die Deckplatten werden auf die Dachpappe aufgelegt, die wiederum auf der Schalung liegt, und vernagelt“, so Franke, „aber beispielsweise in den Kehlen müssen die Kehlsteine alle gehackt und genau passend in die Kehle angeschmiegt werden.“ Der Rundturm zwischen Altem Flügel und Küchenflügel wurde dabei komplett eingerüstet und sehr kleinteilig mit Schieferplatten belegt, um die Deckung an die Rundungen anpassen zu können. Behauen und überdeckt wurde in Schloss Blankenburg mit Schiefersteinen von Rathscheck Schiefer mit stumpfem Hieb, einer sehr komplexen Geometrie, bei der die obere und untere Kante der Steine nicht parallel sind.

Mit Schieferböcken ging es nach oben

Eingedeckt wird die Dachfläche von unten nach oben, wobei die Dachdecker auf Schieferböcken sitzen, mit denen sie sich über die bereits gedeckte Fläche nach oben vorarbeiten. Im Abstand von 3 bis 4 m werden hierfür Dachhaken in das Dachtragwerk eingeschlagen, an denen Seile hängen. Zwischen zwei Seilen liegt eine Bohle, die auf Hartgummirollen oder Besen bewegt und somit problemlos über die Fläche gezogen werden kann. Beim Eindecken stellten auch die hohen sommerlichen Temperaturen eine enorme Belastung dar, denn knapp über der Deckung herrschten hier Temperaturen von bis zu 60 °C!

Es waren die Details, aber eben auch die Großflächigkeit, die hier eine besondere Aufgabe waren. Ähnlich verhält es sich bei den Zimmerern, die sich um die Sanierung des Dachstuhls gekümmert haben. „Die größte Herausforderung für uns war eigentlich die Logistik“, erzählt Zimmerer Jens Groß, dessen Zimmerei seit Anfang der Sanierung dabei ist, „allein die Menge an Holz, die wir im Theatersaal und im Theaterflügel verbaut haben entspricht etwa der Holzmenge für 20 Einfamilienhäuser. Das Holz mussten wir überwiegend von Hand an Ort und Stelle, also bis unter das Dach, bringen.“ Zum anderen mussten die Zimmerer auch sehr gut im Team mit den Maurern und Dachdeckern arbeiten, da die einzelnen Arbeitsschritte, auch durch den Schwammbefall, immer wieder ineinander griffen.

Zusammengearbeitet wurde aber auch schon in der Planung innerhalb eines größeren Netzwerkes, denn neben architektonischer, tragwerksplanerischer und holzschutztechnischer Begutachtung wurde das denkmalgeschützte Objekt auch von Bauforschung und einem Restaurator begleitet. „Der Holzgutachter hat für jedes Holz den Gesundschnitt definiert. Er hat genau festgelegt, wie viel des beschädigten Holzes weggenommen werden soll und darf. Also möglichst viel sollte erhalten, aber natürlich nicht mehr tragfähiges Holz ersetzt werden“, erklärt Groß. Diese Vorgabe lässt sich im Prinzip im gesamten Dachstuhl sehr gut nachvollziehen, da hier kein Sparren mehr dem anderen gleicht. Einige wenige konnten tatsächlich in Gänze erhalten bleiben. Der Großteil der Sparren und Balken musste aber auf jeden Fall ergänzt, sehr viele zusätzlich mit einer Holzzange gesichert werden. In einigen Bereichen mussten sie auch komplett ausgetauscht werden.

Besonders betroffen waren, wie nicht anders zu erwarten war, die Fußpunkte der Sparren, an denen sie auf der Schwelle aufliegen. Genauer gesagt handelt es sich im Projekt Schloss Blankenburg um eine Doppelschwelle, die auf der vom Hausschwamm befallenen Außenwand liegt. Dieser hatte in den aufliegenden Holzbauteilen mehrere Meter lange Versorgungsgänge ausgebildet. Wenn diese austrocknen, brechen sie auf mechanischen Druck. Balken und Sparren konnten also teilweise von außen noch sehr gut aussehen, hatten aber im Inneren eine Art Hohlwanne gebildet. Neben der Sanierung von Dachsparren, Schwellen und Bindern mussten vor allem die Decken der stützenfreien Räume gesichert werden.

Große Tragwerke über stützenfreien Räumen

Ganz wichtig war beispielsweise die Sicherung der Holzdecke über dem Kaisersaal im Alten Flügel. Um hier den Stuck der Decke nicht zu gefährden, musste die Deckenschalung an den darüber liegenden Balken befestigt werden. Mit jeweils zwei kleinen Winkeln wurden die Schalungsbretter an den Deckenbalken befestigt.

Holzbautechnisch spannend sind auch die Hängesprengwerke über den stützenfreien Räumen wie der Schlosskapelle im Kirchenflügel, dem erwähnten Kaisersaal im Alten Flügel oder über dem Theatersaal. „Hier wiederum bekamen wir unsere Vorgaben nicht nur über den Holzgutachter, sondern vor allen Dingen durch den Statiker, der uns exakte Vorgaben zur Anzahl, Position und dem Neigungswinkel der Dübel vorgegeben hat, mit denen die Holzkonstruktion ertüchtigt werden sollte“, so Groß. In geringfügigem Maß musste die Konstruktion auch durch Stahlbauteile ergänzt werden, beispielsweise über den großen Fenstern, um die Wölbung zu entlasten.

Es sind im Detail keine spektakulären Maßnahmen, die bei der Sanierung von Schloss Blankenburg durchgeführt werden können. Im Gegenteil: An vielen Punkten muss das Minimum reichen. Vielmehr verdienen die Kontinuität und Ausdauer, mit der diese Maßnahmen über so viele Jahre hinweg geleistet wurden und noch weiterhin geleistet werden, große Anerkennung!

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve hat Architektur in Braunschweig und Kassel studiert. Sie arbeitet als freie Autorin unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau und lebt in Lübeck (www.abteilung12.de).

„Das Holz, das wir verbaut haben, entspricht etwa der Holzmenge für 20 Einfamilienhäuser.“

Bautafel (Auswahl)

 

Projekt Sanierung und Ertüchtigung des Daches von Schloss Blankenburg. Neudeckung des Daches mit Schiefer

Dachfläche 6000 m2 auf allen vier Flügeln (Kirchen-, Alter-, Küchen- und Theaterflügel mit Theatersaal und Postflügel)

Bauherr Großes Schloss Blankenburg GmbH, 38889 Blankenburg (Harz), www.rettung-schloss-blanken
burg.de

Architekt Planungsring Architekten + Ingenieure GmbH, Bothe Kowalsky Roth Surowy, 38855 Wernigerode, www.planungsring-wr.de

Holzbau Zimmerei Groß GmbH, 38855 Wernigerode, www.zimmerei-gross-wernigerode.de

Dachdeckung Franke Dächer, 38855 Wernigerode, www.dach-franke.de

Restauratoren Restauratoren Blankenburg GbR, Matthias Pröpper & Christoph Hänel, 38889 Blankenburg (Harz), www.restauratoren-harz.de

Schiefer Rathschek Schiefer, Altdeutsche Deckung, stumpfer Hieb, 56727 Mayen-Katzenberg, www.schiefer.de

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