Von Materialresten zu neuen Werkstoffen
Interview mit Tobias Schellenberger (IVPU), Teil 2: Recycling von PU-DämmstoffenVerschnitte oder Reste, die bei der Arbeit mit PU-Dämmstoffen anfallen, werden häufig im Baumischcontainer entsorgt – sie lassen sich jedoch auch recyceln, um daraus neue Werkstoffe herzustellen. Wie das Recycling genau funktioniert, darüber haben wir mit Tobias Schellenberger vom IVPU gesprochen.
dach+holzbau: Wie funktioniert das Recycling von PU-Dämmstoffverschnitten und Produktionsresten?
Tobias Schellenberger: Wir unterscheiden zwei Arten des Recyclings: Beim mechanischen Recycling werden geschredderte Produktionsreste, die in PU-Dämmstoffwerken anfallen, sowie PU-Dämmstoffverschnitte auf Baustellen gesammelt und daraus neue Funktionswerkstoffe hergestellt.
Die Dämmstoffverschnitte und Produktionsreste werden für das Recycling zunächst geschreddert und danach zu Briketts verdichtet. Diese werden anschließend maschinell mit einem Bindemittel vermischt und zu Platten gepresst
Foto: Puren
Das Herstellungsverfahren ähnelt der Produktion von Holzwerkstoffen.Das geschredderte PU-Material wird mit einem Bindemittel vermischt und in einem kontinuierlichen Verfahren zu Platten gepresst. Beim chemischen Recycling hingegen werden die Molekülbindungen im Polyurethan unter Temperatur und Druck wieder in die Ausgangsstoffe MDI und Polyol gespalten. Diese können wieder als Rohstoffe für die Produktion neuer PU-Dämmstoffe verwendet werden.
Welche neuen Werkstoffe lassen sich auf diese Weise herstellen?
Aus PU-Dämmstoffverschnitten und Produktionsresten lassen sich Funktionswerkstoffe mit vielen nützlichen Eigenschaften herstellen. Diese Werkstoffe lassen sich, ähnlich wie Holzwerkstoffe, mit baustellenüblichen Maschinen und Werkzeugen bearbeiten.
Aus PU-Dämmstoffverschnitten und Produktionsresten lassen sich Funktionswerkstoffe herstellen, die sich ähnlich wie Holzwerkstoffe bearbeiten lassen
Foto: Puren
Sie sind wasserbeständig und verrottungsresistent, so druckfest wie leichte Mauersteine und dämmen so gut wie beispielsweise Holzwolle oder Porenbeton. Im Bauwesen lassen sich diese PU-Funktionswerkstoffe unter anderem als Dämmzargen, Traufbohlen oder Attikaelemente einsetzen.
Können auch alte PU-Dämmplatten aus dem Rückbau und der Sanierung für das Recycling genutzt werden?
Aus technischer Sicht ist die Wiederverwendung oder das Recycling von PU-Dämmplatten aus dem Bestand kein Problem. Die zurückgebauten Platten sollten allerdings der europäischen Produktnorm DIN EN 13165 entsprechen, die seit 2003 gilt, und dürfen nicht stark verunreinigt sein. Da PU-Dämmplatten oft mechanisch befestigt oder lose unter Auflast verlegt werden, können sie problemlos zurückgebaut und sortenrein gesammelt werden. Wenn man die Schnittkanten der Dämmplatten absägt, kann man 30 Jahre alte Dämmplatten von neuen kaum unterscheiden.
Dipl.-Ing. Tobias Schellenberger ist Geschäftsführer des Industrieverbands Polyurethan-Hartschaum (IVPU). Der Verband vertritt PU- Rohstoffproduzenten und Hersteller von PU-Dämmstoffen
Foto: Erdal Top
Das Problem ist mehr rechtlicher Art: Zurückgebaute PU-Dämmplatten unterliegen dem Abfallrecht und damit einer umfangreichen Regulierung. Recyclinganlagen, in denen aus alten Dämmstoffen neue Funktionswerkstoffe hergestellt werden, müssen als solche genehmigt sein. Werke, in denen PU-Funktionswerkstoffe hergestellt werden, sind aber nicht als Abfallbehandlungsanlage, sondern als Produktionsanlage genehmigt. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, praxisgerechte Regeln festzulegen, um Stoffkreisläufe zu ermöglichen.
Welche Vorteile bieten die Sammlung und das Recycling von PU-Dämmstoffverschnitten gegenüber der herkömmlichen Entsorgung?
Aktuell werden alte PU-Dämmplatten und Dämmstoffreste meist thermisch verwertet, da sie als Abfall und nicht als Sekundärrohstoffe gelten. Bei der Verbrennung in kommunalen Müllverbrennungsanlagen gehen jedoch wertvolle Ressourcen verloren und es wird CO2 freigesetzt. Das muss nicht sein. Werden PU-Dämmstoffreste im Stoffkreislauf gehalten, können damit Primärressourcen gespart werden.
Für PU-Funktionswerkstoffe, die aus recycelten Dämmstoffresten hergestellt werden, gibt es viele Verwendungsmöglichkeiten, zum Beispiel im Bauwesen, aber auch im Möbel- oder Schiffbau. Wir sind daher der Meinung, dass PU-Dämmstoffreste aus dem Abfallrecht herausgenommen und als Produkte eingestuft werden müssen. Dadurch würden die bürokratischen Hürden und Kosten deutlich reduziert.
In Berlin hat der IVPU gemeinsam mit der Berliner Dachdeckerinnung und Baustofffachhändlern einen Rücknahme- und Recyclingservice für PU-Dämmstoffreste entwickelt (siehe Infokasten). Wie war die Resonanz auf den Rücknahmeservice?
Wir waren überrascht, dass wir mit unserem Projekt beim ZVDH und den Landesinnungsverbänden des Dachdeckerhandwerks offene Türen eingerannt haben. Die Berliner Dachdeckerinnung und die Dachdeckerbetriebe vor Ort waren von Anfang an mit Feuer und Flamme dabei. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt etwa 600 m³ Dämmstoffverschnitte von Baustellen in Berlin recycelt. Jetzt schließen sich auch die brandenburgischen Dachdeckerunternehmen an.
Wann wird der Rücknahme- und Recyclingservice denn auf andere Bundesländer ausgeweitet?
Um die Dämmstoffreste für das Recycling nutzen zu können, müssen sie sortenrein und ohne Verunreinigungen in speziellen Systemsäcken gesammelt werden
Foto: IVPU
Momentan ist es noch eine Herausforderung, eine flächendeckende Logistik für die Sammlung und das Recycling von PU-Dämmstoffresten zu schaffen. Wir haben hier mit unserem Pilotprojekt in Berlin schon erste Erfahrungen gesammelt und weiten dieses Projekt aktuell auf das Berliner Umland aus. Der Rücknahme- und Recyclingservice wurde bereits im Herbst 2025 auf große Teile Brandenburgs erweitert. Gemeinsam mit dem brandenburgischen Landesinnungsverband des Dachdeckerhandwerks wollen wir noch mehr Bedachungsfachhändler als Partner gewinnen. Je mehr Händler sich beteiligen, desto engmaschiger wird das Netz der Sammelpunkte. So werden die Wege für die Rücknahme verkürzt, damit sich der Transport auch für einzelne Säcke lohnt.
Perspektivisch ist die Ausdehnung des Projekts auf weitere Bundesländer geplant. Zuerst wollen wir aber noch mehr Erfahrungen sammeln, damit wir sicher sein können, dass das Konzept in der Fläche funktioniert. Schließlich darf man nicht vergessen, dass das Projekt von Handwerk und Industrie ins Leben gerufen wurde, sich selbst trägt und nicht bezuschusst wird. Die Wirtschaftlichkeit ist somit ein wichtiger Aspekt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Pilotprojekt: Rücknahme und Recycling von PU-Dämmstoffverschnitten
Sortenrein gesammelter Verschnitt von PU-Dämmplatten lässt sich wieder in den Produktionskreislauf zurückführen, um daraus neue Werkstoffe herzustellen. Häufig landen diese Dämmstoffreste jedoch im Baumischcontainer. Die „Initiative Kreislaufwirtschaft Dachdeckerhandwerk“ möchte das ändern. Sie wurde vom IVPU gemeinsam mit der Berliner Dachdeckerinnung, dem Bedachungsgroßhandel Erich Weit GmbH sowie der DWF Baustoff-Fachhandel GmbH (beide mit Sitz in Berlin) ins Leben gerufen.
Im Rahmen der Initiative wurde ein Rücknahmeservice für PU-Materialreste auf Baustellen in Berlin eingerichtet und inzwischen auf Brandenburg ausgeweitet. Dieser Service bezieht sich auf Materialres-
te aus neuen PU-Hartschaumdämmstoffen aller Fabrikate und unabhängig vom Hersteller, die auf der Baustelle anfallen. Dazu gehören Zuschnitte, Bruchstücke oder auch beschädigte Dämmplatten.
Um diese Dämmstoffreste für das Recycling nutzen zu können, müssen sie sortenrein und ohne Verunreinigungen in speziellen Systemsäcken gesammelt werden. Diese Säcke mit 1 m³ Volumen können bei den am Projekt beteiligten Fachhändlern in Berlin für einen Stückpreis von derzeit 49,99 € erworben werden. Im Preis sind der Transport, die Logistik und die Zuführung in den Wertstoffkreislauf enthalten. Die mit den PU-Materialresten gefüllten Säcke können entweder bei den Händlern abgegeben, bei der Anlieferung von neuem Material wieder zurückgenommen oder von einem Logistikpartner abgeholt werden. Mehr Informationen finden Sie online unter: www.daemmt-besser.de/ruecknahmeservice.
