Marktwachstum trotz Herausforderungen

Interview zu Preissteigerungen und Marktentwicklungen im Bereich PU-Dämmstoffe mit Tobias Schellenberger vom IVPU

Preissteigerungen bei Dachbaustoffen belasten momentan viele Handwerksbetriebe. Über die Ursachen für die Preiserhöhungen bei PU-Dämmstoffen und die aktuelle Marktentwicklung haben wir mit Tobias Schellenberger, Geschäftsführer des Industrieverbands Polyurethan-Hartschaum (IVPU) gesprochen.

dach+holzbau: Wie entwickelt sich aktuell der Markt für ­PU-Dämmstoffe im Steil- und Flachdachbereich?

Tobias Schellenberger: Trotz der schwachen Entwicklung in der Bauwirtschaft ist der Absatz von PU-Dämmstoffen in Deutschland im vergangenen Jahr um 2,7 Prozent gestiegen. Für die energetische Sanierung von Steildächern wurden 2025 fast 13 Prozent mehr PU-Dämmstoffe verwendet als im Vorjahr. Damit ist der Marktanteil in diesem Segment im Vergleich zu anderen Dämmstoffgruppen signifikant gewachsen. Besonders häufig werden PU-Dämmplatten jedoch für die Flachdachdämmung eingesetzt.

Dipl.-Ing. Tobias Schellenberger ist Geschäftsführer des Industrieverbands Polyurethan-Hartschaum (IVPU). Der Verband vertritt sowohl Rohstoffproduzenten als auch die Hersteller von PU-Dämmstoffen
Foto: Erdal Top

Dipl.-Ing. Tobias Schellenberger ist Geschäftsführer des Industrieverbands Polyurethan-Hartschaum (IVPU). Der Verband vertritt sowohl Rohstoffproduzenten als auch die Hersteller von PU-Dämmstoffen
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Auch die ersten Monate dieses Jahres waren von starkem Wachstum gekennzeichnet. Der Grund dafür ist aber eher unerfreulich: Der Irankrieg hat die ­Lieferketten weltweit durcheinandergewirbelt. In Erwartung von Lieferengpässen „hamstern“ manche Baustoffhändler und Handwerksbetriebe PU-Dämmstoffe über ihren tatsächlichen Bedarf hinaus, das kann zu einer Verknappung führen. Solche „Hamsterkäufe“ sind jedoch nicht nötig, denn es gibt derzeit keine Anzeichen für eine Lieferkrise bei PU-Dämmstoffen.

Derzeit berichten viele Dachdeckerbetriebe von steigenden Preisen für Dämmstoffe aus PUR und PIR sowie längeren Lieferzeiten. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

Wie schon erwähnt, hat der Irankrieg dafür gesorgt, dass die Preise für fossile Energieträger und Rohstoffe durch die Decke gegangen sind. Davon ist die gesamte deutsche Industrie – und nicht nur diese – betroffen, wenn auch, je nach Produkt, in unterschiedlichem Ausmaß. PU-Dämmstoffe werden überwiegend aus synthetischen Rohstoffen hergestellt. Die Hersteller dieser Rohstoffe sowie die Produzenten von PU-Dämmstoffen gehören zu den Leidtragenden der Preissteigerungen.

Der plötzliche Kostenanstieg hat die nachgelagerten Branchen, damit auch die Handwerksbetriebe unerwartet und hart getroffen. Die gestiegenen Kosten können oft nur teilweise und verzögert an die Kunden weitergegeben werden. Viele Dachdeckerbetriebe haben bereits Angebote abgegeben und oft keine Preisgleitklauseln vereinbart. Dass hier die Verärgerung groß ist, ist absolut verständlich.

Dachdaemmung mit PU-Daemmplatten Steildach Für die energetische Sanierung von Steildächern wurden 2025 laut dem IVPU fast 13 Prozent mehr PU-Dämmstoffe verwendet als im Vorjahr
Foto: IVPU

Für die energetische Sanierung von Steildächern wurden 2025 laut dem IVPU fast 13 Prozent mehr PU-Dämmstoffe verwendet als im Vorjahr
Foto: IVPU
Zusammenfassend lässt sich sagen: Durch gestiegene Rohstoffpreise und -engpässe kommt es momentan zu steigenden Preisen für PUR- und PIR-Dämmstoffe. Die Industrie ist in der gleichen Situation wie das Handwerk und muss die Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben.

Welche Faktoren kann der Industrieverband ­Polyurethan-Hartschaum (IVPU) in diesem Zusammenhang beeinflussen?

Der IVPU darf und will nicht in den Markt eingreifen. Preise werden durch Angebot und Nachfrage, aber auch durch die Erwartung künftiger Entwicklungen bestimmt und nicht durch Verbände. Generell sollten wir in Deutschland aber darüber nachdenken, wie wir mit Rohstoffen umgehen, die wir aus anderen Weltregionen importieren müssen, weil sie in Europa nicht im ausreichenden Maße vorhanden sind. Rohstoffe entwickeln sich immer mehr zu einem globalen Machtfaktor.

Können Sie abschätzen, wann wieder mit ­Preissenkungen zu rechnen ist?

Da niemand weiß, wann die Straße von Hormus wieder geöffnet wird, ist so eine Voraussage nicht möglich. Auch wenn die Blockade aufgehoben wird, dauert es einige Zeit, bis sich die Rohstoffströme wieder normalisieren.

Welche Aufgaben und Ziele verfolgt der IVPU generell?

Unser Verband befasst sich mit allen Themen, die für die PU-Industrie, die handwerklichen Verarbeiter und die Bauherrschaft wichtig sind. Dazu gehören neben technischen Themen auch Normen und Standards auf nationaler und europäischer Ebene. Auch übergeordnete Ziele wie die Förderung von Stoffkreisläufen im Bauwesen sowie Klimaschutz durch Energieeffizienz gehören dazu.

Besonders ­häufig werden PU-Dämmplatten für die Flachdachdämmung eingesetzt. Durch ihre hohe Druckfestigkeit eignen sie sich auch für genutzte Dächer mit Begrünung oder ­Photovoltaikanlagen
Fotos: IVPU

Besonders ­häufig werden PU-Dämmplatten für die Flachdachdämmung eingesetzt. Durch ihre hohe Druckfestigkeit eignen sie sich auch für genutzte Dächer mit Begrünung oder ­Photovoltaikanlagen
Fotos: IVPU
Zu den Aufgaben des IVPU und der Qualitätsgemeinschaft ÜGPU gehört es auch, Qualitäts- und Umweltstandards für PU-Dämmstoffe zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Dazu arbeiten wir mit unabhängigen Forschungseinrichtungen wie dem FIW München und dem Fraunhofer WKI in Braunschweig zusammen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand unser Umweltzeichen „Pure Life“, mit dem nur Produkte ausgezeichnet werden, die strenge Anforderungen erfüllen und durch das Fraunhofer WKI zertifiziert wurden.

Welche konkreten Angebote Ihres Verbands sind für Dachdecker- und Zimmereibetriebe relevant?

Auf unserer Website findet sich ein breites Angebot an Informationsmaterialien. Dazu gehören beispielsweise technische Informationsblätter, die zeigen, wie Dächer in Hinblick auf den Wärme- und Feuchteschutz, aber auch Brandschutz sicher geplant und ausgeführt werden können. Die nächste Veröffentlichung des IVPU wird ein Leitfaden über den baulichen Brandschutz von Dächern mit PV-Anlagen sein. Die Montage von Solaranlagen auf Dächern bringt eine Reihe neuer Fragen mit sich. Dazu gehören bauphysikalische Aspekte, da die sommerliche Rücktrocknung aufgrund der Verschattung des Daches geringer ist. Hierzu bieten wir ebenfalls Fachinformationen an.


Stephan Thomas (l.), Chefredakteur der dach+holzbau, im Gespräch mit IVPU-Geschäftsführer Tobias Schellenberger im Büro des Industrieverbandes in Berlin
Foto: Erdal Top


Stephan Thomas (l.), Chefredakteur der dach+holzbau, im Gespräch mit IVPU-Geschäftsführer Tobias Schellenberger im Büro des Industrieverbandes in Berlin
Foto: Erdal Top
Wir sind außerdem um das Thema Kreislaufwirtschaft und das Recycling von PU-Dämmstoffresten bemüht. Daher haben wir ein Pilotprojekt in Berlin und Brandenburg gestartet, in dessen Rahmen PU-Dämmstoffverschnitte auf Baustellen sortenrein gesammelt und zur Herstellung neuer Funktionswerkstoffe genutzt werden. (Mehr dazu lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit dem IVPU in der nächsten Ausgabe der dach+holzbau).

Sehen Sie eine starke Konkurrenz durch den ­zunehmenden Einsatz von Dämmstoffen, die auf natürli­chen Rohstoffen basieren, zum Beispiel Holzfaserdämmplatten?

Ich persönlich sehe da überhaupt keine Konkurrenz. Als gelernter Ingenieur für Holztechnik kenne ich die Möglichkeiten, aber auch Grenzen dieser Materialen sehr genau. Was nur wenige wissen: Auch in Holzfaserdämmplatten steckt Polyurethan (PU) in Form von Bindemitteln. Das ist notwendig, damit aus Holzfasern stabile Platten werden.

Holzwerkstoffe und PU-Dämmstoffe gehören zusammen, jedes Produkt hat spezifische Vorzüge. Am Bau ergänzen sich Holz und PU-Hartschaum in idealer Weise: PU-Dämmstoffe ermöglichen aufgrund ihrer hohen Dämmleistung vergleichsweise schlanke Konstruktionen. Sie sind sehr dauerhaft, langlebig und weitgehend unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit. Außerdem sind sie um ein vielfaches leichter als andere Dachdämmstoffe aus natürlichen Rohstoffen. Darüber hinaus bieten PU-Dämmstoffe Vorteile hinsichtlich der Statik: Die Kombination aus Holztragwerken und PU-Dämmstoffen ermöglicht es, Wand- und Dachkonstruktionen mit geringem Gewicht zu erstellen. Im Übrigen können einige Rohstoffkomponenten für PU, wie beispielsweise Polyol, auch aus nachwachsenden Materialien gewonnen werden. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich dabei allerdings, denn diese natürlichen Ressourcen sind begrenzt. Dazu kommt Nutzungskonkurrenz mit der Verwendung als Lebensmittel.

Welche typischen Vorbehalte oder Missverständnisse gegenüber PU-Dämmstoffen begegnen Ihnen häufig?

IVPU-Presseinfo-Dachaufbau_mit_System_Pressebild5_Polyurethan-Steildachdaemmung.jpg PU-Dämmstoffe bieten eine hohe Dämmleistung bei geringem Gewicht. Sie gelten als langlebig und weitgehend unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit
Foto: IVPU

PU-Dämmstoffe bieten eine hohe Dämmleistung bei geringem Gewicht. Sie gelten als langlebig und weitgehend unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit
Foto: IVPU
Missverständnisse gibt es oft bei der Steildachsanierung. Eine verbreitete Meinung besagt, dass Dämmstoffe im Steildach die Austrocknung fördern müssen. Dämmschichten sollen also möglichst diffusionsoffen sein. Besser ist es allerdings, die Dächer gleich so zu bauen, dass erst gar kein Tauwasser entsteht. Mit einer PU-Dämmung auf den Sparren ist das möglich. Die Aufsparrendämmung auf der Kaltseite des Daches schützt die Holzkonstruktion, hält sie warm und trocken. Tauwasser bildet sich gar nicht erst. Die traditionelle Zwischensparrendämmung ist weniger fehlertolerant, Planungs- oder Ausführungsmängel können hier drastische Folgen haben.

Man kann auch die vorhandene Zwischensparrendämmung durch eine zusätzliche PU-Aufsparrendämmung ertüchtigen. In der Sanierung wird das sehr häufig gemacht. Wie das geht, ist in der Norm DIN 4108-3 beschrieben. Weitere Informationen dazu finden sich auch in der IVPU-Broschüre „Nachweisfreie Steil-dachaufbauten mit PU-Dämmung nach DIN 4108-3“, die auf unserer Website zu finden ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schellenberger!

Über den IVPU

Im Industrieverband Polyurethan-Hartschaum e. V. (IVPU) sind sowohl Rohstoffproduzenten als auch Hersteller von PU-Dämmstoffen organisiert. Dazu gehören weltweit tätige Chemieunternehmen ebenso wie europäische Dämmstoffproduzenten, die ihren Hauptsitz in Deutschland, den Beneluxländern, Frankreich, Österreich oder Großbritannien haben. Über 90 Prozent der deutschen Unternehmen in der PU-Branche gehören dem IVPU an. Der Verband, der 1973 in Frankfurt gegründet wurde, vertritt somit fast die gesamte PU-Dämmstoffindustrie in Deutschland. Mehr Informationen finden Sie online unter: www.daemmt-besser.de.

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