Verspiegelter Holzbau in alpiner Landschaft

Das Mirage in Gstaad hat eine auf der Unterkonstruktion verklebte Aluminiumverbundfassade

Im schweizerischen Gstaad wurde für eine Kunstausstellung ein verspiegelter, eingeschossiger Holzbau errichtet. Fassade und Dach sind mit reflektierenden Aluminiumverbundplatten verkleidet. Um das Spiegelbild nicht zu unterbrechen, befestigte man die Platten nicht sichtbar im Klebeverfahren.

Der schweizerische Ortsname Gstaad steht seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts für eine atemberaubende Landschaft, zauberhafte Chalets und das Amüsement des Jetsets im Schnee. Seit einigen Jahren nutzt die Veranstaltungsreihe „Elevation 1049“ (der Name bezieht sich auf die Lage des Ortes in 1049 m Höhe über NN) das Renommee und die Anziehungskraft des Dorfes für die Präsentation von Arbeiten verschiedener Künstler. In der aktuellen Ausstellung findet sich die Arbeit des Kaliforniers Doug Aitken, der ein „farmähnliches“, verspiegeltes, eingeschossiges Gebäude in die alpine Landschaft stellte. Das Haus hat ein schwach geneigtes Satteldach mit großem Dachüberstand, mittig aufgesetztem Schornstein und angedeutetem Nebengebäude.

Rückbaubare Konstruktion

Über die genaue Konstruktion schweigt sich der Entwurfsverfasser beharrlich aus. Doch da es sich bei dem Gebäude um eine temporäre Installation handelt, die lediglich einige Jahre vor Ort überdauern soll, ist anzunehmen, dass es sich um eine stabile Bauweise handelt, die nach dem Rückbau keine Altlasten zurücklässt. Vermutlich ruht eine Holztafelkonstruktion auf Schraub- oder Punktfundamenten, die durch entsprechende Tragbalken verbunden sind.

Mit Aluminiumverbundplatten verkleidet

Im Grundriss finden acht rechteckige Räume auf ungefähr 200 m² Grundfläche Platz. Aufgrund der Offenheit des Werkes stellen sich Fragen nach energetischen oder haustechnischen Ansätzen hier nicht. Da auch das Dach mit Aluminiumverbundplatten eingedeckt wurde, ist von einer darunterliegenden, wasserführenden Schicht auszugehen. Versehen mit einer üblichen Holzschalung, mit Türen und Fenstern sowie einer lokal gebräuchlichen Dachdeckung würde der Bau niemandem ins Auge fallen und vermutlich tatsächlich für einen Bauernhof gehalten werden – doch die Fassade ändert alles.

Wände und Dach zeigen umgebende Landschaft

Der Kunstgriff bestand darin, die gesamte äußere Gebäudehülle – und Teile der Innenräume – zu verspiegeln. Dazu wurde die Tragkonstruktion mit Alucobond-Aluminiumverbundplatten mit der Oberfläche „Natural Reflect“ verkleidet. Deren Spiegelungen erzeugen nun den gewünschten Effekt, der zahlreiche Besucher anlockt. Die Hauswände und sogar das Dach zeigen die umgebende Landschaft und den Himmel, wodurch sich das Gebäude selbst aufzulösen und mit seinem Umfeld zu verschmelzen scheint. 

Im Inneren wie ein Spiegelkabinett

Dieses spektakuläre Verwirrspiel setzt sich im Inneren des Gebäudes fort. Wie in einem Spiegelkabinett lassen sich nicht nur die Innenräume und die Besucher optisch duplizieren, es ergeben sich auch interessante Perspektiven, etwa in den verspiegelten Fensterlaibungen, die das Innen und das Außen vermengen. Bewegung, sich änderndes Wetter oder der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten lassen sich unmittelbar ablesen und erfahren. Von weitem oder bei Dunkelheit betrachtet, erschließt sich auch der Name des Gebäudes „Mirage“ (le mirage, frz.: die Luftspiegelung).

Keine sichtbaren Schrauben oder Nieten

Die Oberflächen der Fassadenplatten sind sehr widerstandsfähig gegen Witterungseinflüsse und Verschmutzungen. Außerdem sind die dreischichtigen Verbundtafeln sehr biege- und verwindungssteif. Das ist auch notwendig, denn die geringsten Dellen oder Beulen im Material würden die Spiegelung verzerren und den gestalterischen Ansatz konterkarieren. Zudem liegt auf der Hand, dass sichtbare Verschraubungen, ebenso wie das Setzen von Nieten, das Spiegelbild unterbrochen und dem Gesamteindruck geschadet hätten. Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dreidimensionale Fassadenelemente zu formen, deren Falze entsprechend zu bearbeiten und diese dann nicht sichtbar in eine Unterkonstruktion einzuhängen. Aber diese Technik hätte einen erhöhten Aufwand erfordert und eine erhöhte Fassadendicke zur Folge gehabt. Erfreulicherweise existiert eine weitere Methode, verspiegelte Fassaden zu erstellen – durch Verkleben.

Marktreifes Produkt zur Verklebung

Der Hersteller 3A Composites forscht bereits seit Jahren auf diesem Gebiet und ist mit dem Klebstoffproduzenten Tesa eine Kooperation eingegangen. In dem firmeneigenen Entwicklungs- und Fortbildungszentrum von 3A Composites, dem Technicum in Singen, wird ständig an neuen Verfahren gearbeitet, bekannte Techniken verbessert und erzielte Ergebnisse evaluiert. Inzwischen liegt mit „Tesa ACXplus“ ein marktreifes Produkt vor, das augenblicklich auf seine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung durch das Deutsche Institut für Bautechnik in Berlin wartet. Alle hierfür geforderten Tests wurden bereits von unabhängigen Instituten durchgeführt. Für Zulassungen im Einzelfall wurden beispielgebende Berechnungen mit einer speziellen Software durchgeführt, sodass auch dieser Weg beschritten werden kann.

Nicht sichtbar befestigt

Damit steht nun auch an der Fassade eine Verbindungstechnik zur Verfügung, die viele Vorteile bietet. Zunächst erlaubt das Kleben nicht sichtbare Verbindungen bei einem sehr flachen Systemaufbau: Die Materialdicke der Fassadenplatte beträgt bei der Verklebung gerade einmal 4 mm, das Klebeband ist 2 mm dünn. Die Platten werden im Rahmen der Vorfertigung unter kontrollierten Werkstattbedingungen mit Halteschienen aus Aluminium verklebt und dann später in die Unterkonstruktion eingehängt. Hinzu kommt, dass die auf die Verbindung einwirkenden Kräfte nicht punktuell aufgenommen werden, wie es bei Schrauben und Nieten der Fall ist, sondern über die gesamte Länge der Verklebung sowie die Breite von 30 mm.

Ausdehnung ist kein Problem

Das aus Acrylatschaum bestehende, doppelseitig wirkende Klebeband kann um mehr als die doppelte Länge gedehnt werden, ohne seine Funktion zu verlieren. Solche Dehnungsfähigkeiten sind in der Baupraxis zwar nicht vonnöten. Sie zeigen aber, dass das Material mit den Wärmeausdehnungskoeffizienten von Metall, Glas und anderen Werkstoffen keine Probleme bekommt. Die Beständigkeit gegenüber Feuchtigkeit, Chemikalien sowie anderen auf die Fassade einwirkenden Einflüssen wurde mit sehr guten Ergebnissen getestet. Ein Vorläufer der aktuellen „Alucobond by Tesa“-Fassade, der bereits vor etwa acht Jahren frei bewittert montiert wurde, hat in aktuellen Untersuchungen keine Beeinträchtigungen seiner Haltekraft erkennen lassen.

Verklebte Elemente bestehen Windsogversuche

Bei Windsogversuchen, die im Technicum durchgeführt wurden, konnten die verklebten Fassadenelemente Kräfte von 5-10 kN/m² aufnehmen; das entspricht ungefähr dem Doppelten der maximalen Belastung, der eine exponierte Fassade an einem hohen Gebäude hierzulande ausgesetzt sein kann.

Im Zusammenhang mit Verklebungen empfiehlt es sich, alle Chancen, die die Vorfertigung mit sich bringt, zu nutzen. Klebeflächen müssen gereinigt werden, es ist ein gewisser Anpressdruck erforderlich, und auch das Ausrichten der Agraffen, welche später in die Unterkonstruktion eingehängt werden, bedarf einer gewissen Sorgfalt. Es ist sinnvoll, die Arbeitsabläufe so zu planen, dass alle diese Schritte im Rahmen einer industriellen Klebung, also unter kontrollierten Bedingungen in der Werkstatt absolviert werden. Gerade Baustellen im städtischen Bereich, wo Verkehrs- und Lagerflächen meist Mangelware sind, sollten dann just in time mit den fertigen Elementen beliefert werden.

Autor

Kay Rosansky ist Schreiner, Innenarchitekt sowie Fachjournalist. Er betreibt das Redaktionsbüro rosansky-presse in Verl und betreut den Hersteller 3A Composites GmbH bei der Pressearbeit.

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