Umweltauswirkungen von Bauprodukten

Die ökologische Qualität eines Bauwerks wird maßgeblich von den verwendeten Bauprodukten beeinflusst. Anders als die zahlreichen Produktlabels und -zertifikate verfolgen Umweltproduktdeklarationen, die auf englisch Environmental Product Declarations (EPDs) heißen, einen ganzheitlichen Ansatz.

Ob künstliche Intelligenz mehr Chance oder mehr Risiko ist, darüber lässt sich streiten. Fest steht aber, dass wir mit den smarten Helfern in unseren Hosentaschen in Sekundenschnelle auf das globale Wissen Zugriff haben. Das bedeutet für alle, die Produkte oder Services anbieten: Argumente sollten mit Sorgfalt gewählt und Rückfragen im Kundengespräch mit Bedacht beantwortet werden. Nicht nur Glaubwürdigkeit und Haftungsfragen spielen dabei eine Rolle, sondern der gesamte Verkaufserfolg. Eine authentische Kundenbeziehung muss auf einer Beratung basieren, die einem Faktencheck standhält. Je anspruchsvoller der Kunde, desto mehr Hintergrundwissen ist erforderlich. 

Planungssicherheit fußt auf einer langen Geschichte nationaler, europäischer und internationaler Standardisierung. Technische Eigenschaften von Bauprodukten sind normiert und ihre Einhaltung flächendeckend, einheitlich und ausführlich von Herstellern in technischen Datenblättern und Leistungserklärungen dokumentiert. Anders ist die Lage bei den Umwelteigenschaften von Produkten. Klare Angaben, nachvollziehbare Zahlen, standardisierte Methoden sind vielerorts noch Mangelware.

Vier Trümpfe und eine Herausforderung

Nachhaltigkeit und Gesundheit sind gesellschaftliche Trends, die schwammig klingen, aber konkrete Antworten fordern. Der Holzbau hat einige davon parat. Fossile Ressourcen werden knapp? Holz wächst nach! Der globale Süden wird ausgebeutet? Holz wächst bei uns! Das Klima erwärmt sich? Holz speichert CO2! Der Abriss von Gebäuden verursacht Unmengen von ­Bauschutt? Holz wird im besten Fall modular rückgebaut, getrennt gesammelt, kaskadisch genutzt, wirtschaftlich und flächendeckend. Wieso tut sich ausgerechnet der Holzsektor mit der Transparenz so schwer, wenn der Holzbau doch solche Trümpfe in der Hand hat? Interessant wird es bei einem weiteren Trend, nämlich der Raumluftqualität und der „Wohngesundheit“. Holz gibt flüchtige Substanzen bereits in der Natur ab, durch Trocknungsvorgänge noch mehr. Je technischer der Holzbau, desto mehr greifen wir auf chemische Helferlein zurück. Kein Leimbinder, CLT und auch keine OSB-Platte würde es geben ohne Einsatz von Bindemitteln, obgleich sich hier auch mit der Vermeidung von Klebstoffen viel tut und viel geforscht wird. Es gibt also reichlich Potential für kontroverse Diskussionen.

747 Umweltzeichen und kein Ende in Sicht

Zoomt man aus der Debatte der Bauweisen heraus, steht man vor einem Wust an irreführenden Versprechen. Welches Produkt ist nun grün genug für mein Budget? 747 Umweltzeichen sind es derzeit laut www.label-online.de, die um die Deutungshoheit der Nachhaltigkeit buhlen, davon allein 174 im Bereich „Bauen und Wohnen“. Manche davon sind seriös, manche nicht. Was sie gemeinsam haben: Das Konzept des Typ I Umweltzeichens. Eine Handvoll Eigenschaften werden in den Kriterien festgelegt, und jedes Produkt, das die Einhaltung dieser Eigenschaften belegen kann und dessen Hersteller die Lizenzgebühr bezahlt, darf das Zeichen tragen. Wir müssen uns also bewusst sein, dass die Aussagekraft eines Umweltzeichens begrenzt ist – und zwar genau auf die Einhaltung der jeweiligen Kriterien. So kann ein Umweltzeichen ein sinnvoller Bestandteil werden, zur Untermauerung einer Marketing-Aussage – wie zum Beispiel „emissionsarm in der Nutzungsphase“. Um die Rolle eines Produkts für Ressourcenknappheit und Klimawandel zu verstehen gehört aber mehr. Wenn ich verschiedene Bauprodukte auf ihren Umweltfußabdruck vergleichen möchte, sollte ich das auf der Ebene ihrer Funktion im Gebäude tun. Genau wie bei den Kosten. Wer würde auf die Idee kommen, 1 kg Produkt A gegen 1 kg Produkt B aufzurechnen, wenn die gewünschte Funktion durch unterschiedliche Mengen erfüllt wird?

Die nüchterne Antwort: Ökobilanzierung

 Es gibt seit über vierzig Jahren eine Methode in der Wissenschaft, die imstande ist, Ressourcen- und Umwelt-Themen nüchtern abzuhandeln und fundiert zu ergründen. Sie heißt Ökobilanzierung. Das besondere an Ökobilanzen ist, dass sie es nicht bei einer Phase belassen. Es geht nicht nur um die Nutzungsphase eines Produkts, es geht auch nicht nur um die Herstellung. Vielmehr wird der gesamte Lebenszyklus eines Produkts betrachtet, also auch die Herstellung der Vorprodukte, bis hin zur Ressourcengewinnung, und nach der Nutzung auch die Entsorgung. Auf Basis einer Ökobilanz werden also die wesentlichen Umweltwirkungen über den Produkt-Lebenszyklus quantifiziert. Ist so eine Methode pragmatisch durchführbar? Ist es nicht viel zu aufwendig, eine Ökobilanz zu erstellen für ein Produkt im Bau und Innenausbau? Kommt man nicht zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, wie man rechnet?

Das Institut Bauen und Umwelt

Diesen Fragen haben sich verschiedene Hersteller aus dem Bausektor im deutschsprachigen Raum gewidmet. Sie sind zu einer klaren Antwort gekommen, indem sie erstens ein transparentes, ökobilanz-basiertes Regelwerk und zweitens eine Institution zu seiner Umsetzung gegründet haben. Dem Institut für Bauen und Umwelt (IBU) haben sich inzwischen über 200 Hersteller und Verbände angeschlossen, um zu definieren, wie eine Ökobilanz für ein Bauprodukt sinnvoll strukturiert werden sollte. Ziel war es, das Thema „volldeklarierter Baustoff“ so umzusetzen, dass ein guter Kompromiss aus Aussagekraft, Erstellungsaufwand und Nutzbarbarkeit entsteht.

Der „volldeklarierte Baustoff“

Dafür wurde die sogenannte IBU-EPD entwickelt. Die Institution IBU und ihr unabhängiger Sachverständigenrat sorgen für die Pflege und die Einhaltung der Standards, nach denen eine EPD erstellt und überprüft wird. EPD steht für „Environmental Product Declaration“ (Umweltproduktdeklaration), diese kann entweder als PDF-Dokument betrachtet oder als digitaler XML-Datensatz direkt in eine Planungssoftware importiert werden.

Jede IBU-EPD richtet sich nach drei Regelwerken: Erstens der internationalen Norm ISO 14025, die regelt, wie Ökobilanzen und deren externe Überprüfung generell abzuwickeln sind. Zweitens nach der europäischen Norm EN 15804, die regelt, was es konkret bei EPDs von Bauprodukten zu beachten gilt, zum Beispiel eine einheitliche Struktur für die Schritte von der Herstellung des Bauprodukts zur Verarbeitung, dem Einbau ins Gebäude und schließlich Abriss und Entsorgung. Drittens der jeweiligen Product Category Rule (PCR), die die spezifischen Anforderungen je nach Produktgruppe festlegt. In den PCR wird auch das Thema Gesundheit nüchtern behandelt. Produkte, die im Innenraum angewendet werden, müssen in ihren IBU-EPDs nicht nur Ökobilanzen offenlegen, sondern auch die Ergebnisse von Schadstoffprüfungen und Produktemissionen.

Kosten und Nutzen

Einen mittleren vierstelligen Eurobetrag legt ein ­Hersteller auf den Tisch, der eine IBU-EPD erstmals erstellen und verifizieren lassen möchte, und min­destens noch mal so viel für die Dienstleistung der Ökobilanz-Erstellung bei einem Nachhaltigkeits-Berater oder einem öffentlichen Institut.

Welchen Nutzen aber hat damit der Handwerker? Er kann die Produktion eines Produktes und die vorgelagerten Umweltwirkungen genau verstehen, zum Beispiel die Herstellung der Bindemittel oder Transporte von Vorprodukten ins Werk. Mithilfe der Umweltwirkungen sind der Klima- und Wasser-Fußabdruck eines Produkts ersichtlich. Der Handwerker kann die Hebel erkennen, die wirklich zu einer Optimierung der Ökobilanz beitragen. Und er hat in der Kommunikation ein Instrument in der Hand, das vielleicht nicht auf den ersten Blick greifbar ist, aber wissenschaftlich fundiert und sachlich.

Autor

Moritz Bühner ist Product Sustainability Manager bei der Egger Gruppe und Mitglied des Vorstands des IBU Institut Bauen und Umwelt e.V.

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