Neue HBV-Brücke trägt schwere Lasten

Über die Kinzig entstand im Ortenaukreis eine fast 140 m lange Holz-Beton-Verbundbrücke – als Pilotprojekt weist sie nach, dass Holz auch bei Schwerverkehr auf öffentlichen Straßen tragfähig und dauerhaft ist. Wie die Konstruktion diesen Nachweis erbringt, zeigt ein Blick auf die Details.

Die am 11. Juni 2026 eröffnete Holz-Beton-Verbundbrücke im Ortenaukreis ist eine beeindruckende Referenz für zukunftsfähiges und klimafreundliches Bauen. Mit einer Gesamtlänge von 138,40 m streckt sie sich in vier Feldern im Zuge der Kreisstraße K5357 über die Kinzig. Zentrale technische Herausforderungen waren die sichere Verbundwirkung zwischen Holzträgern und Betonplatte sowie die biegesteifen Anschlüsse der Holzträger an die Betonquerträger bei Auslegung für hohe Verkehrs- und Ermüdungslasten.

Die neue Holz-Beton-Verbundbrücke verbindet die Gemeinden Haslach und Fischerbach über die Kinzig
Foto: Conné van d‘Grachten

Die neue Holz-Beton-Verbundbrücke verbindet die Gemeinden Haslach und Fischerbach über die Kinzig
Foto: Conné van d‘Grachten
Planung und Bau erforderten eine enge Abstimmung aller Beteiligten, insbesondere wegen komplexer Anschlüsse, Fertigungstoleranzen und logistischer Anforderungen. Das Landratsamt Ortenaukreis realisierte damit ein wegweisendes Bauprojekt, das die Gemeinden Haslach und Fischerbach verbindet und als Referenz für den Einsatz von Holzbauweisen im Straßennetz dient.

Pilotprojekt für nachhaltige Infrastruktur

Die neue Brücke ist als Pilotvorhaben konzipiert, um die technische Machbarkeit von Holz-Beton-Verbundsystemen (HBV) bei Schwerverkehr nachzuweisen. Während diese Bauweise im Fuß- und Radwegbau bereits etabliert ist, stellt ihre Anwendung bei öffentlichen Straßen mit Lastmodell 1 eine Ausnahme dar – besonders in dieser Größenordnung. Mit dem Projekt verfolgt der Bauherr die Absicht, die Dauerhaftigkeit unter Einhaltung europäischer Normen zu demonstrieren. Das Projekt beweist, dass ingenieurmäßig eingesetztes Holz als primärer Baustoff im Straßenbrückenbau genutzt werden kann, ohne Abstriche bei Nutzungsdauer oder Tragfähigkeit zu machen. Damit erhält die Klasse der Straßenbrücken eine neue Materialoption.

Ingenieurtechnische Besonderheiten

Komplexe Anschlüsse und Fertigungstoleranzen sorgten dabei für Herausforderungen
Foto: IB Miebach

Komplexe Anschlüsse und Fertigungstoleranzen sorgten dabei für Herausforderungen
Foto: IB Miebach
Der Überbau ist als vierfeldriges Plattenbalkensystem ausgeführt mit insgesamt 138,40 m Länge, 12,40 m Breite und einer Konstruktionshöhe von 1,60 – 1,70 m (Spannweiten-Höhen-Verhältnis L/20). Fünf Stege aus blockverklebten Brettschichtholzträgern wirken im Verbund mit einer Stahlbetonfahrbahnplatte. Die Verbundwirkung erfolgt über Kerven in den Holzträgern sowie eingeklebte Bewehrungsstäbe mit Kopfankern („Halfen-Stud“-Verbinder). Besonders anspruchsvoll waren die biegesteifen Anschlüsse an Stahlbetonquerträger an Widerlagern und Pfeilern, die einen präzisen Lastpfad gewährleisten. Die Konstruktion erreicht eine Gesamtnutzungsdauer von 100 Jahren gemäß dem neuen Eurocode FprEN 1995-2. Temporäre Lastfälle vor Erreichen des vollständigen Verbundzustands wurden explizit nachgewiesen.

Fünf Stege aus blockverklebten Brettschichtholzträgern wirken im Verbund mit einer Stahlbetonfahrbahnplatte
Foto: Conné van d'Grachten

Fünf Stege aus blockverklebten Brettschichtholzträgern wirken im Verbund mit einer Stahlbetonfahrbahnplatte
Foto: Conné van d'Grachten
Eine 6,50 m breite, zweispurige Fahrbahn nach Eurocode LM1 wird flankiert von einem 3 m breiten Geh- und Radweg plus 0,80 m Dienstgehweg. Der seitliche Überstand der Betonfahrbahnplatte schützt die Holzträger vor direkter Bewitterung und Schlagregen. Alle Holzoberflächen im Kontaktbereich sind mit Epoxidharz versiegelt; darüber hinaus erhält das Holz eine diffusionsoffene UV-Schutzbeschichtung. Die Holzbauteile sind der Nutzungsklasse 2 für den geschützten Außenbereich zugeordnet, sodass chemischer Holzschutz entfällt. Rissbreiten der Stahlbetonplatte sind auf weniger als 0,2 mm begrenzt.

Ökologische Bilanz

Im Vergleich zu konventionellen Spannbetonlösungen reduziert das hybride Konzept deutlich Eigenlast und graue Emissionen. Holz ist der einzige erneuerbare Baustoff mit CO2-Speicherwirkung im Tragwerksbau. Regional gewonnenes Brettschichtholz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern speichert CO2 über die gesamte 100-jährige Nutzungsdauer der Brücke – entsprechend der Wachstumszeit der geernteten Bäume. Gleichzeitig entfällt chemischer Holzschutz durch den konstruktiven Feuchtigkeitsschutz. Das Materialkonzept zeigt, wie dauerhafte und klimafreundliche Infrastruktur an der Schnittstelle von Natur und moderner Ingenieurbaukunst realisiert werden kann.

Zukunftsperspektive

Mit einer Gesamtlänge von 138,40 m streckt die Brücke sich in vier Feldern im Zuge der Kreisstraße K5357 über die Kinzig
Foto: Conné van d‘Grachten

Mit einer Gesamtlänge von 138,40 m streckt die Brücke sich in vier Feldern im Zuge der Kreisstraße K5357 über die Kinzig
Foto: Conné van d‘Grachten
Die Kinzigquerung ist als Pilotprojekt zukunftsweisend für hybride Brückenbauweisen in Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse zu Durchlaufwirkungen, ermüdungsrelevanten Lastfällen und Materialübergängen stärken die Entwurfsmethodik für zukünftige Anwendungen. Das Ingenieurbüro Miebach entwickelt das Konzept weiter für Radwegbrücken und kombinierte Bauwerke, mit Fokus auf ­Standardisierung und ­Vorfertigung zur weiteren Verbesserung von Baubarkeit und Wirtschaftlichkeit. Vor dem Hintergrund steigender Nachhaltigkeitsanforderungen ist die Kinzigbrücke eine klimabewusste Alternative im Straßeninfrastrukturbau und dient als Referenz für zukünftige hybride Anwendungen im deutschen Straßennetz.

Autoren

Frank Miebach ist Dipl.-Ing. (FH) für Holzbau und Ausbau und leitet das Ingenieurbüro Miebach in Lohmar. Dominik Niewerth ist dort Projektleiter in der Objektplanung.

Bautafel (Auswahl)

Bauherr Landratsamt Ortenaukreis

Baujahr 2025

Einweihung Juni 2026

Länge ca. 138,40 m

Stützweiten jeweils etwa 34,00 m

Breite ca. 12,30 m zwischen den Geländern

Konstruktion Überbau als fünfstegiger Plattenbalken in HBV, Überbau aus Beton (C 35/45) und Betonstahl (B 500) im Verbund mit blockverklebtem ­Brettschichtholz (GL 30c)

Planung Überbau Ingenieurbüro Miebach, Lohmar, www.ib-miebach.de

Unterbauten RS Ingenieure, Achern, www.rs-ingenieure.de

Generalunternehmer Rendler Bau GmbH, Offenburg, www.rendler-bau.de

Holzbau Grossmann Bau GmbH & Co. KG, Rosenheim, www.grossmann-bau.de

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 04/2026

Neue Holz-Beton-Hybridbrücke in Manching

Eine Geh- und Radwegbrücke als integrale Holz-Beton-Verbundkonstruktion entstand im Zuge der verkehrlichen Neustrukturierung rund um die B 16 bei Manching. Das Bauwerk verbindet den Ortskern von...

mehr
Ausgabe 02/2022

Holzbrücke in Delfzijl verbindet Stadt und Meer

Bruecke_Delfzijl_Aerial_Promos_Schaffitzel_1.jpg

Im Rahmen eines Stadtentwicklungsprogramms wurde im Herbst 2020 in der Gemeinde Delfzijl in den Niederlanden eine neue Fußgänger- und Radwegbrücke errichtet. Diese verbindet das Stadtzentrum mit...

mehr

Holzbauweisen

Übersicht über Holzbauweisen im Holzhandwerk
Holzbauweise im Holzrahmenbau mit OSB-Platten Innenausbau aussteifend

Der Baustoff Holz lässt sich auf viele Arten einsetzen. Holzbauweisen umfassen eine breite Palette von Techniken, die jeweils ihre eigenen Vor- und Nachteile haben. Wir zeigen im Überblick, welche...

mehr
Ausgabe 04/2021

Wildbrücke aus Holz

Grünbrücke bei Thyrow mit Holztragwerk aus Brettschichtholzbindern und Brettsperrholzplatten

70 Standjahre werden Brücken aus Betonschalen grundsätzlich zugebilligt, Holzbrücken lediglich 60. So muss eine Holzbrücke im wirtschaftlichen Vergleich entweder einen Baukostenvorteil oder eine...

mehr
Ausgabe 01/2019

Mit Holz zu neuen Ufern

Holztechnologie lotet Grenzen im Brückenbau aus
Die neue Radwegbr?cke ?berspannt mit 96,30 m den Neckar bei Neckartenzlingen  Foto: Fotograf Walther

Die neue Neckarüberquerung für Radfahrer und Fußgänger war seit langem Wunsch der Gemeinde Neckartenzlingen. Vorrangiges Ziel war es, die Linienführung des Neckartalradweges zu optimieren. Hinzu...

mehr