Denkmalgeschützter Fachwerkbau saniert

Neue Biberschwanzziegel für Walmdach

Am Ortsrand von Salem-Mittelstenweiler, nicht weit vom Bodensee, liegt ein stattlicher Fachwerkbau mit großem Walmdach. In dem großen, stützenfreien Raum war einst eine Kelter untergebracht, ein sogenannter Torkel. Heute liegen auf dem denkmalgeschützten Bau gebürstete Biberschwanzziegel.

Den Torkel ließ das Kloster Salem 1786 in seinen eigenen Weingärten errichten. Als Torkel (lat. torculum = Kelter) werden in Südwestdeutschland Weinpressen bezeichnet, aber auch die Gebäude, in denen sie stehen. Die Presse ist weg – heute wird der badische Seewein anderswo gekeltert.

Denkmalpflegekonzept „Weniger ist mehr!“

„Wir waren auf der Suche nach einem Ort, an dem wir einmal unseren Lebensabend verbringen können. Wir haben unter anderem Objekte im Schwarzwald und in Oberschwaben besichtigt und sind durch Zufall über das Internet auf den Torkel gestoßen“, berichtet das Bauherrenehepaar Schumacher. Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen, was die Schumachers verspürten, als sie zum ersten Mal das Gebäude besichtigten. „Als wir uns dann noch von der tollen Dachkonstruktion überzeugen konnten, war es um uns geschehen.“

Von dem ursprünglichen Plan, den Bau teilweise für Wohnzwecke umzubauen, kam das Paar bald ab. Das Objekt, seit 1975 Kulturdenkmal gemäß § 2 DSchG, war so lange nahezu unverändert geblieben, dass ein Umbau eine Sünde gegen das Denkmal gewesen wäre. Der Raumeindruck des großen und hohen, stützenlosen Raums und die Fachwerksichtigkeit, die offene Holzkonstruktion des Dachs mit zweifach liegendem Stuhl und einfachem Hängewerk wären dahin gewesen. Man entschied sich zusammen mit der Denkmalpflegebehörde zu einem stark reduzierten Nutzungskonzept und verzichtete auf den Einbau einer Heizung und einer luftdichten Dachkonstruktion. Jetzt wird der große Raum nur während der Sommermonate als Galerie- und Ausstellungsgebäude für die Kunstwerke der Malerin Helga Schumacher und des Hobbyfotografen Dirk Schumacher sowie für Oldtimer-Autos genutzt. Ein Kompromiss war der Einbau eines Sanitärraums und einer Küchenzeile in der ehemaligen Torkelstube.

Denkmalbiber „Antik“ für das Dach

Mit dem Rückbau störender neuzeitlicher Einbauten und der denkmalgerechten Sanierung wurde Zimmermeister Sebastian Schmäh beauftragt. Er ist Restaurator im Zimmererhandwerk und Eigentümer der Firma Holzbau Schmäh aus Meersburg am Bodensee. Nicht denkmalgerecht waren die modernen, engobierten Pfannenziegel auf dem Dach. Sebastian Schmäh empfahl für das neue Dach in Abstimmung mit der Landesdenkmalpflege die regionaltypischen Biberschwanzziegel in naturrot des Herstellers Creaton und zwar in der Ausführung „Antik gebürstet“ im Segmentschnitt. Diese Denkmalbiber werden speziell für Denkmale verwendet, um die wertvolle historische Bausubstanz optisch und funktionell aufzuwerten. Sie entsprechen in Form, Struktur und Profil dem Vorbild der Handstrichbiber, die vermutlich zur Erbauungszeit auf dem Dach gelegen haben. So konnte zumindest für das Dach das Rad der Zeit zurückgedreht werden: Entstanden ist eine denkmalgerechte Optik bei moderner Funktionalität.

Als vorbereitende Maßnahme fand eine Bauaufnahme mit Schadenskartierung statt. Fachwerk und Dachstuhl wiesen eine Reihe von witterungsbedingten Schäden auf. Diese wurden gemäß der rein konservatorischen Herangehensweise „Sichern, Bewahren, Reparieren“ denkmalgerecht saniert, so dass die Tragfähigkeit für das neue Dach wieder gegeben war. Besonders zu erwähnen ist, dass alle Entscheidungen von Anfang an in enger Absprache zwischen den Fachhandwerkern, der Denkmalpflege und der Freien Architektin Corinna Wagner-Sorg aus Überlingen getroffen wurden.

Walmdach pur

Durch den Verzicht auf die energetische Ausstattung eines modernen Hauses konnte wie zur Erbauungszeit komplett auf eine Unterdachkonstruktion verzichtet werden. Auch waren keinerlei Dachdurchdringungen nötig. So mussten lediglich die Ziegel in die neue Lattung eingehängt und an First und Walmgraten die passenden Gratziegel montiert werden. Ergebnis: ein großes Biberschwanzziegel-Walmdach pur.

Denkmalschutzpreiswürdig

Die Bauherren und ihre Architektin Corinna Wagner-Sorg hatten ein Ziel: Die Wahrung der Authentizität des Keltergebäudes sollte zur Leitlinie für das Nutzungs- und Sanierungskonzept gemacht werden. Der Schwäbische Heimatbund würdigte die Bereitschaft der Bauherren, „die notwendigen Arbeiten am Torkel in größter denkmalpflegerischer Sorgfalt ausführen zu lassen.“ Die Juroren des Denkmalschutzpreises Baden-Württemberg, ausgelobt durch den Landesverein Badische Heimat in Kooperation mit der Wüstenrotstiftung, schlossen sich dieser Argumentation an. Sie zeichneten die Sanierung des ehemaligen Torkels und vier weitere Objekte mit dem „Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2014“ aus.

Autor

Marius Schmidt ist Anwendungstechniker bei der Creaton AG in Wertingen.

Sichern, Bewahren, Reparieren – das war die konservative Herangehensweise der Zimmerer an das Denkmal

Im Internet finden Sie weitere Fotos des denkmalgeschützten Torkels in Salem. Geben Sie hierzu bitte den Webcode in die Suchleiste ein.

Bautafel (Auswahl)

Objekt Sanierung eines denkmalgeschützten Torkel-Hauses in 88682 Salem-Mittelstenweiler

Bauherren Helga und Dirk Schumacher

Architekt Dipl.-Ing. Corinna Wagner-Sorg,

88662 Überlingen

Ausführung Holzbau Schmäh, 88709 Meersburg

Produkt „Antik“-Biber im Segmentschnitt, gebürstet, naturrot. First- beziehungsweise Walmgratziegel

Hersteller Creaton AG, 86637 Wertingen

Dachfläche 400 m²

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