Dach und Fassade mit Thermoholz verkleidet

Umnutzung und Erweiterung eines Wohnhauses zur Bücherei in Gundelsheim

Eine kleine oberfränkische Gemeinde zeigt, wie sich ein bestehendes Wohngebäude erhalten, umnutzen und mit hohem architektonischem Anspruch um einen Neubau in Holzbauweise ergänzen lässt. Die Außenwände und das Dach des Neubaus wurden mit thermisch behandelten Holzprofilen verkleidet.

Gundelsheim ist eine 3600 Einwohner große Gemeinde in Oberfranken nahe Bamberg. Der Bürgermeister des Ortes ist ausgesprochen engagiert in der Neugestaltung des historischen Ortskerns mit hohem architektonischem Anspruch. Zu diesem Vorhaben gehört neben dem Dorfplatz und dem Integrationshaus Gundelsheim auch der Neubau der Bücherei. Diese sollte sich nicht allein auf die Ausgabe von Medien beschränken, sondern auch Treffpunkt und Zentrum der Gemeinde werden. Den 2016 ausgeschriebenen Wettbewerb für die Umnutzung und Erweiterung eines ehemaligen Wohnhauses mit Stallgebäude zur neuen Bücherei gewann das Büro Schlicht Lamprecht Architekten – mit einem einfachen und doch raffinierten Konzept. Die ursprüngliche Hofstelle bestand aus dem giebelständig zur Straße stehenden Wohnhaus, einem daran anschließenden Stall sowie einer Scheune. Die Scheune hatte man bereits 2003 abgerissen. Die Idee der Architekten war nun, das Stallgebäude mit einem größeren Baukörper zu überbauen, der nach außen als Doppelscheune in Erscheinung tritt. Die neue Scheune wurde dabei nach dem Haus-im-Haus-Prinzip über das Stallgebäude „gestülpt“.

Entkerntes Wohnhaus mit Stahlkonstruktion

Entstanden sei das Haus-im-Haus-Konzept aber schon bei der Umnutzung des ehemaligen Wohnhauses, erklärt Architekt Christoph Lamprecht. „Wir haben bereits in der Wettbewerbsphase mit dem Tragwerksplanungsbüro Tragraum zusammengearbeitet und die Idee entwickelt, das stark entkernte Wohnhaus durch eine eingestellte Tragkonstruktion aus Stahl auszusteifen“, sagt Christoph Lamprecht. Bauingenieur Michael Putz aus dem Tragraum-Büro ergänzt: „Der Bestand musste ausgesteift, gleichzeitig sollte der Raum so weit wie möglich geöffnet werden. Um die Konstruktion möglichst schlank zu halten, entschieden wir uns an dieser Stelle für Stahlrahmen, die dann mit Holz flächig überdeckt wurden.“ Die Stahlrahmen wurden dabei an den Längsseiten des Gebäudes mit Zugbändern und Gewindestangen abgespannt. In dem eingestellten Haus-im-Haus mit Stahltragkonstruktion wurde später die Kinderbuchabteilung der Bücherei untergebracht.

Ein kleiner Vorplatz entsteht

Der Gebäudekomplex besteht nach der Erweiterung aus dem ehemaligen Wohnhaus und der daran anschließenden Doppelscheune. In die eine Hälfte der Scheune ist der ehemalige Stall integriert. Im neuen Teil der Scheune befindet sich der Haupteingang zur Bücherei. In diesem Gebäudeteil wurde ebenfalls ein Haus ins Haus gestellt, in dem in erster Linie Nebenräume wie Toiletten und Garderoben untergebracht sind. Durch die neu geschaffene L-Form entsteht ein kleiner Vorplatz, über den Besucher von der Straße kommend die Bücherei betreten können. Das äußere Erscheinungsbild des ehemaligen Wohnhauses wurde durch die Umnutzung erhalten und teilweise wiederhergestellt. Die innere Struktur ließ sich allerdings aufgrund ihrer Kleinteiligkeit nicht sinnvoll für die Bücherei nutzen, weshalb nur die Umfassungswände sowie der straßenseitige Giebel stehen bleiben konnten. Im ehemaligen Wohnhaus sind heute die Kinderbuchabteilung sowie ein kleines Lesecafé untergebracht. Auch die Längswände des alten Stalls und die dort bestehende Kappendecke konnten ertüchtigt und erhalten werden. Dieser Gebäudeteil wird zweigeschossig genutzt: Im Erdgeschoss können Medien entliehen werden, während die ertüchtigte Kappendecke darüber als Lesegalerie genutzt werden kann.

Der Neubau präsentiert sich in moderner Form mit einer Lamellenfassade aus Thermoholz, die sich auch über das Dach zieht. Zwei langgestreckte Oberlichterr in den Dachflächen des Neubaus, die aus mehreren Dachfenstern bestehen, sorgen für eine gute Ausleuchtung. Im Neubau bilden überwiegend aussteifende Holztafelwände, Mittelstützen und das doppelte Sparrendach die tragende Konstruktion. Zur Aussteifung wurden zusätzlich an verschiedenen Stellen Betonwände ergänzt, zum Beispiel die Stirnseiten des im neuen Teil der Scheune eingestellten Hauses. „Man braucht hier die Betonwände zur Aussteifung, da die beiden Sparrendächer jeweils nach außen schieben. Auf der gegenüberliegenden Seite erfüllt diese Aufgabe die ebenfalls durch Stahlbetonwände ertüchtigte Scheune mit der verstärkten Kappendecke, die wie eine Scheibe wirkt“, erläutert Tragwerksplaner Putz.

Anschluss zum neuen Satteldach

„Beim Bestandsbau (Anm. d. Red.: dem ehemaligen Wohnhaus) handelt es sich um ein klassisches Satteldach, dass wir auf die Bestandswände beziehungsweise auf einen liegenden Aussteifungsbalken (14/30) aufgesetzt haben, der wiederum auf dem neuen Ringbalken liegt“, so Zimmerer Hans-Jürgen Stübinger, technischer Leiter der Zimmerei Bauer aus Burgkunstadt, die für die gesamte Holzkonstruktion der neuen Bücherei zuständig war. „Selbst der Anschluss zum neuen Scheunendach war relativ einfach, da dieses in der Senkrechten leicht über das Bestandsdach hinausragt und daher kein Stoß erzeugt werden musste, an dem die Dachflächen „nahtlos“ ineinander übergehen.“ Für die Montage des neuen Holztragwerks wurden zunächst die Bodenplatte sowie die Stahlbetonelemente gegossen. Nach dem Aushärten konnte das Aufrichten des Holzbaus beginnen. Hierfür wurden als erstes die beiden parkplatzseitigen Giebelwände aufgestellt und temporär abgestützt. Im nächsten Schritt mussten die längsseitige Außenwand des Scheunengebäudes sowie die Mittelstützen gestellt werden. Diese bilden die Auflagerpunkte für die vorgefertigten Brettschichtholz-Rahmenbinder aus Fichte. Die aussteifenden Holztafelwände waren bereits werkseitig mit für die Aussteifung zugelassenen Holzweichfaserplatten sowie mit OSB-Platten in 25 mm Dicke beplankt. Auf fast allen Außenwänden verläuft der bereits erwähnte Aussteifungsbalken, der je nach Position an den Massivbau, den Traufbalken oder die aussteifende Holztafelwand angeschlossen ist.

Doppelrahmenbinder auf Betonaufkantung

Eine Besonderheit stellten die Fußpunkte der Binder im Stallgebäude dar. Durch die Anpassung des Neubaus an den Bestand sitzen die Doppelrahmenbinder hier auf einer Betonaufkantung mit abnehmender Höhe, bis sie am Ende direkt auf der neuen Betondecke befestigt sind.

Im nächsten Schritt konnten die Sparren (8/20) in die an den Bindern vormontierten Balkenschuhe eingelegt und fixiert werden. In der Kehle zwischen den beiden Satteldächern liegen die aufeinandertreffenden Doppelrahmenbinder auf den Mittelstützen (14/14) auf. Später wurde in der Kehle eine Edelstahlkastenrinne mit OSB-Schalung als „verdeckte“ Entwässerung installiert. Die Rinne mündet an der dem Parkplatz zugewandten Giebelseite in einem Speier.

Eine Besonderheit des Projektes liegt in der Fortführung der Fassadenlamellen aus thermisch behandeltem Eschenholz („Thermo-Esche“) über das Dach. Dabei stellten sich die Architekten die Frage, mit welcher Konstruktion sich diese Optik am besten umsetzen ließe. „Recht schnell war klar, dass die einfachste Lösung sein würde, das Dach mit Stehfalzblechen aus Edelstahl zu decken, auf die dann wiederum Schneefangklemmen befestigt werden konnten“, sagt Architekt Lamprecht, „die Bleche bilden die eigentliche Dachhaut und die Lamellen wurden in unterschiedlicher Dichte wie bei der Fassadenbekleidung davor geblendet.“ An der Fassade bildet eine schwarze Fassadenbahn den Hintergrund für die Holzprofile, auf dem Dach die Edelstahlbleche. An der Fassade sitzen die senkrechten Lamellen auf einer horizontalen Lattung aus Thermoholz, die wiederum auf einer senkrechten, schwarz gestrichenen Konterlattung befestigt ist. Auf dem Dach sind die senkrechten Thermoholzlamellen auf einer Querlattung aus dem gleichen Material befestigt. Die Lattung ist direkt auf den Schneefangklemmen befestigt. Begonnen wurde dabei mit der Fassadenbekleidung, die zunächst einfach über die Dachkante hinausragte und dann im Zuge der Fertigstellung des Daches so angepasst wurde, dass die äußersten Lamellen des Daches den oberen Abschluss der Fassadenlamellen bilden.

Fichtenfurnierholzplatten für den Innenausbau

Auch beim Innenausbau wurde mit viel Holz gearbeitet. Furnierte Holzwerkstoffplatten aus Fichtenholz bekleiden sowohl das eingestellte Haus der Scheune als auch das Haus-im-Haus im Bestand. Die Ausleihe, die Garderobe mit Ablagefächern, alle Einbaumöbel der Kinderbuchabteilung, Sitzbänke, die eingebaute Küchenzeile, Türen und Fensterverkleidungen wurden in gebürstetem Fichtenfurnier angefertigt und mit Rohholz-Effektlack behandelt. Ergänzt wird der Holzbau durch weiß geschlämmte Wände, einen Terrazzoboden im Erdgeschoss sowie „Heraklith“-Akustikplatten an den Decken. Mehr über den Innenausbau erfahren Sie in der Zeitschrift bauhandwerk (siehe hier ).

Entstanden ist ein stimmiges Gesamtbild hoher architektonischer Qualität und ein Ort, der sich ideal als zentraler Treffpunkt für alle eignet – sobald die Corona-Krise es wieder vollständig zulässt.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck und schreibt unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk, dach+holzbau und DBZ.

Was ist Thermoholz?

Die Lamellen aus „Thermoholz“ für den Erweiterungsbau der Bücherei Gundelsheim stammen von der Firma Häussermann. Bei dem „Thermoholz“-Verfahren des Herstellers wird das Holz 50 bis 90 Stunden erwärmt und kurzzeitig über 200 °C erhitzt. Dadurch wird der Zellaufbau des Holzes so verändert, dass sich die Wasseraufnahme und somit die Ausgleichsfeuchte entscheidend verringern. Das Quell- und Schwindverhalten des Holzes reduziert sich so um bis zu 70 Prozent. Bakterien und holzabbauende Pilze verlieren ihre Nahrungsgrundlage, da die Hemicellulose (kurzkettige Zuckerbausteine) abgebaut wird. Durch die Thermobehandlung wird das Holz haltbarer und dimensionsstabiler. Für die Bücherei Gundelsheim wurden Lamellen aus thermisch behandelter, europäischer Esche („Thermo-Esche“) verwendet. Durch die thermische Behandlung erreicht das Eschenholz die höchste Dauerhaftigkeitsklasse (1) und ist somit gut für den Außenbereich geeignet. Mehr Informationen unter: http://haeussermann.de .

Bautafel (Auswahl)

Bauherr Gemeinde Gundelsheim, www.gemeinde-gundelsheim.de 

Architektur Schlicht Lamprecht Architekten, Schweinfurt, http://schlichtlamprecht.de

Statik Tragraum Ingenieure PartmbB, Nürnberg, https://tragraum.de 

Bauphysik Dr. Krah und Partner, Partnerschaft von Sachverständigen und beratendem Ingenieur mbB, Gundelsheim, https://krah-partner.de

Zimmererarbeiten Zimmerei Bauer, Burgkunstadt, www.zimmerei-bauer.com 

Schreinerarbeiten Aumüller Möbelwerkstätte, Burgebrach, https://moebelwerkstaetteaumueller.de

Dachdecker (Bestandsgebäude) Th. Müller, Frensdorf, www.der-dachdecker-mueller.de;

Stehfalzdach (Entwicklung, Fertigung, Montage) Lummel GmbH & Co. KG, Karlstadt, https://lummel.de

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