Biber für die Dorfkirche

Dachsanierung der Dorfkirche Wegezin, Neudeckung mit Biberschwanzziegeln

Die Sanierung der Kirche in Wegezin, rund 40 km südlich von Greifswald, entwickelte sich bis zum Ende wie ein wahrer Krimi. Auf die Finanzierungsbürokratie folgte eine ausbleibende Holzlieferung, die das Projekt fast zum Scheitern brachte. Der Fortgang der Arbeiten gelang in letzter Minute.

Die Dorfkirche in Wegezin in der Gemeinde Krien (Mecklenburg-Vorpommern) besteht aus einem rechteckigen Kirchenschiff mit ostseitiger Apsis. Im Innenraum befindet sich auf einer kleinen Empore eine Winterkirche, also ein kleiner, beheizbarer Raum, der den Kirchenbesuch im Winter erträglicher macht. Die beiden Giebelwände der Kirche sind mit stufenförmig gegliederten Staffelgiebeln aufwändig gestaltet. Das Mauerwerk besteht aus Feldsteinen, in den Giebeln wird es von Ziegeln abgelöst. Die kleine neoromanische Kirche wurde in den Jahren 1861/62 erbaut.

Vor sieben Jahren wurden erhebliche Schäden an Mauerwerk, Dachstuhl und Dacheindeckung der Kirche entdeckt. Doch die Sanierung ließ aufgrund fehlender finanzieller Mittel lange auf sich warten. Die kleine Kirche benötigte dringend ein neues Dach, da bei Regen bereits Wasser in den Bau eindrang. Das  Wasser hatte dem Holz, gemeinsam mit Schädlingen, schon erheblichen Schaden zugefügt. Doch der geschätzte finanzielle Aufwand war hoch und nicht allein durch die Kirchengemeinde zu stemmen. Es begann eine lange Suche nach Fördermitteln. Ein kleines bisschen Glück hatten die Wegeziner auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten mit einem Blick in die Archive: Es zeigte sich, dass in dem Kirchenbau einst Marie Schnür getauft wurde, die in Wegezin ihre Jugend verbracht hatte. Die Künstlerin wird in der Literatur selten erwähnt, prägte mit ihren Titelbildern für die Zeitschrift „Jugend“ jedoch den Jugendstil mit. Berühmt hingegen ist bis heute ihr Ehemann Franz Marc, der als einer der bedeutendsten Maler des Expressionismus in Deutschland gilt. Mit diesem historischen Fund konnten die Wegeziner auf eine kulturhistorische Bedeutung der unter Denkmalschutz stehenden Kirche verweisen und erhielten schließlich einen ersten Förderbescheid.

Ein Wettlauf gegen die Förderfrist

Doch schnell machte sich Ernüchterung breit, denn die Sanierung sollte doch deutlich teurer werden als ursprünglich geplant. Im Dickicht aus Förderfristen und schon zugesagten Geldern, drohte die Sanierung fast an nicht pünktlich gelieferten, großdimensionierten Holzbalken aus Bayern zu scheitern. Doch der „Förderkrimi“ ging am Ende gut aus und die Wegeziner konnten mit einem guten finanziellen Polster die Sanierung beginnen. Einfache Arbeiten, wie das Abdecken des Holztragwerks und des Fußbodens im Innern der Kirche, erledigten die Gemeindemitglieder selbst. Die eigentliche Sanierung führten aber Fachfirmen aus. Da die knapp 160 Jahre alte Kirche unter Denkmalschutz steht, hatte auch die Denkmalpflege bei der Sanierung ein Wörtchen mitzureden. Jedes bauliche Detail wurde mit den Experten vorab abgestimmt: Sämtliche Anschlüsse, Farben und Materialien mussten mit den Denkmalschützern besprochen werden. Darüber hinaus wies das Gebälk eine Hylotox-Problematik auf. Diese Kontaminierung mit giftigen Holzschutzmitteln musste mit entsprechenden Maßnahmen während der Sanierung berücksichtigt werden.

Fehlende Holzbalken aus Bayern

Der Aufbau der Gerüste symbolisierte den Startschuss für die Arbeiten. Die mittlerweile 156 Jahre alte Dacheindeckung war verschlissen und undicht. Zunächst wurde sie und die ebenso alte Lattung entfernt und ein temporäres, regensicheres Foliendach verlegt. Danach konnte die Ertüchtigung des Kehlbalkendaches mit 15 Achsen beginnen. In Atem hielten die Dorfbewohner die für die Sanierung benötigten, langen und massiven Balken für den Dachstuhl: Der Denkmalschutz schrieb Vollholz vor, weshalb die Balken aus Bayern geordert wurden. Sie kamen jedoch sehr verspätet auf die Baustelle. Den Bauherren saß jedoch die Zeit im Nacken: Laut Förderbescheid mussten die Arbeiten bis zu einem gewissen Termin abgeschlossen sein – am Ende reichte die Zeit glücklicherweise aus. Im Dachraum befand sich auch ein historischer Glockenstuhl für zwei Glocken. Der Glockenstuhl war verdreht und wurde im Zuge der Sanierungsarbeiten korrigiert. Im Decken- und Dachtragwerk waren umfangreiche Schäden durch Insekten- sowie Pilzbefall und Wassereinbruch. Diese Schäden wurden beseitigt und Holzbalken nötigenfalls ausgetauscht oder verstärkt. Insbesondere die Balkenköpfe, die im Mauerwerk auflagen, waren durch schadhafte Stellen in den Mauerwerksfugen Feuchtigkeit ausgesetzt und mussten instandgesetzt werden.

Nach der vollständigen Sanierung des Dachstuhls ging es an die neue Eindeckung, ausgeführt von der Medow- Bau und Vertriebs GmbH aus Medow. Die alten Dachlatten, die zum Teil Schäden aufwiesen, waren bereits bei der Erstellung des Foliendachs entfernt worden. Zunächst wurde eine neue Lattung montiert, auf dieser konnte dann neu eingedeckt werden. Verwendet wurde nach Absprache mit dem Denkmalamt der Biberschwanzziegel „Profil Berliner Kulturbiber Segmentschnitt“ in naturrot von Creaton. Die Ziegel wurden in Doppeldeckung verlegt. Vor allem die Stärke der gewählten Ziegel spielte eine wichtige Rolle, um das Gesamtbild der Dacheindeckung zu erhalten. Diskussionen gab es um die Verlegung einer Unterspannbahn: Das Denkmalamt lehnte diese mit Verweis darauf ab, dass diese in der ursprünglichen, historischen Konstruktion nicht vorhanden war und Kirchendächer seit Jahrhunderten ohne sie gedeckt werden.

Kleines Rätsel um das Kreuz

Neue Dachziegel gab es nicht nur für die großen Flächen: Auch die Apsis wurde komplett abgedeckt und neu eingedeckt. Darüber hinaus wurden auf den Zinnen schadhafte Stellen ausgebessert und zum Teil ersetzt. Ein kleines Rätsel rankt sich noch um das Kreuz, das nun wieder auf dem westseitigen Giebel steht: Vermutlich gab es einst auf beiden Giebeln Kreuze. Heute existiert nur noch eines, das nun über dem Portal prangt. Die Störche danken es der Geschichte, denn sie nutzen den Platz hoch über dem Dorf, den das fehlende Kreuz hinterlässt, gern zum Verweilen. Zum Dank „verzieren“ sie das Kirchendach, bis der nächste kräftige Regen kommt.

Holzbalkendecke erhält neue Dielenlage

Auch die Holzbalkendecke des Kirchenraums wurde umfangreich instandgesetzt. Dazu wurde zunächst ein Montageboden in das Kirchenschiff eingezogen. Dann wurde die Oberschalung, ein Dielenbelag, der den Fußboden im Dachraum bildete, gegen eine neue Dielenlage ausgetauscht. Bei einer früheren Sanierung waren auf der Unterseite zwischen den Balken Hartfaserplatten eingefügt worden. Diese wurden ebenfalls entfernt. Die so teilweise erneuerte Deckenkonstruktion erhielt auf der Unterseite abschließend einen neuen Anstrich, der an die Farbgebung im Kirchenschiff angepasst wurde.

Zum Abschluss der Sanierungsarbeiten Ende September 2020 wurde die Kirche mit einem Festgottesdienst an die Gemeinde übergeben. Der Glockenstuhl wurde im Rahmen der Sanierung ebenfalls instandgesetzt und der Glockenantrieb elektrifiziert. Seit Mai 2021 läutet die Glocke der Kirche wieder täglich und zu den Gottesdiensten.

Doch für die Gemeinde bleibt auch weiterhin noch genug zu tun. Der Innenraum der Kirche benötigt einen neuen Anstrich. Das schadhafte Feldsteinmauerwerk müsste dringend komplett neu verfugt und die Fenster saniert werden. Die bisherigen Sanierungsarbeiten umfassten an den Giebeln nur das Ausbessern besonders schadhafter Stellen mit Mörtel aus Muschelkalk. Doch um die übrigen Arbeiten an der Kirche in Angriff zu nehmen, fehlen auf absehbare Zeit wohl die finanziellen Mittel. Aber den Wegezinern wird dazu sicherlich wieder etwas einfallen.

Autor

Karsten Weber ist Fachberater bei der Creaton GmbH.

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