Runde Sache

Die optische Verwandlung des Bochumer Hochbunkers in einen Büro- und Wohnkomplex war planerisch und bautechnisch eine komplexe Aufgabe. Viel Knowhow und Detailarbeit steckt auch in der Abdichtung der ovalen Flachdächer, die gegeneinander verdreht sind.

Bis vor kurzem fristete der Bochumer Hochbunker aus Weltkriegszeiten eher ein tristes Dasein. Auf einer Mittelinsel der Universitätsstraße steht er seit seiner Fertigstellung im Jahre 1942. Wohl nur von den historisch Interessierten wurde er mit Wohlwollen betrachtet. Die meisten Bürger hingegen sahen in ihm einen Schandfleck.

Doch der Rundbau aus Beton hat seit Baubegeginn 2012 eine Verwandlung von einer hässlichen Raupe in einen ansehnlichen Schmetterling vollbracht.

Hinter dem jetzt gut 84 Meter hohen, transparent und leicht wirkenden Turm verbirgt sich viel handwerkliches und architektonisches Können. Denn nach den Plänen des Berliner Architekten Dipl.-Ing. Gerard Spangenberg wurde auf dem Rundbunker, der quasi als hohes Fundament dient, ein Hochhaus mit 15 plus 3 Geschosse aufgesetzt. Der Aufbau gliedert sich in drei Abschnitte zu je fünf Geschossen, die in ihrer ovalen Grundrissform gegeneinander verdreht sind. Dabei durchzieht ein mittlerer runder Kern das gesamte Gebäude und dient neben der Gebäudeerschließung auch der Aufnahme der Haustechnik sowie von zwei Sicherheitstreppenhäusern.

Viele Details

Für Dachdeckermeister (DDM) Markus Dürscheidt aus Witten, der die Abdichtung des Hauptdaches und zweier Zwischendächer ausführte, war es vor allem ein Objekt mit vielen Details und Anschlüssen. Denn auf den drei Dächern gab es ausnahmslos keine „geraden“ Flächen. Zu den üblichen Anforderungen des Hauptdaches in 84 m Höhe gesellten sich neben der Windsogsicherung ein bauseits vorhandenes, verschobenes und unterschiedlich geneigtes Gegengefälle sowie der teilweise mit erheblichen Höhenunterschieden ausgebildete Dachrand.

Bewährtes Material

Relativ früh stand fest, dass die insgesamt rund 730 m² umfassenden Dächer mit einer Kunststoff-Dachabdichtung auf der Basis von Polyisobutylen (PIB) abgedichtet werden sollten. Das gesamte Dachschichtenpaket wurde vollflächig verklebt. Zum Einsatz kam die Dachbahn Rhepanol fk von FDT. Sie verfügt sowohl über ein integriertes Kunststoffvlies als auch einem industriell vorgefertigten Dichtrand. Dank ihrer rohstoffspezifischen Zusammensetzung ist sie in nahezu jeder abdichtungstypischen Anwendung einsetzbar. Diese Dachbahnen kommen deshalb sowohl bei Sanierungen als auch bei der erstmaligen Abdichtung zum Einsatz. Mit einer Kälteflexibilität bis minus 60 Grad Celsius vereinfacht sie nicht nur die Verarbeitung deutlich, sondern zeigt sich auch bei ungewöhnlichen Wetterkapriolen äußerst stabil und widerstandsfähig. Alle auf dem Flachdach üblichen Aufbauten lassen sich mit ihr umsetzen.

In ihrem ökologischen Profil zeigt sich die dauerhaft UV- und alterungsbeständige Kunststoff-Dachbahn frei von Weichmachern und halogenen Brandschutzmitteln.

Außen und innen abgedichtet

Im „exzenterhaus bochum“ – wie das neue Bauwerk nun offiziell heißt – reicht die Trennung zwischen innerem Kern und äußerem Umlauf bis über die Hauptdachfläche hinaus. Deshalb mussten auf dem Hauptdach neben den äußeren Flächen auch die des inneren Kerns abgedichtet werden. Zudem sind im inneren kreisförmigen Kern noch Technikaufbauten angeordnet, sodass hier die Abdichtung auf zwei Ebenen erfolgte.

Eine besondere Herausforderung bei der Dachabdichtung stellte die grundsätzliche Entwässerung der Dachflächen dar. Denn alle Dächer mussten zum Kern hin entwässert werden, da hier die Fallrohre angeordnet sind. Um die in der Rohbetondecke vorhandene unterschiedliche Gefälleausbildung auszugleichen, wurde deshalb zunächst ein Leichtestrich flächig im konstanten Gefälle zum Bunkerkern aufgebracht. Hierauf verschweißten die Dachhandwerker vollflächig die bituminöse Dampfsperre.

Um bei der Verlegung der Wärmedämmung den Schnittanteil vor Ort zu minimieren, wurde die Dachfläche in einzelne strahlenförmige Flächen aufgeteilt. Diesem Verlauf folgend fertigte man die Wärmedämmung in trapezförmigen Einzelsegmenten an. Zur Erreichung der optimalen Klebkraft befeuchteten die Dachdecker den Dämmstoffkleber mit Wasser. Dabei wird die Kleberreaktion verbessert und der Kleber bindet besser ab. Die einzelnen Platten beschwerten die Dachdecker nach deren Verlegung für zwei Stunden. Erst danach folgte die Verlegung der Dachabdichtung.

Vollflächige Verklebung der Abdichtung

Zur anschließenden vollflächigen Verklebung der Rhepanol fk-Bahnen trugen die Dachhandwerker zunächst den speziellen, für vlieskaschierte Kunststoff-Dachbahnen entwickelten FDT Dachbahnkleber auf die Trägerplatte auf und verteilten ihn. In den Kleber rollte man anschließend die zuvor passend auf Länge zugeschnittenen Bahnen ein. Die Verlegerichtung erfolgte vom Dachrand zum Kern, da sich so die benötigte Bahnenbreite grundrissbedingt verringert. Statt die einzelnen Bahnen auch in der Breite zuzuschneiden, entschied sich DDM Markus Dürscheidt, für eine zum Kern hin zunehmende Überlappung. „Der Zuschnitt jeder einzelnen Bahn hätte nicht nur mehr Zeit gekostet, sondern wir hätten auch die Reststücke nicht effektiv verwerten können“, erläutert DDM Dürscheidt sein Vorgehen.

Zur Windsogsicherung in Verbindung mit der Hochhausverordnung wurde abschließend eine 8 cm dicke Kiesschüttung flächig aufgebracht. Die 110 Paletten Kies á 500 kg wurden mittels Hubwagen über den Lastenaufzug bis auf das Dach transportiert und dort verteilt.

Zwischendächer mit Sonderlösung

Aufgrund der gegeneinander verdrehten Abschnitte mit je fünf Geschossen entstanden bei dem extravaganten Bauwerk zusätzlich zwei Zwischendächer. Diese umfassen jeweils neben einer größeren sichelförmigen auch eine sich um den zentralen kreisförmigen Kern legende schmale Fläche. Die besondere Form erforderte für die Erstellung des Gegengefälles eine andere konstruktive Methode. Hierfür fixierten die Dachdecker oberhalb der Dampfsperre spezielle U-Profile aus Aluminium. Anschließend wurde die Dämmschicht verlegt. Hier kam auch eine Mineralwolle-Dämmung der Baustoffklasse A1 nichtbrennbar zum Einsatz. An den U-Profilen montierten die Dachhandwerker passend auf Länge zugeschnittene Alu-Rohre. Diese Unterkonstruktion dient zur Aufnahme von trittfesten Trägerplatten als Tragschale für die Abdichtung mit Rhepanol fk, die auch auf diesen Dächern vollflächig aufgeklebt wurde. Während die sichelförmigen Bereiche der Zwischendächer direkt auf der Fläche selbst abgedichtet werden konnten, mussten die Dachdecker bei den schmalen, den Kern umlaufenden Flächen die Arbeiten aus dem Fahrkorb der Fassadenbefahranlage heraus ausführen.

Zudem sind über alle Dächer verteilt 210 Stahlschwerter der Fassadenbefahranlage mit Flüssigkunstoff in die Abdichtung der umlaufenden Attiken eingebunden worden.

Zusätzliche Details

Zu den weiteren besonderen Details zählen die Anschlüsse der Dachabdichtung hinter der Fassadenverkleidung des zentralen Kerns sowie innerhalb des Kerns auf dem oberen Hauptdach. Gerade weil die Entwässerung der Dachflächen zum Kern hin erfolgt, ist ein dauerhaft überlaufsicherer Anschluss der Flächenabdichtung an das aufgehende Bauteil zwingend erforderlich. Deshalb fixierten die Dachdecker zunächst ein gekantetes Verbundblech an der äußeren Betonwand des Kerns in ausreichender Höhe oberhalb der Oberkante der Dachabdichtung. Hieran konnte materialhomogen eine Rhepanol fk-Bahn mit beidseitigem Dichtrand angeschlossen werden. Nach Abschluss der Flächenabdichtung wurde der untere Bereich der äußeren Betonwand bis zum gekanteten Verbundblech gedämmt und abschließend die Rhepanol fk-Bahn mit beidseitigem Dichtrand an die Flächenbahn angeschlossen. Nach ähnlichem Muster wurde auch innerhalb des Kerns verfahren, wobei hier aufgrund der starken Krümmung mit deutlich kürzeren Verbundblech-Stücken gearbeitet werden musste.

In der bauhandwerk-Ausgabe 7/8 2013 berichteten wir ausführlich über die Entkernung und Neuerrichtung des Hochbunkers. Ausschnitte daraus und weitere Bilder gibt es hier: www.bauhandwerk.de/artikel/bhw_Vom_Bunker_zum_Hochhaus_1768081.html

Autor

Sven-Erik Tornow ist Baufachjournalist und betreibt die Agentur Flüstertüte in Köln.

Im Internet finden Sie weitere Fotos vom Bau des Hochbunkers in Bochum. Geben Sie hierzu bitte den Webcode in die Suchleiste ein.

Bautafel (Auswahl)

Bauherr exzenterhaus bochum GmbH & Co. KG, 44789 Bochum

Architekt Gerhard Spangenberg, 10997 Berlin

Dacharbeiten Josef Dürscheidt & Söhne GmbH Bedachungen, 58455 Witten

Produkt Rhepanol fk-Bahn, FDT Flachdach-Technologoie GmbH & Co. KG, 68199 Mannheim

Untersuchung der Kleberkomponenten

Im Vorfeld der Arbeiten zum Aufbau des Dachschichtenpaketes führten die Planer zunächst Klebeversuche der einzelnen Schichten untereinander durch. Vor allem um den zu erwartenden hohen Windlasten Rechnung zu tragen. Hierbei überprüfte man sowohl den Dämmstoffkleber der Firma Soudal, Typ Roof 170, sowie den FDT Dachbahnkleber im Zusammenhang mit der gewählten Wärmedämmung. Erst nach bestandener Prüfung der Klebekomponenten erfolgte die Freigabe des später ausgeführten Aufbaus. Dabei kamen beide Kleber zum Einsatz.

Harmonisch trotz Bunkercharme

Der nach Plänen des Architekten Friedrich Kirchmeier 1942 an der Bochumer Universitätsstraße errichtete Luftschutzbunker bot über 500 Menschen einen Sitz- beziehungsweise Liegeplatz. Tatsächlich suchten während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg über 3000 Menschen in ihm Schutz. Wie alle anderen Bunker verlor auch dieser nach dem Krieg seine Funktion und stand nach verschiedenen Zwischennutzungen leer. Die Logos Gruppe schlug 2004 der Stadt eine Aufstockung auf 89 m zu einem Hochhaus vor – diesmal um 15 und nicht wie im Investorenwettbewerb 1999 um fünf Geschosse. Der Entwurf des Berliner Architekten Gerhard Spangenberg, der die eigens gegründete „Arbeitsgemeinschaft Bunker Universitätsstraße“ leitete, fasste die auf den Bunker aufgesetzten ovalen Geschosse zu drei Paketen mit je fünf Hauptgeschossen zusammen. Jedes dieser gegeneinander verdrehten Pakete entspricht der Höhe des Bunkers. So ergibt sich ein harmonisches Höhenverhältnis von 1:3 zwischen Alt- und Neubau.

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