Richtige Bahn für steiles Dach Dachsanierung des Historischen Rathauses am Prinzipalmarkt in Münster

Die Dachsanierung des Historischen Rathauses am Prinzipalmarkt in Münster war für den ausführenden alteingesessenen Münsteraner Dachdeckerbetrieb zugleich Herausforderung und Herzensangelegenheit. Das extrem steile Dach wurde mit der Sanierung winddicht ausgeführt und neu eingedeckt.

Es ist die gute Stube der Stadt Münster und es gilt in vielen Reiseführern als einer der schönsten Profanbauten der Gotik: Gemeint ist das Historische Rathaus. Dabei ist es ein Fast-Neubau, denn das historische Kleinod wurde im zweiten Weltkrieg 1944 nahezu völlig zerstört. Der Wiederaufbau gelang 1950. Manch Historiker übte Kritik am „historisierenden“ Neuaufbau mit Mauerwerkswänden, die, der Optik wegen, mit dünnen Sandsteinplatten belegt wurden. Doch trotz dieser Kritik lieben die Münsteraner ihr Historisches Rathaus am Prinzipalmarkt.

Neue Ziegel, teilweise Wärmedämmung

Nach der letzten groß angelegten Sanierung des der Straßenseite zugewandten Schaugiebels im Jahr 2006 stand im Herbst 2013 die Erneuerung der etwa 1000 m² großen Dachfläche an. Die Dachziegel lagen schon seit 1958 auf dem Dach, dem Jahr der Vollendung des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Sie hatten ihre beste Zeit also hinter sich und die Vermörtelung als Schutz gegen Wind-, Regen- und Schneeeintrieb entsprach natürlich nicht mehr dem Stand der Technik. Teilbereiche des Dachgeschosses wurden mittlerweile genutzt und mussten daher mit einer Wärmedämmung (Dämmung der obersten Geschossdecke nach EnEV über dem Rüstsaal und dem Friedenssaal) versehen werden. In der Konsequenz war damit klar, dass die gesamte Dachfläche mit einer Unterdeckbahn wind- und regendicht ausgeführt werden musste. Der Einsatz einer hoch diffusionsoffenen Bahn sollte dazu beitragen, die gelegentlich auftretende extrem hohe Luftfeuchtigkeit im Dachraum auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Die Holzkonstruktion des ebenfalls 1958 vollständig neu konstruierten dreigeschossigen Dachstuhls war noch in einem guten Zustand und verlangte keinerlei Ausbesserungen.

Der beauftragte Dachdeckermeister Hans Neumann – Inhaber des alteingesessenen Münsteraner Dachdeckerbetriebes Willy Müller – und seine Mitarbeiter standen vor einem nicht alltäglichen Projekt: Zwar gab es nur sehr wenige arbeitsaufwendige Durchdringungen oder Anschlüsse auszuführen; die Hauptaufgabe lag eher in der beeindruckenden Größe der mit über 50° geneigten Satteldachflächen. Auch war der Zeitrahmen für die Ausführung recht knapp bemessen, und die räumlich beengte Baustellensituation erforderte eine ausgeklügelte Logistik. Doch für das eingespielte Dachdecker-Team war dies nicht nur eine gut zu meisternde Herausforderung, sondern die Arbeit an „ihrem“ Rathaus auch eine echte Herzensangelegenheit.

Abschnittweise Sanierung

Aus vorwiegend statischen Gründen mussten der Abbruch und die Neueindeckung in Teilbereichen vorgenommen werden. Dadurch sollte eine asymmetrische Belastung der vorhandenen Konstruktion weitgehend vermieden werden. Nachdem die alten Ziegel und die Lattung entfernt worden waren, wurde in den jeweils freigelegten Bereichen die Unterdeckbahn verlegt. Hier hatte man sich für Delta-Vent S Plus von Dörken entschieden. Die diffusionsoffene dreilagige Bahn mit einem Sd-Wert von etwa 0,02 m ist aus einer PP-Spinnvlies-Folien-Kombination aufgebaut. Die Bahn ist äußerst reißfest und war damit auch auf der stark geneigten Dachfläche leicht zu verlegen und sicher winddicht zu verarbeiten. Das Material wurde für die Verarbeitung über den Sparren und der in Teilbereichen dazwischen eingebauten Wärmedämmung ausgerollt, ausgerichtet und auf den Sparren geheftet. Danach zogen die Handwerker beide Schutzstreifen gemeinsam aus dem Über­­lappungs­bereich. Dabei treffen in jedem Fall frische, unverschmutzte und trockene Klebeschichten aufeinander. Für diese Klebezonen sind dabei auch Ar­­beitsunterbrechungen kein Problem, da die Abdeckfolien den Klebstoff sicher vor Witterungseinflüssen schützen. Anschlüsse an aufgehende und durchdringende Bauteile wurden von den Dachhandwerkern mit Bändern und Klebemassen aus dem Systemprogramm von Dörken luftdicht ausgeführt.

Nach dem Aufbringen der Konter- und der Traglattung wurden die Flächen mit Hohlziegeln von Meyer-Holsen eingedeckt, die formal weitestgehend dem alten Deckungsbild entsprachen. Nach den Vorgaben der Windsogberechnung mussten alle Ziegel mit Sturmklammern gesichert werden (siehe Infokasten auf Seite 18).

Termingerecht abgewickelt

Durch gute Baustellenorganisation, einen reibungslosen Materialfluss und nicht zuletzt durch die Motivation und den Einsatz der qualifizierten Mitarbeiter konnten Dachdeckermeister Neumann und sein Team das Dach des Rathauses in nur sechs Wochen erneuern, technisch auf den neuesten Stand bringen und pünktlich zum Aufbau des Weihnachtsmarktes ab Mitte November 2013 eine tadellose und eindrucksvolle Handwerksarbeit übergeben. Das Historische Rathaus in Münster ist so für lange Zeit wieder geschützt.

Autorin

Dagmar Riefer betreut die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Dörken-Unternehmen.

Die diffusionsoffene Bahn sorgt für eine ­vertretbar hohe Luftfeuchtigkeit im Dachraum

Die 50° geneigte Satteldachfläche und die große Dachfläche waren eine echte Herausforderung

Aufgrund der Dachdimension – 24 m Firsthöhe bei 53 Grad Dachneigung und 38 m Trauflänge – waren rund 10 km Dachlatten notwendig. Die neue Deckung besteht aus 17 000 roten Hohlziegeln, die wiederum mit 17 000 Sturmklammern gegen Windsog gesichert wurden.

Die notwendige Windsogberechnung für das Rathausdach erstellten die Sturmklammer-Experten der Friedrich Ossenberg-Schule GmbH (FOS) als Einzelfallberechnung nach folgenden Angaben: Windzone 2, Binnenland, Firsthöhe 24 m, Traufhöhe 12 m, Dachneigung Satteldach 53 Grad, Unterspannung ohne durchströmungshemmende Schicht. Das Ergebnis dieser Berechnung machte in den Randbereichen eine Sicherung jedes Hohlziegels auf der Lattung mit der Sturmklammer 453 011 und in der Fläche mit der Sturmklammer 428 b 02 erforderlich.

Die Einzelfallberechnung nach der Fachregel des ZVDH gilt grundsätzlich nur für die vom Auftraggeber genannte Kombination aus Dachpfannen, Lattung und Sturmklammer. Ändern sich Einzelteile oder die Ausführung, muss unbedingt eine neue Berechnung durchgeführt werden.

Text: Hans-Jürgen Krolciewicz

Bautafel (Auswahl)

Objekt Dachsanierung Hist. Rathaus Münster

Dachfläche rund 1000 m²

Ausführender Betrieb Dachdeckermeister Hans Neumann, Fa. Willy Müller, 48153 Münster

Anwendungstechnische Beratung Rainer Bunge, Dörken GmbH & Co. KG, Herdecke

Material Unterspannbahn Dörken Delta-Vent S Plus, www.doerken.de

Sturmklammern FOS 453 011 und 428 b 02,

www.fos.de

Historisches Rathaus – ein Sinnbild für bürgerschaftliches Engagement

Die Bürgerinnen und Bürger von Münster hatten in Sachen Rathaus eigentlich immer das Sagen. Bereits Mitte des 12. Jahrhunderts entstand an dieser Stelle ein erster Fachwerkbau als Versammlungsort der Ratsmitglieder. Die Wahl des Standortes in direkter Sichtachse des St. Paulus Domes und des bischöflichen Palais waren dabei Programm und Ausdruck für das Streben der Bürgerschaft nach Selbstverwaltung. Noch vor 1200 wurde der erste Bau durch ein massives Steingebäude ersetzt, das allerdings noch nicht ganz an den Prinzipalmarkt heranreichte, Ende des 14. Jahrhunderts war es dann aber soweit: Die selbstbewusst gewordene Bürgerschaft versteckte ihr Rathaus nicht mehr in der Häuserzeile des Prinzipalmarktes, sondern es ragte jetzt mit seinem charakteristischen Bogengang bis in den Marktplatz hinein. Verzierungen an der Fassade und ein sogenannter Schaugiebel waren Ausdruck bürgerlich-kaufmännischen Wohlstandes.

Auch der Wiederaufbau des Rathauses nach dem zweiten Weltkrieg wurde – vor allem was die Finanzierung anbelangte – zur Sache der Bürgerschaft. Durch eine ins Leben gerufene Rathauslotterie kamen Geld- und Sachspenden aber auch die praktische Hilfe durch freiwillige handwerkliche Arbeit war groß. Das Historische Rathaus Münster ist in vieler Hinsicht ein Sinnbild für bürgerliches Engagement und Selbstbewusstsein. Historische Berühmtheit erlangte es übrigens durch die Rolle, die es bei der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges spielte: Der Friedenssaal war 1648 Schauplatz der Beschwörung des Spanisch-Niederländischen Friedens, der Teil des Westfälischen Friedens und gleichzeitig auch Geburtsstunde der Niederlande war.

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