Historischer Bahnhof unter neuem Reet
Der Berliner U-Bahnhof Dahlem-Dorf zählt zu den schönsten Bahnhöfen Europas. Das Gebäude wurde 1913 nach dem Vorbild norddeutscher Gutshäuser errichtet und mit Reet eingedeckt. Nachdem mehrere Brände das Reetdach zerstört hatten, wurde eine Kunststoffnachbildung wieder durch Reet ersetzt.
Der Berliner U-Bahnhof Dahlem-Dorf wurde mit Reet eingedeckt. Das Dach des Fachwerkgebäudes ist als Krüppelwalmdach gestaltet
Foto: Steffen Harmuth
Der Berliner U-Bahnhof Dahlem-Dorf entstand im Jahre 1913 und wird bis heute von der Linie U3 angefahren. Das ursprüngliche Ziel beim Bau des Bahnhofs war, das damals noch rein landwirtschaftliche Gebiet im Süden des Gutshofes (der Domäne Dahlem) für den Verkehr zu erschließen. Gestaltet wurde der Bau als Einschnittbahnhof mit Mittelbahnsteig von Friedrich und Wilhelm Hennings. Der U-Bahnhof befindet sich im heutigen Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf an der Königin-Luise-Straße, gegenüber dem Freilichtmuseum „Domäne Dahlem“.
Empfangsgebäude mit Gutshaus-Charakter
Am 12. Oktober 1913 wurde das heute denkmalgeschützte Empfangsgebäude mit blumengeschmücktem Vorplatz in Betrieb genommen. Ursprünglich war nur ein Eingangshäuschen für den U-Bahnhof vorgesehen. Auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. wurde das Empfangsgebäude dem ländlichen Charakter der benachbarten Domäne Dahlem angepasst und nach dem Vorbild norddeutscher Gutshäuser als reetgedecktes Fachwerkhaus errichtet.
Vom Bahnhofsgebäude führt ein mit Reet gedeckter Übergang hinab zum Bahnhsteig
Foto: Steffen Harmuth
Das Empfangsgebäude befindet sich am nordöstlichen Ende des Bahnsteigs, zu dem ein mit dem Gebäude verbundener und ebenfalls mit Reet gedeckter Übergang führt. Das Dach ist als Krüppelwalmdach gestaltet und von der Front her durch einen Fußwalm geteilt, die Fassade ist als weißes Fachwerk mit dunklem Holz ausgeführt. Der Zugang ins Bahnhofsgebäude erfolgt durch zwei Holztüren, über denen sich fünf Fenster und eine Schleppgaube befinden. Links und rechts des Eingangs wird das Gebäude von zwei Nebenflügeln eingefasst.
Mehrere Brände zerstörten das Dach
Im Dezember 1980 wurde der Bahnhof durch einen Brand zerstört. Vom ursprünglichen Bauwerk blieb nur ein blau gefliestes Betriebshäuschen auf dem Bahnsteig erhalten. Nach dem Brand wurde der U-Bahnhof nach historischen Plänen wieder aufgebaut. 1987 wurde Dahlem-Dorf in Japan zur schönsten U-Bahnstation Europas gewählt.
Ein erneuter Brand des Bahnhofsgebäudes im April 2012 zerstörte rund 80 m² des Reetdachs. Aus Sicherheitsgründen wurde für das neue Dach statt Reet eine Nachbildung aus Kunststoff verwendet. Zehn Jahre später hatte das neue Dach Moos angesetzt. Aufgrund von Alterungen und diverser partieller Schadensausbesserungen fiel daher die Entscheidung zur Erneuerung der Dacheindeckung.
Reet ersetzt Kunststoff-Nachbildung
Die Berliner Verkehrsbetriebe begannen anschließend mit den Planungen für die erneute Sanierung des U-Bahnhofs Dahlem-Dorf. Im August 2023 konnte mit den Arbeiten begonnen werden. Das neue Dach wurde, wie schon das Original, wieder mit Reet gedeckt. Mit den Dacharbeiten wurde die Berliner Reetdachdeckerei Weichert Dachbau GmbH beauftragt.
Die Reetdachdecker arbeiten sowohl mit traditionellen als auch mit modernen Werkzeugen
Foto: Steffen Harmuth
„Der U-Bahnhof Dahlem-Dorf ist ein bekanntes Wahrzeichen Berlins“, erklärt Reetdachdecker und Geschäftsführer Marco Weichert. „Seine Eindeckung mit Reet, die ja für Bahnhöfe eher ungewöhnlich ist, war für uns eine ehrenvolle Aufgabe, auch wenn die Eindeckung einige Herausforderungen an uns stellte.“ Entsprechend dauerte es etwas länger als gewohnt, bis die Dachfläche mit etwa 350 m² von Anfang August bis Ende November 2023 eingedeckt war. Drei bis vier Mitarbeitende von Weichert Dachbau waren dabei kontinuierlich auf der Baustelle beschäftigt.
Neues Blitzschutzsystem
Der alte Blitzschutz des Daches, der aus Eichenpfosten bestand, wurde durch ein zeitgemäßes System aus HVI-Ableitern ersetzt
Foto: Steffen Harmuth
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) achteten darauf, dass die geplante Bauzeit eingehalten wurde. „Wichtig zu beachten war, dass weder der Bahn-, noch der Publikumsverkehr beeinträchtigt wurde. Demzufolge musste in bestimmten Bauabschnitten auch mal nachts gearbeitet werden, wenn die Bahnen nicht gefahren sind,“ erklärt Marco Weichert. Die Arbeiten des Dachdeckerbetriebs umfassten außerdem den Abriss der alten Reeteindeckung, den Gerüstbau sowie die Wiederherstellung und Ergänzung der Traglattung. Bei der Reetdacheindeckung kam das Brandschutzsystem „Sepatec“ zum Einsatz. Der alte, herkömmliche Blitzschutz des Daches aus Eichenpfosten wurde durch ein zeitgemäßes Blitzschutzsystem aus HVI-Ableitern ersetzt. „Das war ein wesentlicher Punkt in der Abstimmung mit dem Denkmalschutz, der erst von diesem neuen System überzeugt werden musste,“ sagt Marco Weichert. Generell hätte der Denkmalschutz aber relativ wenig Einfluss auf die Realisation der Dacheindeckung genommen.
Reeteindeckung unter erschwerten Bedingungen
Die Dacharbeiten begannen im August 2023 und wurden von der Berliner Reetdachdeckerei Weichert ausgeführt
Foto: Steffen Harmuth
Die Dachform des Bahnhofs stellte das Team teilweise vor enorme Herausforderungen durch verschiedene Traufhöhen, Grate, Kehlen und Gauben sowie steile Dachneigungen. Auch die beengten Verhältnisse auf der Baustelle waren eine Herausforderung. So war es kaum möglich, viel Material auf der Baustelle zu lagern. Insbesondere die Dachfläche über dem Gleis war schwierig zu realisieren, es musste stets darauf geachtet werden, dass kein Reet auf die Gleisanlage gelangt. Weil der U-Bahnbetrieb während der Arbeiten weiterlief, gestaltete sich auch der Gerüstbau kompliziert. Ansonsten arbeiteten die Reetdachdecker wie gewohnt mit ihren traditionellen und modernen Werkzeugen, Handgriffen und Arbeitsabläufen.
Jeder Reetbund wird in der Länge drei- bis viermal mit Draht fixiert und zwischendurch mit dem Klopfbrett in Form gebracht
Foto: Steffen Harmuth
Jeder Reetbund wurde auf dem Dach auseinandergebreitet und Schicht für Schicht bis zum First verlegt. Die Reetbunde werden dabei mit 4,5 mm starken Stangendrähten („Schachtdraht“), die parallel zur Dachlatte verlaufen, an den Dachstuhl gezogen. Der Stangendraht liegt mit etwa 15 bis 17 cm in der Mitte der Eindeckstärke von 30 bis 35 cm. Im nächsten Arbeitsschritt wird ein 1 mm starker Bindedraht mit einem speziellen Nähbesteck um die Dachlatte herumgeführt und mit dem Stangendraht verdrillt. Jeder Bund wird in der Länge drei- bis viermal mit dem Draht fixiert und zwischendurch mit dem Klopfbrett in Form gebracht. Das Ergebnis der Arbeiten kann sich sehen lassen. Die BVG zeigte sich begeistert vom neuen Dach und auch Marco Weichert ist zufrieden: „Ich habe mich sehr gefreut und bin auch etwas stolz, dass ich das Eindecken dieses berühmten Gebäudes in das Portfolio meiner Reetdachdeckerei aufnehmen konnte. Wir freuen uns über das Ergebnis und hoffen, dass die Berliner lange Freude an diesem einzigartigen, reetgedeckten Schmuckstück haben werden.“
Ulrich Krumstroh ist Inhaber der PR-Agentur Elbfaktor aus Trittau.
