Ausbildung als Gemeinschaftsaufgabe betrachten

Wie Ausbildungsstätten, Betriebe, Berufsschulen und Hersteller bei der Ausbildung zusammenarbeiten können

Fachkräftemangel, Nachwuchsgewinnung, Generationenwechsel: Seit Jahren diskutiert die Dach- und Holzbaubranche, wie die personellen Herausforderungen der kommenden Jahre bewältigt werden können. Dabei komme es vor allem auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aller an, die an der Ausbildung von Nachwuchskräften beteiligt sind, meint Peter Schenk, Leiter Fachseminare bei Velux Deutschland.

Die Zahl der Auszubildenden im Dachdeckerhandwerk hat 2025 laut dem ZVDH den höchsten Stand seit Jahren erreicht. Im Zimmererhandwerk sind die Ausbildungszahlen 2025 gegenüber dem Vorjahr ebenfalls gestiegen, wie der aktuelle Lagebericht von Holzbau Deutschland zeigt.

Der Qualifizierungsbedarf ist größer denn je

Die steigenden Auszubildendenzahlen in beiden Gewerken sind erfreulich. Wichtig ist nun, dass wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen – und vor allem die Ausbildung weiter stärken. Denn für die Zukunftsfähigkeit unserer Branche kommt es nicht allein darauf an, Nachwuchs zu gewinnen. Um junge Menschen in der Branche zu halten, müssen sie langfristig für den Beruf begeistert und in ihrer Entwicklung begleitet sowie Perspektiven aufgezeigt werden. Die Anforderungen nehmen dabei zu: Produkte und Lösungen werden technisch anspruchsvoller, die Erwartungen vieler Kunden steigen und die Aufgaben auf der Baustelle werden vielfältiger. Kurz gesagt: Der Qualifizierungsbedarf ist heute größer denn je.

Die Velux-Seminare bieten die Möglichkeit, die Montage von Dachfenstern zu üben, Fragen zu stellen und neue Lösungswege zu diskutieren
Foto: Velux

Die Velux-Seminare bieten die Möglichkeit, die Montage von Dachfenstern zu üben, Fragen zu stellen und neue Lösungswege zu diskutieren
Foto: Velux
Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen und überbetriebliche Ausbildungsstätten vermitteln Nachwuchskräften das Wissen und die praktischen Fähigkeiten, die sie für den Berufsalltag brauchen. Doch gute Ausbildung ist nicht die Aufgabe weniger Akteure, sondern der gesamten Branche. Wer Fachkräfte braucht, muss sich auch an ihrer Entwicklung beteiligen. Das gilt auch für uns als Hersteller. Dieser Verantwortung müssen wir uns stellen – zum Beispiel mit ergänzenden Angeboten, die Anwendungswissen vermitteln und Praxiserfahrung bieten.

Arbeitsschritte erklären und Zusammenhänge verdeutlichen

Das Unternehmen Velux verfügt mit fünf Schulungsstandorten in Deutschland nicht nur über die notwendigen Ressourcen und die Infrastruktur, sondern auch über Erfahrungen aus der Produktentwicklung und der Zusammenarbeit mit dem Handwerk. Wir wissen, worauf es in der Praxis ankommt, wo Unsicherheiten entstehen können und welche Lösungen sich bewährt haben. Dieses Wissen ist besonders im Rahmen der Ausbildung wertvoll, wenn es nicht nur darauf ankommt, Arbeitsschritte zu vermitteln, sondern auch Zusammenhänge zu verstehen. Gerade Berufseinsteigerinnen und -einsteiger brauchen mehr als Anleitungen – sie müssen nachvollziehen können, warum bestimmte Abläufe wichtig sind.

Fachliche und planerische Grundlagen des Dachfenstereinbaus

Im Mittelpunkt der Velux-Seminare, die auch in Zusammenarbeit mit überbetrieblichen Ausbildungsstätten angeboten werden, stehen die fachlichen und planerischen Grundlagen zur Montage von Dachfenstern
Foto: Velux

Im Mittelpunkt der Velux-Seminare, die auch in Zusammenarbeit mit überbetrieblichen Ausbildungsstätten angeboten werden, stehen die fachlichen und planerischen Grundlagen zur Montage von Dachfenstern
Foto: Velux
Im Mittelpunkt der Velux-Seminare, die in Zusammenarbeit mit den überbetrieblichen Ausbildungsstätten angeboten werden, stehen zum Beispiel die fachlichen und planerischen Grundlagen rund um den Dachfenstereinbau. Vermittelt werden diese auf Basis der technischen Richtlinien und Leitfäden für die Planung und Ausführung im Holzbau und der Fachregeln des ZVDH. Gemeinsam mit den Auszubildenden werden dabei die Anschlüsse zu allen Funktionsschichten des Daches geübt – von der Dacheindeckung bis zum Trockenbau. Außerdem bieten die Seminare die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, Fragen zu stellen und neue Lösungswege zu diskutieren.

Praxiserfahrung schafft Sicherheit und Selbstvertrauen

In den Seminaren sehen wir immer wieder, dass gerade das Zusammenspiel unterschiedlicher Arbeitsschritte und die Möglichkeit, Handgriffe in der Praxis auszuprobieren, einen großen Lerneffekt haben. Beides schafft Sicherheit und Selbstvertrauen. Davon profitieren letztendlich auch die Betriebe: Abläufe werden effizienter, Fehler lassen sich vermeiden und junge Fachkräfte können früh Verantwortung übernehmen.

Ausbildung ist eine Gemeinschaftsaufgabe

Wenn wir die Qualität der Berufsausbildung langfristig sichern wollen, dürfen wir solche praktischen Erfahrungen nicht dem Zufall überlassen. Ausbildung sollte stärker als Gemeinschaftsaufgabe verstanden werden, bei der auch Hersteller Verantwortung übernehmen. Dafür braucht es keine neuen Strukturen, sondern eine engere Verzahnung von Ausbildungsbetrieben, Berufsschulen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten, die die Hauptarbeit leisten. Wir als Hersteller müssen daran anknüpfen – mit Angeboten und Formaten, die das Gelernte ergänzen und vertiefen.

Gemeinsam mit den Teilnehmenden werden in den Seminaren die Anschlüsse zu allen Funktionsschichten des Daches geübt und wichtige Themen rund um die Luftdichtigkeit und den Trockenbau besprochen 
Foto: Velux

Gemeinsam mit den Teilnehmenden werden in den Seminaren die Anschlüsse zu allen Funktionsschichten des Daches geübt und wichtige Themen rund um die Luftdichtigkeit und den Trockenbau besprochen 
Foto: Velux
Wenn Hersteller in der Ausbildung mitwirken, kommt ein Einwand fast zwangsläufig auf: Geht es dabei wirklich um die Sache oder am Ende doch um das eigene Produkt? Die Frage ist berechtigt, denn Seminare sind nicht zuletzt auch ein Vertriebsinstrument. Aber daraus zu schließen, Hersteller sollten sich aus der Ausbildung heraushalten, wäre ebenso falsch. Entscheidend ist, klare Leitplanken zu setzen.

So dürfen die Seminare nicht zu Markenbühnen werden. Nicht die Frage, wie unsere eigenen Produkte verbaut werden, sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wie Dachfenster – und zwar herstellerunabhängig – fachgerecht geplant und angeschlossen werden. Mitunter führt der richtige Weg auch nicht über ein industriell gefertigtes Anschlussprodukt, sondern eine bauseitige Lösung. Fachregeln, technische Richtlinien und handwerkliche Standards müssen Ausgangspunkt jeder Wissensvermittlung sein.

Genauso wichtig ist es, die Ausbildung nicht durch die Unternehmensbrille zu betrachten, sondern aus der Perspektive der Auszubildenden und ihrer Ausbildenden. Nur wenn wir verstehen, welche Unterstützung tatsächlich gebraucht wird, können wir auch Angebote entwickeln, die echten Mehrwert schaffen.

Eine stärkere Zusammenarbeit setzt an vielen Stellen auch ein Umdenken voraus. Hersteller müssen bereit sein, Zeit und Ressourcen zu investieren, die eigenen Interessen kritisch zu reflektieren und Angebote konkret an den Bedürfnissen der Ausbildung auszurichten. Erfolg sollte sich nicht an Vertriebszielen messen, sondern daran, welchen Mehrwert Auszubildende und Ausbildende daraus ziehen.

Auch Ausbildende sind gefragt. Sie kennen die Herausforderungen des Alltags am besten. Umso wichtiger ist es, Bedarfe klar zu benennen, Erwartungen zu formulieren und Hersteller auch zu fordern. Denn nur im offenen Dialog entstehen gute Angebote. Und auch die Auszubildenden selbst tragen Verantwortung für ihren Lernprozess, indem sie Chancen nutzen und offen für neue Erfahrungen bleiben.

Verständnis für die Arbeit anderer Gewerke schaffen

Der Gedanke der partnerschaftlichen Ausbildung endet nicht in der Zusammenarbeit, sondern sollte sich darüber hinaus in den Inhalten der Ausbildung widerspiegeln. Zum Beispiel, indem wir Auszubildende früh für Schnittstellen zu anderen Gewerken sensibilisieren. Auf der Baustelle greifen heute immer mehr Arbeitsschritte ineinander, viele Aufgaben lassen sich nicht isoliert betrachten. Wird beispielsweise ein elektrisch betriebenes Dachfenster eingebaut, müssen häufig schon im Vorfeld Leitungen verlegt oder Anschlüsse vorbereitet werden. Deswegen ist es wichtig, dass Auszubildende auch lernen, welche Anforderungen angrenzende Gewerke haben – und wie die eigene Arbeit deren Abläufe beeinflusst.

Eine Investition in die Zukunft der Branche

Ausbildung als Gemeinschaftsaufgabe zu betrachten ist keine Frage des guten Willens, sondern eine Investition in die Zukunft. Wenn diese Aufgabe gelingt, gewinnt unsere Branche mehr als gut ausgebildete Fachkräfte. Sie gewinnt Dachdeckerinnen und Dachdecker, Zimmerinnen und Zimmerer, die ihren Beruf verstehen, mit Überzeugung ausüben, neue Wege gehen – und so die Zukunft unserer Branche sichern.

Autor

Peter Schenk ist Leiter der Fachseminare bei Velux Deutschland. Gemeinsam mit seinem Team aus Fachreferentinnen und -referenten entwickelt und organisiert er Seminare und Webinare an fünf Velux-Schulungsstandorten in Deutschland.

Weitere Informationen zum Schulungsangebot von Velux für Fachhandwerksbetriebe finden Sie online unter diesem Link.

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