Altes Schmuckstück mit neuem Reetdach

Ehemaliges Bauernhaus bei Itzehoe neu mit Reet eingedeckt

Das Reetdach eines ehemaligen Bauernhauses bei Itzehoe wurde erneuert. Auf der Dachfläche des Hauses wurden 6500 bis 7000 Reetbunde verdeckt. Damit das Reetdach lange hält, sind ein schnelles Ablaufen von Regenwasser und ein rasches Abtrocknen von Feuchtigkeit entscheidend.

Das Reetdach des alten Hauses war in die Jahre gekommen und sollte saniert werden
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh

Das Reetdach des alten Hauses war in die Jahre gekommen und sollte saniert werden
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh
Das Ständerwerk des sanierungsbedürftigen Hauses bei Itzehoe in Schleswig-Holstein stammt aus der Zeit um 1700. Lange diente das reetgedeckte Gebäude als Bauernhaus, bis es irgendwann leer stand und langsam verfiel. 1970 kaufte es ein bekannter Hamburger Antiquitätenhändler und baute das Objekt mit originalgetreuen Materialien neu auf. Heute wird das Gebäude privat als Wohnhaus genutzt.

Das Reetdach des Hauses war ebenfalls in die Jahre gekommen und sollte erneuert werden. Damit wurde die Reetdachdeckerei Philip Meier aus Kellinghusen beauftragt, die auch die Projektplanung übernahm. Der Denkmalschutz stellte an die Dachsanierung keine besonderen Anforderungen – bis auf die Forderung nach einer speziellen Rundlattung. Für die 680 m² große Dachfläche nutzten die Reetdachdecker zwischen 6500 und 7000 neue Reetbunde.

Die neuen Reetbunde werden auf dem Dach verlegt. Das Reet wird mithilfe von Stangendrähten und Bindedraht an der Dachlattung fixiert 
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh

Die neuen Reetbunde werden auf dem Dach verlegt. Das Reet wird mithilfe von Stangendrähten und Bindedraht an der Dachlattung fixiert 
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh

Die Reetbunde wurden mit 4,5 mm starken, verzinkten Stangendrähten, die parallel zur Dachlatte verlaufen, an die Lattung herangezogen. Der Stangendraht wird bei einer Reethöhe von etwa 15 bis 17 cm in der Mitte der Reeteindeckung verlegt. Die Reetdachschicht hat insgesamt eine Stärke von 30 bis 35 cm. Jeder Reetbund wird jeweils mit der folgenden Decklage überdeckt. Ein 1 mm starker Bindedraht (spezielles Nähbesteck) wird zum Befestigen der Reetbunde um die Dachlatte herumgeführt und mit dem Stangendraht verdrillt. Jedes Bund wird in der Länge drei- bis viermal mit dem Bindedraht fixiert, entsprechend an die Dachlatten gebunden und stets mit dem Klopfbrett in Form gebracht. Die Verlegung des Reets auf dem großflächigen Dach wurde, inklusive Arbeiten  an der Unterkonstruktion, in sechs Wochen umgesetzt. 

Der Reetdachdecker führt den Bindedraht mit einer Bindenadel um die Dachlatte herum und befestigt ihn am Stangendraht
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh
Der Reetdachdecker führt den Bindedraht mit einer Bindenadel um die Dachlatte herum und befestigt ihn am Stangendraht
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh

Für die Qualität eines Reetdachs gibt es ein primäres Kriterium: Das Dach muss nach einer Befeuchtung (durch Regen oder Tau) schnell abtrocknen. Je gerader der Wasserlauf ist oder je steiler die Dachflächen sind, desto schneller ist das Wasser vom Dach abgelaufen und das Reet wieder trocken. Deshalb sollten gerade bei alten Bauwerken die Höhen der alten Sparren ausgeglichen und gegebenenfalls passend zum Dachverlauf angepasst werden. So kann das ablaufende Wasser möglichst breit über die Traufe verteilt werden. Das ist wichtig, da jeder konzentrierte Wasserablauf nach und nach eine Wasserrinne (Auswaschung) im Reet erzeugen könnte. An den Stellen, an denen sich Wasser auf einen schmalen Abtropfpunkt konzentriert, kann es tiefer in die Deckschicht eindringen. Das Reet nutzt sich an diesen Stellen ungleichmäßig ab. Das gilt insbesondere für Kehlen, Gauben-Kehlen und deren Ausläufer. 

 

Dampfsperre und Hinterlüftung des Reetdachs

Ein weiteres, wichtiges Kriterium für funktionierende Reetdächer: Bei ausgebauten Dächern muss eine Dampfsperre unter anderem Konvektionsströme verhindern, die zu Kondenswasser in der Eindeckung führen könnten. Dauerfeuchtigkeit im Reetdach könnte zur Ansiedelung von schädigenden Organismen führen. Erfahrene Reetdachdecker wissen, wie das Reet aufgebracht und fixiert wird, vor allem an komplizierten Stellen und Übergängen – für die Qualität und Langlebigkeit eines Reetdachs ist das entscheidend. Winkel, Gauben und Dachflächenfenster erfordern besondere Aufmerksamkeit. Das Reet wird in diesen sensiblen Bereichen mit verschiedenen Längen und Übergängen verarbeitet, damit es jahrzehntelang hält. Beachtenswert ist, dass nur die oberen 3-5 cm des Reets bei Regen nass werden und dann wieder trocknen. Bei Reetdächern mit Innenausbau ist eine be- und entlüftete Hinterlüftungsebene fachregelgefordert.

 

Ernten, Aufbereiten und Prüfen des Reets

Die Qualität des Reets für ein Dach wird durch das sorgsame Auswählen der Ernteflächen, das umsichtige Ernten und Aufbereiten entscheidend beeinflusst. Das Reet für die Neudeckung des ehemaligen Bauernhauses bei Itzehoe beispielsweise stammt aus türkischer Hochlandernte. Das zu bearbeitende Reet kann durch die QSR GmbH (Qualitätsicherung Reet GmbH) überprüft werden. Das Dach muss außerdem den Anforderungen der Fachregel und das Reet den Anforderungen des Produktdatenblatts entsprechen.

Das ehemalige Bauernhaus bei Itzehoe nach der Sanierung mit seinem neuen, goldig glänzenden Reetdach
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh

Das ehemalige Bauernhaus bei Itzehoe nach der Sanierung mit seinem neuen, goldig glänzenden Reetdach
Foto: IG Pro Reet/Krumstroh

Fachregelgerecht erstellt, bieten reetgedeckte Häuser lange Schutz, wobei die Lebensdauer des Reets von vielen Faktoren beeinflusst werden kann. Gut belüftete sowie steile Reetdächer in nicht beschatteten Lagen haben eine lange Lebenserwartung, wenn sie einer regelmäßigen Wartung und Pflege unterzogen werden. Mit der Sanierung des Daches des ehemaligen Bauernhauses bei Itzehoe haben die Bewohner einen wichtigen Schritt zur langfristigen Bewahrung ihres Hauses beigetragen.

Autor

Ulrich Krumstroh ist freier Journalist und Inhaber der Presseagentur Elbfaktor in Trittau.

Mehr Informationen zur Interessensgemeinschaft Pro Reet finden Sie unter http://www.pro-reet.de/

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