Holz-Hybrid-Bau mit 73 m Höhe entsteht in Amsterdam

Neue Maßstäbe beim Bauen mit Holz setzt der Wohnturm „Haut“ in Amsterdam. Das Tragwerk des 73 m hohen Gebäudes besteht neben Beton auch aus Holz. Mit seinen 21 Stockwerken zählt das Holz-Hybrid-Hochhaus derzeit zu den höchsten seiner Art in Europa.

In Amsterdam, in direkter Nähe zur Amstel, wurde im März 2022 ein Holz-Hybrid-Hochhaus mit beachtlicher Höhe fertiggestellt. Der Wohnturm mit dem Namen „Haut“ (niederländisch für „hoch“) misst 21 Stockwerke und ist 73 m hoch. Im Inneren des Gebäudes sind auf einer Bruttogeschossfläche von rund 14 500 m² insgesamt 50 moderne Wohneinheiten mit Terrassen und Balkonen sowie einer einzigartigen Aussicht auf die Umgebung entstanden. Bei der Realisierung des Hochhauses setzten die Verantwortlichen auf eine hybride Bauweise, die Beton mit Holz kombiniert.

 

Expertise im hybriden Bauen

Der Wohnturm wurde bereits 2016 durch Lingotto initiiert, das Unternehmen ist Bauherr und Projektentwickler zugleich. Realisiert wurde das Objekt nach Plänen des niederländischen Architekturbüros Team V Architectuur in Kooperation mit Arup Niederlande. Generalunternehmer ist J.P. van Eesteren B.V. aus Gouda. Als Teil des Planungs- und Beratungsteams war auch Brüninghoff in das Leuchtturmprojekt an der Amstel involviert. Der Projektbauspezialist aus dem münsterländischen Heiden brachte insbesondere seine Ex­pertise im Bereich des hybriden Bauens ein. Für das Bauprojekt übernahm Brüninghoff zudem den Holzabbund sowie die Fertigung und Montage der Holzbau­elemente, der Stahl- und Betonfertigteile und der Holz-Beton-Verbunddecken – und war insgesamt elf Monate auf der Baustelle in Amsterdam tätig. Die Bauzeit des Projekts betrug insgesamt drei Jahre.

In der Planungsphase waren in beratender Funktion die Woschitz Group aus Wien, Assmann Beraten + Planen aus Hamburg, Prof. Dipl.-Ing. Rainer Pohlenz aus Aachen, Ekoflin aus Bavel sowie Brüninghoff beteiligt. In der Construction-Phase bestand das Planerteam Holzbauengineering neben Brüninghoff aus Assmann Beraten + Planen sowie RWT plus aus Wien. 

Auskragende Balkone, deren Konstruktion aus Stahlträgern und Leichtbetonfertigteilen besteht, sowie Glasflächen prägen die Außenhülle des Wohnturms in Amsterdam
Foto: Jannes Linders

Auskragende Balkone, deren Konstruktion aus Stahlträgern und Leichtbetonfertigteilen besteht, sowie Glasflächen prägen die Außenhülle des Wohnturms in Amsterdam
Foto: Jannes Linders

Besondere Herausforderungen in der Planung

Für den Bau des Wohnturms kamen unter anderem Holzwandelemente, Holz-Beton-Verbunddecken sowie Stahl- und Betonelemente zum Einsatz, die von Brüninghoff vorgefertigt und montiert wurden. Im Rahmen der Planung stellten Form, Bauweise und Höhe des Gebäudes das Planungsteam vor besondere Herausforderungen – zum Beispiel im Hinblick auf die vorherrschenden Windlasten sowie das Setzungsverhalten der Baustoffe. Zu einer verbesserten Kommunikation zwischen den Projektbeteiligten und einer transparenten Zusammenarbeit trug der Einsatz von Building Information Modeling (BIM) bei.

 

Holz und Beton für die Tragstruktur

Die Gebäudeform des „Haut“ basiert auf einer trapezförmigen Grundfläche. Die Konstruktion besteht im Wesentlichen aus einem Treppenhauskern aus Ortbeton, Holz-Beton-Verbunddecken sowie einer Fassade aus nicht tragenden Holzrahmenbauelementen. Für die tragenden Wände und Stützen im Gebäude kam ebenfalls zu einem Großteil Holz zum Einsatz. Die Holzrahmenaußenwände wurden von innen mit Gipsfaserplatten und von außen mit Faserzementtafeln beplankt. Außerdem wurden die Holzrahmenelemente von innen gedämmt. Insgesamt ermöglicht die Gebäudekonstruktion ein hohes Maß an Flexibilität hinsichtlich der Raumaufteilung und der Nutzungsmöglichkeiten im Gebäude.

Im Bereich der Auskragungen an der spitz zulaufenden Gebäudeecke wurden Stahl- und Betonunterzüge eingesetzt. Auskragende Stahlträger mit einem darauf aufliegenden Leichtbetonfertigteil bilden die Balkonkonstruktionen an den Seiten des Gebäudes. Die Untersichten der Balkone wurden mit einer Holzschalung verkleidet.

Brettsperrholz und Beton kombiniert

Für die Geschossdecken des Wohnturms wurden Holz-Beton-Verbunddecken (HBV) genutzt. Mit ihren schallschutz- und brandschutztechnischen sowie statischen Ei­genschaften können sie als Alternative zu reinen Betondecken auch im mehrgeschossigen Bauen zum Einsatz kommen.

Hergestellt wurden die Holz-Beton-Verbunddecken für das Gebäude in den Werkshallen von Brüninghoff
Foto: Brüninghoff

Hergestellt wurden die Holz-Beton-Verbunddecken für das Gebäude in den Werkshallen von Brüninghoff
Foto: Brüninghoff
Beim „Haut“ besteht das Standard-Deckenelement aus einer 160 mm dicken Brettsperrholzplatte (BSP) und 80 mm dickem Beton der Güte C55/67. Die größten Elemente weisen hier Abmessungen von bis zu 5,90 x 3,05 m auf. Das kleinste Deckenelement ist dreieckig und verfügt über die Maße 1,50 x 1,50 m. Für den Aufbau der Decken kam Fichten-Brettsperrholz zum Einsatz, das von Mayr-Melnhof aus dem österreichischen Gaishorn am See geliefert wurde. Die Unterseite der HBV-Decken blieb sichtbar, sodass in den Wohnungen eine natürliche Holzoptik vorherrscht. Der natürliche Baustoff beeinflusst das Raumklima in den Wohnungen positiv.

Das Standard-Deckenelement für das „Haut“ besteht aus einer 160 mm dicken Brettsperrholzplatte und einer 80 mm dicken Betonschicht
Foto: Brüninghoff
Das Standard-Deckenelement für das „Haut“ besteht aus einer 160 mm dicken Brettsperrholzplatte und einer 80 mm dicken Betonschicht
Foto: Brüninghoff

Letzte Schritte auf der Baustelle

Die Herstellung der Deckenelemente erfolgte werkseitig bei Brüninghoff. Auf der Baustelle wurden die einzelnen Elemente zusammengefügt. Dazu zählten unter anderem die Verschraubung, Bewehrung, der Verguss und die Abdichtung der Fugen. Die Verbindung der einzelnen HBV-Decken erfolgte über eingelegte Bewehrungseisen in den Fugen. Die Fugen wurden anschließend mit Ortbeton vergossen. Außerdem wurden die Decken mit angrenzenden Bauteilen wie Wänden, Stützen und Unterzügen verbunden. „Der Anschluss der Deckenelemente an das Treppenhaus erfolgte mit Stahlwinkeln, die an die Konstruktion gedübelt wurden. Die HBV-Decke wurde an diese Winkel gehangen“, erklärt Nils Drachsel, Bauleiter bei Brüninghoff, „die sehr hohen horizontalen Kräfte wurden hierbei über eine Verzahnung und Einschraubbewehrungen übertragen.“ Ein direkter Anschluss der Decken an den Aufzugsschacht war – mit Ausnahme eines Sonderfalls im 21. Stockwerk – nicht notwendig, da der Aufzugsschacht im Treppenhaus ist. 

Etagen ohne Wiederholungseffekte

„Hoch, komplex, hybrid“ – so beschreibt Nils Drachsel die Konstruktion des „Haut“ und erklärt: „Auf den ersten Blick sehen die Etagen in der Konstruktion gleich aus. Beim genaueren Hinsehen erkennt man aber, dass jede Etage anders ist und somit trotz der Höhe keine Wiederholungseffekte mitgenommen werden konnten.“ So ergaben sich im Planungsprozess, vor allem im Hinblick auf die Gebäudegeometrie, viele Herausforderungen. Aufgrund der Höhe entstehen hohe vertikale Lasten, die beim konventionellen Holzbau so nicht auftreten. Zugleich mussten auch große Windlasten berücksichtigt werden. Ein weiterer Faktor war das unterschiedliche Setzungsverhalten der verschiedenen Baustoffe Holz, Ortbeton und der Betonfertigteile. Der schlanke Gebäudekörper hatte Auswirkungen auf die Gebäudesteifigkeit und -verdrehung. Auch die für den trapezförmigen Grundriss benötigten, dreieckigen HBV-Fertigteile mussten passend geplant werden. Hier waren unter anderem der Verlauf der Bewehrung und der Lastabtrag entscheidend. Der Lastabtrag war auch ein Thema bei den Auskragungen. So musste für die Aufnahme der hohen Lasten der Balkone, die durch Stahlschwert, Leichtbetonbelag sowie Faserbeton-Fassadenelement auf der Außenkante entstehen, eine bauphysikalisch saubere Lösung entwickelt werden.

Einheben von Wandelementen auf der Baustelle: Die roten Bleche an der Oberseite verbinden die Wand später durch die Decke mit der darüberliegenden Wand und sichern das System so gegen abhebende Lasten
Foto: Brüninghoff

Einheben von Wandelementen auf der Baustelle: Die roten Bleche an der Oberseite verbinden die Wand später durch die Decke mit der darüberliegenden Wand und sichern das System so gegen abhebende Lasten
Foto: Brüninghoff

Zügiger Bauprozess dank hoher Vorfertigung

Der Baustoff Holz ermöglichte einen schnellen Baufortschritt. Die Produktion der Bauteile erfolgte witterungsunabhängig in den eigenen Fertigungsstätten von Brüninghoff. Durch den hohen Vorfertigungsgrad konnte die Montagezeit auf der Baustelle reduziert werden. Der Umgang mit Holz brachte jedoch auch die ein oder andere Besonderheit mit sich. So musste das Holz auf der Baustelle vor Witterungseinflüssen wie Regen gut geschützt werden.

Herausforderungen im Planungsprozess

Außenansicht des Wohnturms „Haut“ in Amsterdam. Die auskragenden Balkone mit Holzuntersichten prägen das Gebäude
Foto: Jannes Linders

Außenansicht des Wohnturms „Haut“ in Amsterdam. Die auskragenden Balkone mit Holzuntersichten prägen das Gebäude
Foto: Jannes Linders
In der Planungs- und Bauphase musste eine effiziente Kommunikation zwischen den Projektbeteiligten gewährleistet sein. Herausforderungen waren in diesem Kontext die Sprachbarriere, die unterschiedliche Normung sowie die etwas anderen Sichtweise auf den Bauprozess. Als anspruchsvolle Aufgabe erwies sich zudem die Abstimmung der beteiligten Unternehmen, unter anderem waren dies neben Brüninghoff auch Assmann Beraten + Planen sowie RWT plus, zwei niederländische Prüfbüros, die Behörden und nicht zuletzt der Generalunternehmer J.P. van Eesteren B.V. Zugleich galt es, die vielen Schnittstellen zu den Brüninghoff-Bauteilen mit anderen Gewerken zu organisieren. Insbesondere für den Austausch in der Planungs- und Bauphase war Building Information Modeling (BIM) sehr hilfreich. Die digitale Planungsmethode hat beispielsweise die Arbeit zwischen den verschiedenen Gewerken wie der Haustechnik, der Außenwände und der Fassade wesentlich erleichtert. Ebenso brachte es Vorteile für die Kommunikation bei Brüninghoff intern mit sich. Der Austausch zwischen Planung, Produktion und Baustelle verlief so reibungslos. Anhand des digitalen Bauwerksmodells konnten die Projektverantwortlichen den aktuellen Produktions-, Planungs- und Baufortschritt auf einen Blick nachvollziehen und die weiteren Schritte und Abläufe planen. Nach Fertigstellung des Gebäudes wurde das BIM-Modell als Bestandteil der Revisionsunterlagen übergeben. Die offizielle Eröffnung des Wohnturms „Haut“ war im März 2022.

Vorbild für Wohnbauprojekte in Holzbauweise

Bei der Konstruktion des 73 m hohen Wohnturms „Haut“ wurde der natürliche Baustoff Holz in großer Höhe und tragender Funktion erfolgreich eingesetzt. Das übergreifende Know-how, die gute Zusammenarbeit zwischen den Projektbeteiligten sowie der hohe Vorfertigungsgrad haben dazu beigetragen, dass der Wohnturm in Amsterdam mit einer eng getakteten Logistik fertiggestellt werden konnte. Das Bauprojekt kann somit Vorbildfunktion für weitere, ähnliche Wohnungsbauprojekte mit Holz haben.

 

Autor

Frank Steffens ist Geschäftsführer der Brüninghoff GmbH & Co. KG im münsterländischen Heiden.

Bautafel (Auswahl)

Projekt Wohnturm „Haut“ in Holz-Hybrid-Bauweise mit 73 m Höhe, Amsterdam (NL)

Projektentwicklung Lingotto, Amsterdam, https://lingotto.nl

Generalunternehmer J.P. van Eesteren B.V., Gouda (NL), www.jpvaneesteren.nl/en

Architektur Team V Architectuur, Amsterdam, https://teamv.nl/

Generalstatik, Bauphysik, Brandschutz Arup Niederlande, Amsterdam, www.arup.com/offices/netherlands

Bauteilproduktion und Montage (tragende Innenwände, Betonfertigteilstützen, Stahlträger, HBV-Decken) Brüninghoff, Heiden, www.brueninghoff.de

Bauzeit 11/2018 bis 3/2022

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