Schwarzwälder Baumhaus auf Holzstützen

Ein Ort zwischen Himmel und Erde

In den Traum vom Leben zwischen Himmel und Erde, vom Leben im Baum, fließen bei Nico Pfisterer 30 Lebens- und Lernjahre im In- und Ausland ein. Dann folgte sein „Meisterstück“: Nach zwei Jahren Planung hat er in der Nähe von Rottweil sein erstes Schwarzwälder Baumhaus realisiert.

Wer einmal eine Nacht in einer Baumhütte verbracht hat, hoch über dem Boden, zwischen Himmel und Erde, dem Baum ganz nahe, der weiß um dieses wohlige Gefühl: im Einklang sein mit der Natur, inmitten von Geäst, das Gefühl von Freiheit spüren, auch wenn der Boden womöglich etwas wackelig ist – oder vielleicht gerade deshalb.

Was braucht ein Mensch zum Wohnen, zum Leben, wie viel? Wie muss der Raum beschaffen sein, welche Größe entspricht den menschlichen Bedürfnissen? Lässt sich gutes Leben auf wenigen Quadratmetern leben? Das waren die Ausgangsfragen, denen Nico Pfisterer – seit rund 30 Jahren selbständiger Schreiner und Zimmermann – nachgegangen ist und der damit einen Zeitgeist trifft: weniger ist mehr, Reduktion statt Ausdehnung, Tiny House statt Riesenvilla.

Wenig Versiegelung und Ressourcenverbrauch

Aufgewachsen ist der 45jährige in Oberndorf am Neckar. Mit der Umwelt leben, nicht gegen sie, ist sein Credo. „Für mich war es wichtig, für dieses Haus möglichst wenig Grundfläche und Ressourcen zu verbrauchen“, sagt Nico Pfisterer über sein Konzept. Damit lag es auch Nahe, ein Haus zu bauen, das einem Baum nachempfunden ist.

Die Vision reifte in den letzten Jahren zur konkreten Idee. Natürlich sollte der „Stamm“ des Hauses aus Holz sein. Vor zwei Jahren entfalteten sich dann die ersten Zeichnungen mit dem ersten schwungvollen Bleistiftstrich: eine gebogene Holzstütze, auf der ein Haus ruht.

Mit der ersten Bleistiftzeichnung und dem Konzept ging Nico Pfisterer zum Vertriebsbüro für Holzbausoftware Dietrich‘s AG. „Zusammen haben wir getüftelt und die Idee des Baumhauses dreidimensional in das Programm gebracht“, erzählt Pfisterer. Heraus kam ein Konzept, noch kein fertiger Entwurf. Damit ging es dann zum Statiker. Volumen und Gewicht wurden auf die Konstruktion gepackt. Neun hölzerne Bögen aus Brettschichtholz, als Freiform verleimt nach oben strebend, sollten mit schweren Stahllaschen im Fundament verankert werden. Aber allein mit Rechnen kamen die Tüftler an ihre Grenzen. „Irgendwann waren wir an dem Punkt, da haben wir gesagt: Jetzt rechnen wir nicht mehr, jetzt bauen wir“, erinnert sich Nico Pfisterer. Die Form und das Konzept des Baumhauses sind speziell und Nico Pfisterer wollte auf Nummer sicher gehen: Während der zweijährigen Planungsphase hatte er nur mit wenigen über seine Idee gesprochen. „In der Entwicklungsphase habe ich nur den Konstrukteur und den Statiker über das Projekt eingeweiht“, sagt Pfisterer. Nach der Patentanmeldung kam dann die Zimmerei Seeburger mit ins Boot. Deren Slogan hatte Nico Pfisterer eines Tages auf einem Baufahrzeug gesehen: „Vom Baumhaus zum Traumhaus“. „Das hat mich sofort angesprochen“, sagt er. Seither hat er mit der Zimmerei Seeburger nun einen Partner an seiner Seite, der ihm beim Abbund des kleinen Hauses in vier Metern Höhe unterstützt hat. Auch beim Aufrichten war der Betrieb mit von der Partie. Das Baumhaus selbst hat eine Grundfläche von 4,4 x 4,4 m, die Nutzfläche beträgt 5,80 x 5,80 m, um das Haus führt ein rundum laufender Balkon. Der Zugang zu der 4 Meter hohen Plattform erfolgt mit einer Holztreppe von unten. Durch das „Geäst“ – also die gebogenen Stützen – gelangt man über eine Klappe nach oben in das Haus.

Leben auf 25 m² Fläche

Der „Stamm“ des Hauses ist über einen Stahlring im 80 cm starken Fundament befestigt. Dessen Grundfläche beträgt etwa 2 x 2 m. „Ich habe hier weniger Fläche versiegelt als wenn ich das Haus mit seiner Grundfläche auf einem Fundament stehen hätte“, sagt Pfisterer, der sich nicht nur dem ökologischen Bauen verschrieben hat, sondern auch der Philosophie des minimalistischen Lebens und Wohnens. „Ich habe jahrelang mit meiner vierköpfigen Familie auf 50 m² gewohnt“, sagt er. Ein Jahr lang war er auf See und hat dort auf engem Raum in Gemeinschaft gelebt. „Da lernt man, sich einzuschränken oder nur auf das Wichtigste zu besinnen“, sagt Pfisterer und klingt so, als ob ihm das nicht schwergefallen wäre. Das Baumhaus selbst hat mit der Schlafstätte im Giebel 25 m² Fläche. Dabei gibt es dort eine kleine Küche mit Gasanschluss, eine Waschmöglichkeit aus einem Wassertank, Strom, der aus der Photovoltaik-Zelle gespeist wird und eine Trockentoilette. Alles vereint auf kleinstem Raum – 100 Prozent autark!


Philosophie, Wissen und Leidenschaft vereint

Nico Pfisterer war jahrelang in der ganzen Welt unterwegs. Nach der Schreinerlehre, die er in Oberndorf am Neckar absolviert hat, ging er nach Frankreich und schloss sich dem Handwerkerbund Les Compagnons du Devoir – zu deutsch „Gesellen der Pflicht“ an, um eine Zimmererausbildung zu machen. In dieser Zeit hat Nico Pfisterer nicht nur das Zimmererhandwerk gelernt, sondern nebenbei auch noch die Sprache und jede Menge Erfahrungen gesammelt. Von da an lässt ihn die Ferne nicht mehr los: Nach der Ausbildung arbeitet er in Afrika und Indonesien als Logistiker für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Später war er in Italien in Palermo als Bootsrestaurator einer 80 Jahre alten Segelregatta-Yacht beschäftigt. Mit seinem Gesellenbruder Bruno aus Frankreich machte er sich 2001 auf Wanderschaft durch Europa. Sie liefen von seinem Heimatort Oberndorf nach Rom (Audienz beim Papst inbegriffen) und von dort auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien. Auch Bruno hat ihn mit dessen Tiny-House-Firma in Frankreich inspiriert, sein Baumhaus zu entwerfen. „Ich habe das Gefühl, dass in diesem Projekt alles zusammenfließt, was ich je auf meinen Reisen aufgenommen habe. Meine ganze Erfahrung fließt da rein, meine ganze Leidenschaft“, sagt Nico Pfisterer und man kann erahnen, was er damit meint, wenn man die kleinen Details und Sägearbeiten am Balkon des Hauses sieht.

Nach der langen Vorbereitungszeit mit Standortsuche, Vorsprechungen im Gemeinderat, Vormontage und Abbund war im Juli 2019, in einer der heißesten Wo-chen des Sommers, die Zeit für das Aufrichten gekom-men. Das Baumhaus steht auf dem Grundstück eines landwirtschaftlichen Anwesens mit angeschlossenem Gastronomiebetrieb im Außenbereich und soll zum Ausgangspunkt einer Ferienhaus-Siedlung werden.

Brettschichtholzträger formen die „Baumkrone“

Auf das vorbereitete Fundament wurde eine runde Stahlplatte mit 168 cm Durchmesser montiert. Die im Kreis angeordneten Brettschichtholzbinder (32 x 20 cm abgebunden von Schaffitzel Holzindustrie) bilden den „Grundstamm“, die Binder sind mit Stahllaschen am Fundament montiert. Nach oben verlaufend formen sich die Brettschichtholzträger wie „Äste“ nach außen und formen die Krone, auf der die Plattform ruht. Mit einer sternförmigen Stahlverstrebung in etwa 1,50 m Höhe wird die Konstruktion stabilisiert.

Die 18 cm dicke, aus zwei Teilen bestehende Plattform aus fünffach verleimtem Brettsperrholz (Hersteller Binderholz) wurde dann von den Handwerkern auf die gekrümmten Brettschichtholzträger montiert und verschraubt. Darauf folgte die 5,80 x 5,80 cm Unterkonstruktion in Holzrahmenbauweise für den Wandelgang. Die 18 cm dicke Unterkonstruktion der Haus-Grundfläche wurde mit Zellulose gedämmt. Diese wurde von den Handwerkern von Hand eingebracht. Die Unterkonstruktion verschalten die Zimmerer mit 24 mm OSB-Platten. Im nächsten Schritt brachte der Kran die Hauselemente auf die Plattform. Diese wurden auf der Plattform in die Unterkonstruktion verschraubt. Am selben Tag montierten die Handwerker noch die Dachsparren, ebenso die Schalung und brachten am Ende als Dachdeckung Bitumenschindeln auf. Danach folgte die Inneneinrichtung, die in Eigenregie entstand. Die Innenwände sind in Weißtanne gehalten, der Boden ist aus geölter Buche. Gedämmt sind die Wände und das Dach mit Holzfaserdämmstoff von Steico. Im Dachgiebel kann zum Besipiel eine Schlafkoje untergebracht werden, dadurch wird Platz gewonnen, um zu wohnen.

Serienproduktion soll starten

Der nächste Schritt ist die Serienproduktion, zunächst muss sich das Konzept allerdings herumsprechen. Der Prototyp des Baumhauses kann für Übernachtungen gebucht und auch besichtigt werden. Das vielsagende Logo zeigt das Haus mit einem Schwarzwälder Bollenhut: „Wir arbeiten mit traditionellen Materialien und schaffen damit ein modernes und zeitgemäßes Wohnkonzept, das Ressourcen schont“, erklärt Nico Pfisterer.

Verschiedene Nutzungsarten möglich

Die Internetseite www.schwarzwaelder-baumhaus.com zeigt unterschiedliche Einsatzzwecke und Gestaltungsvorschläge des „Schwarzwälder Baumhauses“ und soll Interesse wecken: Ob in der Stadt oder auf dem Land, im Tourismus- oder im Freizeitbereich, als Seminarraum oder als Beobachtungsstandort für den Forst – das Baumhaus kann unterschiedliche Nutzungen haben und den jeweiligen persönlichen Bedürfnissen angepasst werden. Egal aber, was für ein Konzept verfolgt werden soll, es bleibt immer ein ganz besonderer Ort zwischen Himmel und Erde!


Autor

Rüdiger Sinn ist Redakteur der Zeitschrift dach+holzbau.

Bautafel (Auswahl)

Projekt Bau des „Schwarzwälder Baumhauses“, Prototyp, www.schwarzwaelder-baumhaus.com

Standort Genießerhof  (Kornkammer), 78661 Dietingen, www.geniesserhof.de

Entwurf Nico Pfisterer, 78727 Oberndorf am Neckar

Statik Ingenieurbüro für Baustatik Helmut Plocher, 78727 Oberndorf am Necker

Konstruktionssoftware Dietrichs Software, Dietrich's AG, Vertriebsleiter Reinhold Kling

Bauplanung Erich Ott, www.ott-naturbau.de

Abbund / Zimmererarbeiten Holzbau Seeburger, 78661 Irslingen, www.holzbau-seeburger.de

Brettschichtholz Schaffitzel Holzindustrie GmbH + Co. KG, Schwäbisch Hall, www.schaffitzel.de

Brettsperrholz Binderholz Deutschland GmbH, 85092 Kösching, www.binderholz.com

Chic oder rustikal – individuell nach eigenen Wünschen

Ob Holzfällereinrichtung mit „Bullerjan“-Ofen oder High-End Ausstattung – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Das „Schwarzwälder Baumhaus“ kann individuell nach den Wünschen der Bauherrn hergestelt werden, um den persönlichen Bedürfnissen und der jeweiligen Nutzung  zu entsprechen. Besichtigungen des Prototypen in Dietingen in der Nähe von Rottweil sind nach vorheriger Terminvereinbarung möglich:

www.schwarzwaelder-baumhaus.com ,

Tel. 0049(0)171-4131008,

Außerdem wird das Haus über den Genießerhof in Dietingen zum Probewohnen oder Urlauben vermietet: Genießerhof (Kornkammer), 78661 Dietingen, www.geniesserhof.de.

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 2019-08

Inhalt 2019

PANORAMA Meldungen?4 Seminare + Termine?9 DACH Baustelle des Monats Antike Dachform modern umgesetzt – Dachentwässerung in den Innenhof?10 Baubericht Neubau mit Gründach – lose verlegter...

mehr
Ausgabe 2019-08

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in sechs deutschen Bundesländern ist es erlaubt, mehrgeschossige Gebäude in allen Gebäudeklassen mit Holz zu bauen. Geänderte Landesbauordnungen (LBO) in Bremen, Berlin, Hamburg,...

mehr
Ausgabe 2014-03

Höchste Hagelwiderstandsklasse

Wenn golfballgroße Hagelkörner in rasanter Geschwindigkeit vom Himmel fallen, können an Hausdächern enorme Schäden entstehen. Nach einer Prüfung des Instituts für Brandschutztechnik und...

mehr