Begrüntes Umkehrdach reduziert Hitzeinseln im Sommer

Planerisch und in der Ausführung kein Hexenwerk

Der Gedanke des Dachgartens ist keineswegs neu. Angesichts von Klimawandel, zunehmender Verdichtung und steigenden Anforderungen an die Energieeffizienz erhält er heute jedoch eine neue Bedeutung: Begrünte Dächer reduzieren urbane Hitzeinseln, speichern Niederschläge und schaffen ökologische Ausgleichsflächen. Als Umkehrdach ausgeführt, schützen sie zusätzlich die Dachabdichtung und verlängern deren Lebensdauer.

Damit ein Gründach dauerhaft seine Funktion erfüllt, müssen Tragfähigkeit des Daches, wurzelfeste Abdichtung, diffusionsoffener Aufbau und Produktauswahl zusammenpassen. Ebenso wichtig ist die frühe Abstimmung zwischen Planung, Statik und Ausführung. Welche technischen und bauphysikalischen Aspekte dabei entscheidend sind und warum Retention und Photovoltaik zunehmend zum Standard werden, erläutern Dirk Baune (Austrotherm) und Marc Niewöhner (IQDF/Niewöhner Dachtechnik) im Interview.

Herr Baune, Herr Niewöhner, welche Anforderungen stellt das Gebäudeenergiegesetz (GEG) an begrünte Umkehrdächer?

Dirk Baune: Für Flachdächer gilt im Regelfall ein maximaler U-Wert von 0,20 W/m2K. Beim begrünten Umkehrdach ergeben sich daraus – je nach Konstruktion – Dämmstoffstärken von rund 200 bis 270 mm bei unserem Austrotherm „XPS TOP 30 TB SF“-Dämmstoff. Bei Intensivbegrünungen oder Terrassenaufbauten lassen sich mit 340 mm starken XPS-Dämmstoffplatten sogar U-Werte bis 0,16 W/m2K erreichen.

Im urbanen Raum entschärfen begrünte Dächer Hitzeinseln, speichern Niederschläge, filtern Schadstoffe und schaffen wertvolle ökologische Ausgleichsflächen
Foto: Bundesverband Gebäudegrün

Im urbanen Raum entschärfen begrünte Dächer Hitzeinseln, speichern Niederschläge, filtern Schadstoffe und schaffen wertvolle ökologische Ausgleichsflächen
Foto: Bundesverband Gebäudegrün

Marc Niewöhner: Im Bestand gilt zunächst der Grundsatz: erhalten statt abreißen. Bei vielen Flachdächern aus den 1970er- bis 1990er-Jahren kann der vorhandene Aufbau weitergenutzt werden. Kiesauflasten lassen sich beispielsweise für eine spätere Begrünung nutzen. Häufig genügt es, die vorhandene Abdichtung zu ertüchtigen und anschließend eine neue XPS-Dämmebene aufzubringen.

Im Neubau vereinfacht das Umkehrdach zudem die Planung. Anders als bei Gefälledämmungen aus EPS bleibt der U-Wert bei XPS unabhängig von der Plattengeometrie konstant. Das macht die Planung an den Anschlussbereichen und Übergängen deutlich einfacher.

Worauf sollten Planerinnen und Planer bei der Deklaration und Ausführung besonders achten?

Dirk Baune: Wichtig ist die frühzeitige Prüfung der allgemeinen Bauartgenehmigung. Dort sind zulässige Aufbauten, Bemessungswerte und Hinweise zur Windsogsicherung geregelt. Sinnvoll ist immer die projektbezogene Abstimmung mit dem Dämmstoffhersteller, um spätere Probleme in der Ausführung zu vermeiden.

Retentionsdächer spielen vor allem in Städten eine immer größere Rolle. Funktioniert das auch mit dem Umkehrdach?

Dirk Baune: Ja, sehr gut sogar. Über eine Drossel am Ablauf wird Niederschlag zeitverzögert abgeführt. Das entlastet die Kanalisation und unterstützt gleichzeitig die Bewässerung der Begrünung. Wichtig ist, dass die zulässige Überstauzeit eingehalten und das Umkehrdachvlies fachgerecht verarbeitet wird.

Im Bestand stellt sich oft die Frage, ob ein Umkehrdach auf ein bestehendes Warmdach aufgebaut werden kann. Wie schätzen Sie das ein?

Unter der Zufahrt des Hotels Gut Brandlhof im österreichischen Saalfelden (links im Bild) befinden sich der Wellnessbereich und das Hallenbad. Der Vorplatz wurde als gepflastertes, begrüntes Umkehrdach ausgeführt und mit Austrotherm „XPS Plus“-Dämmplatten realisiert
Foto: Hotel Gut Brandlhof

Unter der Zufahrt des Hotels Gut Brandlhof im österreichischen Saalfelden (links im Bild) befinden sich der Wellnessbereich und das Hallenbad. Der Vorplatz wurde als gepflastertes, begrüntes Umkehrdach ausgeführt und mit Austrotherm „XPS Plus“-Dämmplatten realisiert
Foto: Hotel Gut Brandlhof
Dirk Baune: Das sogenannte „Duo”- oder „Plus”-Dach ist technisch eine sehr interessante Lösung. Die vorhandene Dämmebene wird dabei mit einer zusätzlichen XPS-Lage kombiniert, um den Wärmeschutz zu verbessern. Voraussetzung sind eine funktionierende Abdichtung sowie bauphysikalische und statische Nachweise.

Marc Niewöhner: Entscheidend ist dabei das Material. XPS ist geschlossenzellig und nimmt daher kein Wasser auf. Wichtig bleibt aber ein diffusionsoffener Aufbau oberhalb der Dämmung. Sollte eine Platte durchfeuchtet werden, bleibt ihr Dämmwert dennoch weitgehend erhalten und sie trägt weiterhin zum Wärmeschutz bei.

Immer wieder wird über gefällelose Dächer diskutiert. Sind sie mit einer Begrünung zulässig?

Marc Niewöhner: Ja. Gefällelose Dächer gelten heute nicht mehr als Sonderkonstruktion. Entscheidend ist die Nutzung der Dachfläche und eine dauerhaft gebrauchstaugliche Abdichtung. Gerade bei Retentionsdächern bietet ein gefälleloser Aufbau Vorteile, weil Niederschläge vollständig gespeichert und kontrolliert abgeführt werden können.

Viele begrünte Umkehrdächer werden inzwischen mit Photovoltaik kombiniert. Welche Vorteile bietet das?

Marc Niewöhner: Die Energiewende findet auf dem Dach statt und das Umkehrdach bietet dafür gute Voraussetzungen. Massive Tragkonstruktionen und ballastierte Aufbauten schaffen eine stabile und brandsichere Basis für PV-Anlagen. Gleichzeitig bleibt die Abdichtung im Umkehrdach dauerhaft vor UV-Strahlung, mechanischer Belastung und extremen Temperaturwechseln geschützt. Das erhöht die Lebensdauer der gesamten Konstruktion und sichert damit die Wirtschaftlichkeit der PV-Anlage.

Dirk Baune: Aktuell ist eine entsprechende Norm, die DIN 18199, zu diesem Thema in der Erarbeitung.

Stichwort Auffeuchtung der XPS-Dämmung: Ist das heute noch ein Problem?

Das Bild zeigt eine fertig verlegte und zweilagig ausgeführte XPS-Dämmstoffebene im Umkehrdach
Foto: Miguel Antunes

Das Bild zeigt eine fertig verlegte und zweilagig ausgeführte XPS-Dämmstoffebene im Umkehrdach
Foto: Miguel Antunes
Dirk Baune: Frühere Schadensfälle waren meist die Folge fehlender oder falsch ausgeführter Dampfsperren. Wer heute regelkonform plant und ausführt, hat dieses Risiko praktisch nicht mehr.

Marc Niewöhner: XPS-Dämmplatten werden in Langzeitversuchen geprüft. Eine gewisse Wasseraufnahme ist normativ erlaubt und daraus resultiert auch die deklarierte Wärmedämmeigenschaft. Das heißt also im Umkehrschluss: Im trockenen Zustand haben die XPS-Dämmplatten bessere Lambda-Werte als ausgewiesen und bestellt.

Was sollten Planer und Ausführende beim begrünten Umkehrdach besonders beachten?

Dirk Baune: Ein begrüntes Umkehrdach ist kein Hexenwerk. Planung und Ausführung sind durch Regelwerke und Bauartgenehmigungen definiert. Wer diese einhält, erhält eine dauerhaft funktionsfähige Konstruktion.

Marc Niewöhner: Entscheidend sind sauber ausgeführte Details, diffusionsoffene Schichten und eine auf das Projekt abgestimmte Lastplanung. Dann ist das begrünte Umkehrdach eine robuste, wirtschaftliche und nachhaltige Bauweise.

Vielen Dank für das Interview.

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