Neue Dachgärten in der Hauptstadt
Im Berliner Gewerbequartier „Go West“ werden nach der Fertigstellung rund 15 000 m² Fläche landwirtschaftlich genutztIn Berlin entsteht derzeit auf dem ehemaligen Reemtsma-Areal ein neues Gewerbequartier. Nach der Fertigstellung sollen dort rund 15 000 m² Dachfläche landwirtschaftlich genutzt werden. Die Grundlage dafür bilden begrünte Retentionsdächer, die Regenwasser zurückhalten und hohe Lasten aufnehmen.
Das neue Gewerbequartier „Go West“ in Berlin-Schmargendorf, das sich derzeit im Bau befindet, knüpft an die Tradition der Berliner Gewerbehöfe des 19. Jahrhunderts an und übersetzt deren Prinzip in ein modernes Konzept: Nach seiner Fertigstellung soll das Quartier Platz für Büros, Handwerksbetriebe, Kultur- und Gastronomieangebote sowie urbane Produktion bieten. Statt eines reinen Bürostandorts soll ein lebendiges Stadtviertel entstehen.
Die Baufelder 6 und 7 des Neubauquartiers an der Forckenbeckstraße in Berlin-Schmargendorf in der Bauzeit. Rechts im Bild ist das Baufeld 11 zu sehen, auf dem bereits ein Rechenzentrum fertiggestellt wurde
Foto: Jackon Insulation by Bewi
„Wir wollten kein Büroviertel schaffen, das nach 18 Uhr verwaist ist“, sagt Architekt Christian Jörder, einer der Geschäftsführer des verantwortlichen Planungsbüros CKSA GmbH aus Berlin. Das städtebauliche Konzept des Quartiers „Go West“ sieht zwölf Baufelder auf einer Bruttogrundfläche von insgesamt 240 000 m² vor. Jeder Block ist dabei in vier Häuser gegliedert, die unterschiedliche Flächengrößen und flexible Nutzungen ermöglichen.
Landwirtschaftlich genutzte Dachflächen
Was das Projekt „Go West“ von anderen Neubauprojekten unterscheidet, zeigt sich vor allem auf den Dachflächen: Diese werden nicht nur begrünt, sondern als eigene Nutzungsebene geplant.
So soll es nach der Fertigstellung aussehen: Visualisierung des ersten Bauabschnitts des Quartiers „Go West“ an der Forckenbeckstraße in Berlin
Abb.: CKSA GmbH
Dabei sollen über alle Baufelder hinweg rund 15 000 m² Dachfläche für urbane Landwirtschaft genutzt und professionell bewirtschaftet werden. Sie sollen künftig Obst, Gemüse und auch Honig für die Nutzerinnen und Nutzer des Quartiers liefern. Die Grundlage dafür bilden begrünte, als Umkehrdächer ausgeführte Retentionsdächer, die Regenwasser zurückhalten und dauerhaft hohe Lasten aufnehmen können. Für die Dachbegrünung haben die Landschaftsplaner der Planwerkstatt Haas-Wohlfarth ein eigenes, an den Dachaufbau angepasstes Begrünungskonzept mit gebietsheimischen Pflanzen entwickelt. Ergänzt werden die begrünten Dachflächen durch aufgeständerte Photovoltaikanlagen. Dabei soll die Vegetation auf dem Dach durch ihre Verdunstungskühlung das Mikroklima verbessern und auch die Effizienz der PV-Module steigern.
Retentionsdächer speichern Wasser und verzögern Wasserabfluss
Die Flachdächer der Neubauten werden als Umkehrdächer ausgeführt. Dabei wird die XPS-Dämmung oberhalb der Dachabdichtung verlegt
Foto: Jackon Insulation by Bewi
Eine zentrale Rolle in dem neuen Wohn- und Gewerbequartier spielt der Umgang mit Regenwasser. Gerade in dicht bebauten Stadtgebieten ist die Kanalisation bei Starkregenereignissen schnell überlastet. In Berlin ist die Einleitung von Regenwasser zudem stark begrenzt. Für das Neubauquartier „Go West“ wurde deshalb ein dezentrales Wassermanagement entwickelt, das dem Prinzip der Schwammstadt folgt. Die Dachflächen übernehmen dabei eine Schlüsselrolle: Sie speichern Niederschläge, verzögern den Wasserabfluss, unterstützen durch die Verdunstung der Begrünung das Mikroklima und stellen Wasser für die Bepflanzung und landwirtschaftliche Nutzung auf dem Dach bereit. Ergänzt wird das System durch große Zisternen in den Untergeschossen.
Hohe Lasten sorgen für hohe Anforderungen
Von der Regenwasserrückhaltung über die Energieerzeugung bis zur landwirtschaftlichen Nutzung erfüllen die Dachflächen des Neubauquartiers mehrere Funktionen. Dadurch ergeben sich hohe Anforderungen an den Dachaufbau. Basierend auf einer Dachkonstruktion aus WU-Beton und einer Dachabdichtung werden die Flachdächer im Quartier als Umkehrdächer ausgeführt. Als Dämmung kommen dabei „Jackodur KF 300 Standard“-XPS-Dämmplatten von Jackon Insulation zum Einsatz. Die Platten werden oberhalb der Dachabdichtung verlegt und schützen diese unter anderem vor mechanischen Einwirkungen, starken Temperaturschwankungen und der Witterung.
Die XPS-Dämmplatten ließen sich einfach zuschneiden und an die zahlreichen Detailpunkte und Durchdringungen in der Dachfläche anpassen
Foto: Jackon Insulation by Bewi
„Wir realisieren einen Gesamtaufbau von rund einem Meter Höhe – bestehend aus 300 mm einlagiger XPS-Dämmung sowie etwa 700 mm Substrat und intensiver Begrünung“, erklärt Dachdeckermeister Lukas Plaschna von der Heinrich Dachtechnik GmbH aus Berlin. Dadurch entstehen enorme Druckbelastungen bei gleichzeitig hohen Anforderungen an die Dämmleistung. Die hohe Druckfestigkeit und Feuchtigkeitsunempfindlichkeit der hier eingesetzten XPS-Dämmplatten von Jackon Insulation war daher entscheidend. Insgesamt wurden bisher rund 8000 m² XPS-Dämmplatten in den Baufeldern 6 und 7 des Neubauquartiers verlegt. Die mit „Jackodur“-Dämmplatten versehenen Flächen in dem Neubauquartier umfassen Hauptdächer, Staffelgeschosse sowie Sockelbereiche in Innenhöfen und an Außenwänden.
Präziser Zuschnitt und geringes Gewicht
Über der Dämmung folgt das „Jackodur-Dachvlies WA“ als wasserableitende Trennlage. Darauf wird das Substrat für die spätere Begrünung aufgebracht
Foto: Jackon Insulation by Bewi
Neben der Druckfestigkeit spielte auch die Verarbeitbarkeit der Dämmplatten auf der Baustelle eine wichtige Rolle. Besonders anspruchsvoll war die Einbindung zahlreicher Detailpunkte in die Dämmebene. „Auf der Baustelle waren rund 210 Stahlstützen in die Dämmebene einzubinden. Hinzu kamen zahlreiche Ecken und Einbauteile. Die Platten ließen sich aber präzise zuschneiden und optimal anarbeiten“, berichtet Lukas Plaschna. Dabei kam ein Glühdrahtschneider für den Zuschnitt der XPS-Dämmplatten zum Einsatz. Das geringe Gewicht der Dämmplatten erleichterte zusätzlich die Logistik: „Material musste vielfach händisch oder palettenweise mit Hubwagen bewegt werden, da zum Zeitpunkt der Verlegung nur noch ein Turmdrehkran zur Verfügung stand. Das geringe Gewicht der XPS-Platten hat uns hier deutlich entlastet“, so der Dachdeckermeister.
Umkehrdach ermöglicht sortenreinen Rückbau
Der Umkehrdachaufbau birgt auch mit Blick auf einen späteren Rückbau Vorteile: Die lose auf der Abdichtung verlegten Dämmplatten können grundsätzlich besser getrennt und zurückgebaut werden als bei einer verklebten Dachkonstruktion. Das erleichtert später die sortenreine Trennung und Entsorgung.
Die Zusammenarbeit mit dem Dämmstoffhersteller Jackon Insulation lief laut Lukas Plaschna bei diesem Projekt reibungslos – von der technischen Unterstützung, etwa bei Windsogberechnungen, bis zur Lieferung und Logistikplanung. „Die Lieferungen erfolgten stets zuverlässig. Änderungswünsche wurden ohne Probleme umgesetzt und neue Planungen und Berechnungen zeitnah erstellt“, so Plaschna.
Natürliche Lüftung und konstruktiver Wärmeschutz
Auch über die Dachflächen hinaus wird im Quartier „Go West“ auf robuste und langlebige bauliche Lösungen gesetzt. Statt stark technisierter Fassaden- und Lüftungssysteme sowie Klimatisierung setzt das Quartier unter anderem auf massive Außenwände, natürliche Fensterlüftung und einen konstruktiven sommerlichen Wärmeschutz durch tiefe Fensterlaibungen.
Visualisierung des Quartiers „Go West“ aus der Vogelperspektive aus Richtung Südwesten: Die Fertigstellung des Gewerbequartiers ist für das Jahr 2028 geplant
Abb: CKSA GmbH
Dieser Grundgedanke setzt sich im Dachaufbau fort: Die Umkehrdachkonstruktion schafft eine belastbare, feuchtigkeitsunempfindliche und langlebige Grundlage für eine Dachnutzung, die weit über klassische Begrünungen hinausgeht. Nach seiner Fertigstellung im Jahr 2028 soll das Quartier „Go West“ zeigen, wie Flachdächer im urbanen Raum zu multifunktionalen Nutzflächen werden.
Dipl.-Ing. (FH) Tino Dannenberg ist Produktmanager bei der Firma Jackon Insulation by Bewi.
Bautafel (Auswahl)
Projekt Neubau des Gewerbequartiers „Go West“ in Berlin-Schmargendorf auf 12 Baufeldern
mit jeweils etwa 25 000 m² Fläche
Größe des Gesamtareals etwa 7,4 ha
Nutzfläche etwa 240 000 m² Bruttogeschossfläche
Fertigstellung geplant für 2028
Projektverantwortliche Die Wohnkompanie Berlin (www.wohnkompanie.de) und Gustav-Zech-Stiftung
Entwurf/Gestaltung CKSA GmbH, Berlin,
www.cksa.de
Dacharbeiten Heinrich Dachtechnik GmbH, Berlin, www.dachheinrich.de
