Solare Zukunft als Wettkampf

Der Solar Decathlon Europe fand in diesem Jahr in Versailles in Frankreich statt. Angetreten waren 20 studentische Teams aus Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika. Das Wohngebäude „RhOME for denCity“ siegte in der Gesamtwertung, interessante Lösungen – auch preisgekrönt – gab es aber auch von weiteren Teams.

Mit „RhOME for den City“ errang die studentische Mannschaft aus Italien den Titel für das beste, ausschließlich mit Sonnenenergie versorgte Wohnhaus beim Solar Decathlon Europe 2014. Bei dem interdisziplinären Studentenwettbewerb stellten sich die 20 Teams in einem zweiwöchigen Testbetrieb in zehn Disziplinen der Fachjury.

Antworten auf städtebauliche und soziale Fragen

Verdichtung und Ressourcenschutz – das waren die Hauptthemen beim 3. Solar Decathlon Europe. Jedes Hochschulteam war aufgefordert mit dem Entwurf für ein privates Wohnhaus Antworten auf die drängenden städtebaulichen, sozialen und ökologischen Probleme in den jeweiligen Herkunftsländern zu formulieren. „RhOME for denCity“ ist das 60 m2 große Dachgeschoss eines Mehrfamilien-Wohnungsbaus aus Holz, das dank intelligenter Planung und Gebäudetechnik mehr Strom produziert, als es verbraucht. Dazu ist auf dem Dach und an der Fassade des Prototyps eine bewegliche Photovoltaikanlage aufgesetzt, die gleichzeitig zur Verschattung der Süd-Terrasse dient.

Zusammen mit den Studentinnen und Studenten der Universität Roma Tre aus Rom beteiligte sich der Kooperationspartner Rubner Holzbau mit seinem Know-how an dem Projekthaus „RhOME for denCity“. Ingenieure von Rubner haben mit der eigenen For­­schungs- und Entwicklungsabteilung den Prototypen mitentwickelt.

Gerade der Hitzeschutz ist in den südlicheren Breitengraden eine große Herausforderung, will man auf die üblichen Klimaanlagen verzichten. Die vorgefertigten Holzelemente für Wand und Dach wurden mit einer Holzfaserdämmung (Hersteller Homatherm) versehen. Während das asymmetrische Satteldach komplett mit einer Lage 240 mm dicker flexibler Dämmmatten plus 80 mm druckfester Dämmplatten gedämmt wurde, ist die rot verputzte Eingangsfassade mit einem Wärmedämm-Verbundsystem (ebenfalls von Homatherm) bestückt. Auch hier und hinter der Lärchenholzverschalung dämmt ein 320 mm dickes Dämmpaket aus nachwachsenden Rohstoffen und schützt so neben Wärmeverlusten und Schallübertrag auch vor übermäßigem Aufheizen.

Im Frühjahr wurde der Bau innerhalb von nur zwei Monaten bei Rubner Holzbau in Kiens im Pustertal montiert. Im Juni wurde er per Eisenbahn nach Versailles transportiert und für die zweiwöchige Ausstellung wieder aufgebaut.

Bewertungsmaßstäbe

Schwerpunkte der Bewertung beim Solar Decathlon sind die Architektur und damit die Ästhetik, die Idee und die architektonische Integration der Technologien. Die Gebäudehülle und die Gebäudetechnik werden nach Funktionalität, Effizienz, Innovation, Robustheit und Ökonomie bewertet. Eine große Rolle in der Bewertung spielen auch die Marktfähigkeit, die ­Öffentlichkeitsarbeit, die technische Ausstattung und die Produktion von Warmwasser. Jedes Haus soll simulieren, dass es Strom und Warmwasser selbständig produzieren kann.

Reihenhaus mit Glasvorhang

Den dritten Platz in dem Wettkampf sicherte sich die TU Delft. Es galt zu beweisen, dass alte Wohnhäuser mit verhältnismäßig geringem Aufwand energieneutral umgebaut werden können. Das Projekt „Prêt-à-Loger“ erhielt zudem den ersten Preis in der Kategorie Nachhaltigkeit.

Die Jury bewertete das Haus so: „Das Projekt verbessert nicht nur die Energieeffizienz, sondern ermöglicht den Bewohnern auch, in ihren Häusern zu bleiben und vermeidet damit sowohl den Verlust materieller Ressourcen als auch sozialen Kapitals, das über Generationen aufgebaut wurde. Ganz besonders zeichnet dieses Projekt aus, dass es für einen Teil der 1,4 Millionen Häuser in den Niederlanden eine praxisnahe und erschwingliche Lösung aufzeigt, die sogar eine Signalwirkung auf den gesamten europäischen Siedlungsbau haben könnte.“

Für ihren Prototypen hatte die TU Delft auf dem Wettbewerbsgelände in Versailles ein klinkerverkleidetes Sechzigerjahre-Haus rekonstruiert. Sechs von zehn Niederländern leben in vergleichbaren Altbauten: Sie sind schlecht isoliert, dunkel und für heutige Ansprüche nicht geräumig genug. Die Studenten erweiterten das typisch niederländische Reihenhaus mit einem giebelhohen Glashaus – bestückt mit Photovoltaikmodulen – und brachten es zugleich in einen energetischen Topzustand. Gepuffert wird die Wärme durch eine aufklappbare Glasfront. Bei Sonne lässt sich die Faltwand leicht öffnen, bei Kälte wird der Raum dahinter zum Wohnraum. Die Firma Solarlux steuerte zum gläsernen Klimapuffer eine fünfflügelige Glas-Faltwand bei, die sich über die komplette Breite öffnen lässt. Mehr Informationen zu „Prêt-à-Loger“ gibt es unter folgendem Video: https://www.youtube.com/

watch?v=z8gBXMrDHW0

Darmstädter entwicklen Dorf im Haus

Unter dem Titel „Cubity“ und der Leitfrage „Wie sollten Studenten zukünftig leben?“ entwickelten für den Solar Decathlon 35 Darmstädter Studentinnen und Studenten ein zukunftsfähiges Wohnmodul. Dem Gesamtkonzept lag die Idee von einem „Dorf im Haus“ zugrunde. Das Gebäude besteht aus zwölf Wohnkuben, die als Privaträume und offenen Gemeinschaftsflächen genutzt werden. Der gemeinschaftliche Raum besteht aus Marktplatz, Küchenzone, Empore sowie Terrassen und kann von den Bewohnern – den verschiedenen Alltagssituationen ent­­sprechend – bespielt werden. Vorgaben wie die Grundfläche von 16 x 16 m und die Transportfähigkeit der Module per Lkw mussten in der Planung ebenso bedacht werden wie eine geringe Kostenentwicklung, der Plusenergiestandard des Hauses und eine Umsetzung, die den Bedürfnissen des studentischen Wohnens gerecht wird. Die Außenhülle des Gebäudes, das als Studentenwohnheim genutzt werden soll, besteht aus Polycarbonatstegplatten, die über Querriegel aus Brettschichtholz am Tragwerk aus V-förmig angeordneten Brettschichtholzstützen befestigt sind. Das Dach besteht aus einer Brettstapeldecke (Warmdachaufbau) und ruht auf Brettschichtholzbindern. Insgesamt sechs Sattel-Lichtband-Module des Herstellers Velux mit fünf Grad Neigungswinkel bringen viel Licht in den „Marktplatz“ im Haus. Sie dienen zudem der Abfuhr der erwärmten Abluft. Der vor­gefertigte horizontale Träger für die Montage der Sattel-Lichtbänder bietet eine elegante Lösung für große Stützweiten. Das viele Tageslicht und der einzigartige Blick in den Himmel sollen sich – so die Hoffnung der Planer – positiv auf das Wohlbefinden und die Kreativität der Studenten auswirken. Für ein ausgeglichenes Innenraumklima lassen sich einzelne Module öffnen und sorgen somit für regelmäßigen Luftaustausch.

Material-Re-Using statt Abbau

Nach Abschluss des Solar Decathlon Ende Juli 2014 werden die Wohnmodule demontiert und im Herbst 2014 als Wohnkomplex für zwölf Studierende auf dem Campus „Lichtwiese“ der TU Darmstadt wieder aufgebaut. In Zusammenarbeit mit der Humboldt Universität Berlin ist ein 24-monatiges soziologisches Monitoring geplant, das Auskunft über das Wohnwohlbefinden der Bewohner und deren Interaktion miteinander, Gebäude, Technik sowie Umgebung geben soll.

Autor

Rüdiger Sinn ist verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift dach+holzbau.

Der Wettbewerb soll Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen des Bauens geben

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