Die Natur kennt keine Abfälle

„Cradle to Cradle“ (C2C) heißt übersetzt „von der Wiege bis zur Wiege“. Im Gegensatz zum Ansatz des „cradle to grave“ entstehen hier keine unverwertbaren Abfallstoffe mehr. C2C ist im besten Fall ein ewiger Stoffkreislauf, der anderen Stoffen Nahrung zum Leben gibt. Das Prinzip findet auch in der Bauwirtschaft Verwendung.

Michael Braungart steht bei einem seiner vielen Auftritte auf der Bühne und erzählt den Zuhörern etwas über Umweltschutz. „Wenn Sie etwas für die Umwelt tun möchten, dann fahren Sie mit dem Aufzug“, sagt er fast beiläufig und klärt auf, „denn wenn Sie die Treppe nehmen, verbrauchen Sie mehr Kalorien.“ Das Publikum schwankt zwischen verdruckstem Lachen, Nachdenken und Verwirrung. Mit zahlreichen anderen – bisweilen überzogenen – Beispielen schlägt er in die gleiche Kerbe, um seine Mission voranzubringen. Die heißt „Cradle to Cradle“ (C2C).

In der Zuspitzung liegt bekanntlich ein rhetorischer Kniff, um Dinge zu verdeutlichen. Das wiederum gelingt dem Chemiker Braungart, der jahrelang für Greenpeace gearbeitet hat. Seine Botschaft ist einfach: Wir optimieren die Dinge am falschen Ende. Mit einem Beispiel zeigt er das: „Ein Druckerhersteller bringt einen neuen Drucker auf den Markt und ich frage den Hersteller: ´Kann ich das Papier, das aus dem Drucker rauskommt, auf den Kompost schmeißen?´ Er antwortet: ´Ich habe einen neuen Drucker, der ist doppelt so schnell und verbraucht 20 Prozent weniger Energie.´ Ich hake nach und frage, ob ich das Papier in meinem Ofen verbrennen kann und die Asche in den Garten verteilen, ohne dass es schädlich ist. Und der Hersteller sagt ´Nein´. Da sage ich, dieser Hersteller hat an der falschen Stelle optimiert.“ Denn besser sei es ja wohl, auf ein Papier und auf eine Tinte ohne Schadstoffe zu setzen als etwas weniger zu tun. „Wenn wir Energie einsparen, machen wir etwas weniger, aber es ist damit trotzdem noch nicht gut“, sagt Michael Braungart. Es gäbe Unternehmen, die hier schon weiter sind. Die Firma Gugler aus Österreich setzt zum Beispiel auf unschädliche Druckerzeugnisse. So kann das Produkt – Papier und Tinte – am Ende seines Produktzyklus  komplett dem Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden und landet wieder als Nährstoff auf dem Kompost (siehe hierzu auch die Linkliste am Ende des Beitrags).

Weniger Mensch = weniger Müll!?

Braungart spricht von „Schuldmanagement“, und davon, dass Schuld und Negationen unser Leben bestimmen. „Aus dem Schuldgedanken kommt der Ansatz, alles weniger zu machen. Weniger Energieverbrauch, weniger Müll, weniger Mensch. Am besten ist es, wir wären gar nicht da“, sagt Braungart augenzwinkernd. Das aber sei der falsche Ansatz. Der richtige wäre, die Dinge so zu produzieren, dass sie sich wieder komplett und ohne giftige Rückstände in die Kreisläufe integrieren lassen. Denn wenn sich alle Rückstände positiv in der Natur bemerkbar machen, dann spielt es keine Rolle, wie viel Müll wir produzieren. Frei nach dem Motto „jeder Mist ist Dünger“ wird alles verwertet. Nach dieser Denkweise spielt es somit auch keine Rolle, wie viel Menschen auf der Erde leben.

Und das ist eine der wichtigsten Botschaften von Braungart: „Wir sind nicht zu viele Menschen auf der Welt.“ Mit einem Vergleich macht er das deutlich: Das Gewicht aller Ameisen auf der Welt ist etwa 4 Mal höher als das Gewicht aller Menschen. Sie entsprechen in ihrer Biomasse also etwa 30 Milliarden Menschen. „Das heißt, die Ameisen sind mehr als wir, sie unterscheiden sich aber von uns, weil sie keinen Müll machen“, sagt Braungart. Daraus folgert er, dass wir auf der Welt ein – wie er sagt – „Designproblem“ haben. „Wir designen Kleidung, Spielzeug und die meisten andere Dinge derzeit so, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus Müll sind, wir bringen hochgiftige Chemikalien in Kunststoffe ein, die eigentlich Sondermüll sind und lassen unsere Kinder damit spielen“, referiert Braungart. Würden wir Stoffe verwenden, die sich in den Wertstoffkreislauf zurückführen ließen, dann würden wir am Ende der Lebensspanne Nährstoffe erzeugen und dann gäbe es das Problem des „zu viel“ gar nicht.

Braungarts Fazit (in zahlreichen Internetvideos seiner Vorträge abrufbar) lautet deshalb: „Wir brauchen uns nicht dafür zu entschuldigen, dass wir auf der Welt sind, wir können uns allerdings dafür entschuldigen, dass wir so blöd sind, uns nicht richtig zu verhalten!“

C2C in der Architektur

Lange schon arbeitet der Chemiker Braungart mit dem amerikanischen Architekten William McDonough zusammen. „In einem C2C-Gebäude setzt man Baustoffe so ein, dass sie zum Nutzen des Gebäudes und dessen Bewohner werden“, sagt McDonough. Ein Baum zum Beispiel sei eine wunderbare Inspiration für ein tolles Design. „Die Idee, ein Gebäude so wie einen Baum zu gestalten, heißt, ein Gebäude zu entwerfen, das Sauerstoff produziert, Wasser reinigt, Sonnenenergie nutzt – C2C in der Architektur bedeutet, dass ein Gebäude für viele Generationen entworfen wird. Das Gebäude kann sich im Laufe der Zeit verändern und muss nicht abgerissen werden. Auch das Innenleben ist nach C2C-Kriterien gestaltet – es werden die Fenster und auch Teppiche an die Hersteller zurückgegeben, wenn sie kaputt oder abgenutzt sind.

Eine Art Leihsystem soll so etabliert werden und damit soll C2C auch die heutige Art und Weise der industriellen Produktion verändern. Im besten Fall schließen sich Unternehmen, Wissenschaft und Menschen zusammen, um gemeinsam Produkte (oder Bestandteile von Produkten) zu entwickeln und um Forschung zu betreiben. Das besondere Augenmerk liegt dann auf der gemeinsamen Nutzung von Materialien.

Das EPEA-Institut (Environmental Protection Encouragement Agency), das Michael Braun-gart gegründet hat, verfolgt genau dieses Ziel, nämlich eine Materialbank aufzubauen. Diese Materialbank enthält technische Chemikalien und Materialien (EPEA spricht von Nährstoffen). Sie reicht die Substanzen im Leasingverfahren an teilnehmende Unternehmen weiter, die sie wiederum in Produkte umwandeln. Nach einem festgelegten Nutzungszeitraum wird das Material eingesammelt und an die Materialbank zurückgegeben. Das ganze nennt sich dann intelligentes Material Pooling (IMP).

Nährstoffkreisläufe beim C2C-Prinzip

Das EPEA-Institut unterscheidet Biomasse und Industriemasse, also biologische und technische Nährstoffe. Intelligentes Produzieren bedeutet, dass alle Materialien sicher innerhalb eines Stoffwechselkreislaufs (Metabolismus) – dem biologischen oder dem technischen – zirkulieren können. Beim biologischen Kreislauf (zum Beispiel Kompost) werden sämtliche Materialien von Mikroorganismen zu Nährstoffen zersetzt und werden wieder zu Nährboden.

Der technische Metabolismus besteht aus künstlich gestalteten Materialströmen. Die Idee ist, industrielle Masse auf beständigem Qualitätsniveau in geschlossenen Systemen zirkulieren zu lassen. Die Geschlossenheit des Systems ist dann auch Grundvoraussetzung für die mögliche Verwendung toxischer Stoffe. Diese sind für einige Produkte wie zum Beispiel Isolierfenster bisher unersetzlich. Die Idee ist, die Produkte und Materialien in diesem Kreislauf als Gebrauchsgüter zu deklarieren. So wird eine Waschmaschine nicht mehr gekauft, sondern deren Dienstleistung gegen eine Gebühr genutzt. Ebenso funktioniert das mit Fenstern, die nach einer Nutzungsdauer von 25 Jahren wieder an den Hersteller zurückgegeben werden. Der Vorteil: Eventuell schädliche Bestandteile bleiben im Kreislauf, zudem wird der Hersteller höherwertige Materialien einsetzen, die er später zur Wiederverwendung zurückgewinnen kann.

Gebäude, die der Umwelt nutzen

Aber sind das alles Hirngespinste? Mitnichten, das C2C-Prinzip steckt zwar auf breiter Ebene noch in den Kinderschuhen, wird aber schon in der Bauindustrie und der Architektur gelebt. „Gebäude zu bauen, die der Umwelt nutzen, anstatt zu versuchen, die Schädlichkeit in Teilbereichen zu reduzieren“ ist eine der Thesen, die das Umdenken in der Architektur beschreibt. Beispiele für Bauprodukte gibt es bereits: Die Holzbaustoffe des Unternehmens Thoma Holz aus Österreich (Holz100 – gedübelte Brettstapeldecken ohne Leim) sind C2C zertifiziert, und in der Nähe des Rotterdamer Flughafens Schiphol ist nach dem C2C-Prinzip der Gewerbepark 20|20 entstanden. Ziel war es hier, eine saubere und inspirative Arbeitsumwelt zu erschaffen. Alle Bestandteile (Landschaftsgestaltung, energieoptimierte Architektur, Versorgung mit „sauberem“ Strom, zentrales Wasser- und Abwasser-Management) erfüllen die C2C-Kriterien. So wurde eben nicht nur Energie eingespart, sondern Materialien ausgewählt, die auf Wiederverwendung überprüft wurden, wo also schon an eine nächste Nutzung gedacht wurde. All diese Materialien sind nach dem „Cradle to Cradle“-Prinzip zertifiziert.

Auf dem Gewerbepark entstehen nun nach und nach Gebäude, die das Gelände bis zum Jahr 2020 mit Leben füllen sollen. Das Projekt scheint zu funktionieren und Michael Braungarts Vision von einer Welt ohne Abfall geht dort auf. Wir berichten in der Rubrik „Dach“ mit der Baustelle des Monats über ein dort fertig gestelltes Bauprojekt. Wie schnell sich die Vision zu einem Leitsatz entwickelt, hängt auch damit zusammen, wie groß das Interesse der Gesellschaft nach einer gesunden und lebenswerten Umwelt ist und wie die politischen Rahmenbedingungen sind. Politisch hinkt Deutschland hier laut Braungart hinterher. Die Niederlande dagegen, das zeigt auch das Projekt „Park 20|20“, sind schon viele Schritte voraus.

Autor

Rüdiger Sinn ist verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift dach+holzbau.

Linkliste zum Thema „Cradle to Cradle“

Gugler – Druckerzeugnisse ohne Abfall:  http://www.youtube.com/watch?v=urGAIxTj3Dw Film: Nie mehr Müll – Leben ohne Abfall: http://www.youtube.com/watch?v=4YLNbhglD5MEPEA-Institut: www.epea-hamburg.org

„Es ist kein Problem, dass wir zu viele sind, das Problem ist, dass wir zu blöd sind“

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