Vom Stall zum neuen Wohnraum
Umbau eines Wohn- und Stallgebäudes in Ladbergen mit Einbau von vier Dachfeldern aus jeweils zehn DachfensternIm Zuge des Umbaus eines alten Wohn- und Stallgebäudes in Ladbergen wurden in das fast 1000 m2 große Dach über 50 Dachfenster eingebaut – der Großteil davon ist in vier Feldern mit jeweils zehn Fenstern angeordnet, durch die Tageslicht wie in einem Atrium ins Haus fällt.
Simon Andreae hat seinen Job als Pilot an den Nagel gehängt. Stattdessen widmet er sich nun ganz dem Umbau einer Hofstelle in Ladbergen, das zwischen Osnabrück und Münster liegt. Vor dreieinhalb Jahren hat er den Hof von Angelika Maneke-Fiegenbaum gekauft, einer Nachfahrin der Familie Maneke, unter deren Namen die Hofstelle im Jahr 852 erstmals erwähnt wurde.
Das Wohn- und Stallgebäude in Ladbergen vor Beginn der Umbauarbeiten
Foto: Simon Andreae
Das Bauteam wächst
Das Wohn- und Stallgebäude in Ladbergen wurde allerdings erst 1922 erbaut. Die landwirtschaftliche Nutzung des Hofes wurde 2020 aufgegeben, der Umbau begann im September 2022. „So einen Umbau kann man nicht alleine schaffen“, meint Bauherr Simon Andreae. Er holte sich zunächst Verstärkung bei der Zimmerei von David Helmig aus Leipzig. David Helmig war ein ehemaliger Schulfreund des Bruders und stammt ebenfalls aus der Gegend um Ladbergen. Von Beginn an war auch Zimmerermeister Jannik Hoppe aus dem gleichen Betrieb mit dabei. „Die Zimmerer waren von Anfang an begeistert“, erinnert sich Simon Andreae. Das Objekt sei in einem so guten Zustand, dass man es erhalten müsse, aber das dauere und koste Zeit, so die Einschätzung der Zimmerer.
Blick in das dunkle Dachgeschoss des ehemaligen Stalls vor dem Umbau
Foto: Simon Andreae
Auf der Suche nach einem Architekturbüro für die Genehmigungsplanung stieß Bauherr Andreae auf das Planungsbüro Göttker & Schöfbeck aus Ostbevern (heute: Schöfbeck Architektur). Nicht nur die Baustoffe, sondern auch die am Umbau beteiligten Firmen sollten aus der Region kommen oder damit verbunden sein. Nachdem der Bauherr zunächst neun Monate damit beschäftigt war, die landwirtschaftliche Nutzung des Hofes zurückzubauen, stieß im Februar 2023 der Maurer und Lehmbauer Sebastian Gröne zum Team hinzu. Dieser stellte den Kontakt zum Stuckateur Niklas Lang und zu Lars Duve, ebenfalls Lehmbauer, her. Damit war das Bauteam vorerst komplett.
Alter und neuer Dachstuhl nebeneinander
Die Umbauarbeiten wurden in vier Bauabschnitte unterteilt: Der erste Abschnitt betraf die bereits vorhandenen Kinderzimmer im linken oberen Wohnteil, die umgebaut wurden. Im zweiten Bauabschnitt ging es um den oberen und im dritten um den unteren Teil des ehemaligen Schweinestalls. Aktuell ist das Bauteam im vierten Bauabschnitt mit dem Umbau des unteren linken Wohnteils beschäftigt.
Die alten Betondachsteine wurden vom Dach abgedeckt. Neben die alten Dachsparren setzten die Zimmerer neue Sparren mit einem Querschnitt von 6 x 24 cm
Foto: Simon Andreae
Im ersten Bauabschnitt begannen die Zimmerer im Juli 2023 mit den Arbeiten am Dachstuhl. Zuerst mussten die alten „Doppel-S“-Betondachsteine von Braas abgedeckt werden. „Dann haben wir geschaut, wie man den Dachstuhl einigermaßen gerade bekommt“, erinnert sich Simon Andreae. Neben die alte Dachkonstruktion bauten die Zimmerer einen neuen Dachstuhl, ohne den alten zu zerstören.
Bei dem Umbau der Hofstelle handelt es sich um ein Bauvorhaben im Außenbereich, außerhalb von Bebauungsplänen und Ortschaften. Das ist mit strengen Regeln verbunden, die den Erhalt der alten Konstruktion vorschreiben. „Um die Wellen aus der alten Konstruktion heraus zu bekommen, haben wir neben die alten Sparren neue Sparren mit einem Querschnitt von 6 x 24 cm gesetzt“, so Simon Andreae. Dadurch konnte die neue, 8 cm dicke Aufsparrendämmung aus Holzfaserplatten von Gutex planeben verlegt werden. Die neuen Sparren sind mit den alten über drei bis vier mit Tellerkopfschrauben befestigte Druckhölzer verbunden, sodass auch der alte Dachstuhl trägt.
Dämmarbeiten
Über den Sparren wurde eine Aufsparrendämmung aus Holzfaserplatten von Gutex verlegt
Foto: Simon Andreae
Zwischen den Sparren wurde eine 24 cm dicke Holzfaserdämmung von Steico eingefügt. „Das war sehr schwierig, da man nicht alle Hohlräume geschlossen bekommt. Nur eine neue oder nur die alte Konstruktion wäre deutlich einfacher zu dämmen gewesen. Aber der alte Dachstuhl musste erhalten bleiben, weil sich das Gebäude im Außenbereich befindet“, so der Bauherr. Für die Dämmung der obersten Geschossdecke wurde Chinaschilf (Miscanthus) verwendet, das viele Landwirte als Brennstoff für ihre Heizung und als Einstreu für Ställe nutzen. „Zum einen dämmt das Chinaschilf sehr gut und ist für Nagetiere unattraktiv. Zum anderen rieselt es in sehr viele Hohlräume hinein, an die man durch die Doppelkonstruktion aus altem und neuem Dachstuhl sehr schlecht drankommt“, sagt Simon Andreae. In den Decken befindet sich eine Trockenschüttung aus mineralisierten Holzspänen von Cemwood.
Statische Herausforderungen
Das Dach hat eine Fläche von fast 1000 m2. Die südwestliche Traufseite des Daches ist die Wetterseite. Hier drückt der Wind auf einer Fläche von etwa 500 m2 die Dachkonstruktion zur Nordwestseite. Auf dieser Seite wurden vier Dachfelder mit je zehn Dachfenstern von Velux eingebaut. Weil die Dachlast über den Fenstern nach oben abgefangen werden muss, ließ der Statiker zwischen die Sparren Leimbinder aus Brettschichtholz als Wechsel einbauen. Dasselbe gilt für den Bereich unter den Fenstern.
Die vier Dachfelder für jeweils zehn Dachfenster bestehen aus großen Rahmen und Wechseln aus Leimholzbindern
Foto: Simon Andreae
Da diese Binder aber auch durch seitlichen Druck erheblich belastet werden, verformten sie sich teilweise. Das hatte zur Folge, dass sich auch die Dämm- und Montagerahmen der Dachfenster verformten. Die Fenster wurden dadurch zwar nicht beschädigt, dennoch sollte die Verformung der Wechselhölzer und Fensterrahmen künftig vermieden werden. Daher bauten die Zimmerer zusätzlich zu den bereits montierten Leimholzbindern weitere Binder im 90-Grad-Winkel ein, damit es zu keinen Verformungen mehr kommt.
Einbau der Dachfenster
In die eingebauten Montagerahmen setzten die Handwerker mithilfe eines Krans die Dachfenster ein. Durch ihre Dreifachverglasung erreichen die Dachfenster ein erhebliches Gewicht, was bei der Montage von über 50 Dachfenstern körperlich sehr anspruchsvoll werden kann. „Clever ist, dass Velux Kranhilfen hat. Damit kann man die Fenster ohne Kraftaufwand einsetzen“, meint Simon Andreae. Diese Hebevorrichtungen ermöglichen es, Dachfenster mit einem Gewicht von bis zu 120 kg per Kran auf das Dach zu befördern. Sie werden rechts und links am Blendrahmen des Fensters fixiert. Metallhaken greifen von unten in die Nut des Blendrahmens und werden oberhalb mit einem Schnellspanner festgezogen. Danach wird auf beiden Seiten ein Hebeband mit Haken oder Schäkel und Sicherheitsbolzen befestigt. Nach dem Lösen der Hebebänder ist die Vorrichtung schnell wieder demontiert.
Nach dem Umbau gelangt durch die vier Dachfelder mit jeweils zehn Dachfenstern auf der Nordwestseite viel Tageslicht ins Haus
Foto: Thomas Wieckhorst
Durch die vier Dachfelder mit jeweils zehn Fenstern gelangt so viel Tageslicht ins Haus, dass man sich wie in einem Atrium fühlt. Dieser Raum unter dem Dach wird allerdings nicht beheizt. Daher ist der Wohn- und Essbereich im Erdgeschoss durch eine Glas-Hebe-Schiebetür vom Rest des Raumes abgetrennt. Die Neudeckung der Dachfläche erfolgte wieder mit „Doppel-S“-Betondachsteinen von Braas. Auf der schon vorhandenen Unterkonstruktion der alten PV-Anlage wurden neue PV-Module montiert.
Innendämmung mit Lehmputz
Für die Giebelwände wurden Holzfenster in historischer Teilung angefertigt. Die südwestliche Giebelwand erhielt eine Innendämmung aus 8 cm dicken Holzfaserplatten und wurde mit Lehm verputzt, die Wandflächenheizung ist darin eingebettet. Gleiches gilt für die beiden Traufwände. An der südöstlichen Giebelwand blieb das alte Fachwerk von außen sichtbar erhalten. Allerdings musste aus statischen Gründen innen eine neue Kalksandsteinwand aufgemauert werden, die die Mittelpfetten trägt. Der Raum zwischen der alten Fachwerkwand und der neuen Kalksandsteinwand wurde mit Perlite gedämmt. Zusätzlich erhielt die Kalksandsteinwand ebenfalls eine 8 cm dicke Innendämmung aus Holzfaserplatten und einen Lehmputz. Den Abschluss bildet auch hier ein weißer Lehmoberputz von Conluto.
Natürliche Baustoffe und viel Tageslicht
Die zahlreichen Dachfenster machen aus einem Teil des ehemaligen Stalls ein über zwei Geschosse lichtdurchflutetes Atrium
Foto: Thomas Wieckhorst
Sowohl bei den Baubeteiligten als auch bei den Baustoffen legte Bauherr Simon Andreae viel Wert auf Regionalität. „Wir haben darauf geachtet, Baustoffe, wenn möglich, aus der Region zu bekommen“, sagt Andreae. Dazu gehört das Chinaschilf, das neben Holzspänen und Holzfasern sowie Lehm den ökologischen Anspruch des Bauherrn deutlich macht. Zu den verwendeten, natürlichen Baustoffen passt gut das viele Tageslicht, das durch die Dachfenster ins Haus fällt. So entsteht insgesamt ein gesundes Raumklima im Wohn- und ehemaligen Stallgebäude in Ladbergen.
Autor
Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschrift bauhandwerk.
Baubeteiligte (Auswahl)
Bauherr Simon Andreae, Ladbergen
Architekt Schöfbeck Architektur, ehemals Planungsbüro Göttker & Schöfbeck, Ostbevern,
Holzbau- und Dachdeckerarbeiten Zimmerei David Helmig, David Helmig und Jannik Hoppe, Leipzig
Maurerarbeiten TW Bau, Hendrik Thesing und Felix Wittkopp, Nottuln, www.twbau.com; Sebastian Gröne, Brochterbeck
Putz- und Stuckarbeiten Niklas Lang, Lienen; Sebastian Gröne, Brochterbeck und Lars Duve, Münster
