Zwischen Dachstuhl und Organigramm
Unternehmensporträt über die von Geyso Holzbau GmbH & Co. KG in WietzendorfOb extravagante Currywurstbuden, Carports oder schlüsselfertige Wohnhäuser: Christoph von Geyso hat Vieles im Portfolio, sogar eine eigene Telefonschleifen-Wartemelodie. Für den selbstbewussten Zimmerermeister aus Wietzendorf im Heidekreis ist „Hindernis“ ein Fremdwort und „KI“ ein Zauberwort.
Nachdem er seine Ausbildung zum Zimmerer abgeschlossen und das Fachabitur gemacht hatte, begann Christoph von Geyso ein Studium des Bauingenieurwesens. Schon während des Studiums arbeitete er nebenbei handwerklich und machte sich 2015 mit seinem Betrieb selbstständig
Foto: von Geyso Holzbau GmbH & Co. KG
Der erste Schritt ins Berufsleben war für Christoph von Geyso ein Praktikum bei einem Verwandten, anschließend folgte direkt die Ausbildung zum Zimmerer. Im Anschluss besuchte er die Fachoberschule und machte sein Fachabitur. Danach ging es an die Hochschule: Drei Jahre studierte von Geyso Bauingenieurwesen und vertiefte sich in Statik, um schließlich festzustellen, dass der Schreibtisch als Arbeitsplatz einfach nicht sein Ding ist. Er brach das Studium ab und absolvierte direkt im Anschluss die Meisterschule, um sich zum Zimmerermeister weiterzubilden. Während des Studiums hatte er bereits handwerklich gearbeitet und dafür ein Gewerbe angemeldet. „Ich hatte viel zu tun, obwohl es nur ein Nebenjob war und dann wurde es immer mehr. Also habe ich mich dann schließlich selbständig gemacht“, sagt von Geyso. „Ich dachte: wenn es schiefgeht, kann ich mich ja immer noch anstellen lassen.“ Eine pragmatische Haltung, die seinen weiteren Weg prägen sollte. Rund anderthalb Jahre später stellte er seinen ersten Mitarbeiter ein. Die Buchhaltung übernahm zunächst sein Onkel, unterstützt wurde von Geyso außerdem von einem befreundeten Landwirt. Seinen Betrieb startete er in einer Scheune, mit Maschinen und Werkzeuglager. Inzwischen befindet sich der Firmensitz in Wietzendorf im Heidekreis. Die größten Herausforderungen auf dem Weg in die Selbständigkeit? „Es gab keine Challenge“, sagt von Geyso und lacht.
Mit wenigen Maßnahmen zum guten Betriebsklima
Das Team der Firma von Geyso Holzbau umfasst 22 Mitarbeitende. Das Leistungsspektrum der Zimmerei aus Wietzendorf reicht von der energetischen Dachsanierung bis zum Neubau und der Modernisierung von Gebäuden
Foto: von Geyso Holzbau GmbH & Co. KG
Mit dem Firmenwachstum kamen neue Aufgaben und damit auch neue Erkenntnisse. Gerade das vergangene Jahr habe ihn personell viel gelehrt. Denn auf dem Papier könne ein Bewerber überzeugend sein. Auf der Baustelle zeige sich dann, ob es wirklich passe. „Die Leute können sich am Anfang gut präsentieren, aber danach lässt die Qualität ihrer Arbeit auch nach“, so die Erfahrung des Betriebsinhabers. „Es gibt außerdem immer mal einen Querschläger, der die Stimmung im Team vermiest. Die bleiben natürlich auch nicht lange im Betrieb“, erklärt von Geyso. Zu den Zutaten für ein gutes Betriebsklima zählen aus seiner Sicht, neben regelmäßigen Meetings, Grillevents und Mitspracherecht bei der Firmengestaltung auch gemeinsame Ausflüge mit dem Team. Dazu zählen etwa ein Besuch der Messe Dach+Holz in Köln in diesem Jahr oder ein Firmenevent in Hamburg anlässlich des zehnjährigen Bestehens.
Unternehmenswerte und Organigramme
Die Strukturen hinter den Kulissen hat Christoph von Geyso gemeinsam mit einem Unternehmensberater entwickelt. Der Anlass war zunächst ein anderer: zu viel Stress, zu viele Entscheidungen, zu viel Verantwortung. Gemeinsam mit dem Berater entstanden Unternehmenswerte, Organigramme zur Personalstruktur und Stellenbeschreibungen. Auch die Hierarchie wurde neu gedacht: Jeder soll sich einbringen können. Heute kümmern sich beispielsweise drei Mitarbeiter ausschließlich um Angebote, die Kolonnenplanung und das Management.
Digitale Unterstützung
Der Holzbaubetrieb hat seine Lager- und Werkshalle in einer ehemaligen Reithalle eingerichtet, die für diesen Zweck umgebaut wurde
Foto: von Geyso Holzbau GmbH & Co. KG
Auch bei der Digitalisierung ging der Betrieb analytisch vor. Zunächst wurde der eigene Arbeitsprozess vom ersten Kundenkontakt bis zur Gewährleistung betrachtet. Anschließend wurden verschiedene Softwarelösungen getestet, die den Workflow automatisieren sollen. Eine individuelle Programmierung wäre zu teuer gewesen. Nach etwa vier Monaten und sieben verschiedenen Programmen wurde schließlich mit der Software „Hero“ die passende Lösung gefunden: Anfragen werden vom Programm automatisiert erfasst, Angebote vorbereitet und direkt ein Projektordner erstellt. Dadurch bleiben Mails mit Anfragen nicht im Postfach liegen, sondern werden zum Vorgang, mit dem weitergearbeitet werden kann. Der eigentliche Vorteil der Software liegt jedoch in der Abbildung der Prozesse im Betrieb: der Erstkontakt, das Aufmaß, die Angebotsverfolgung und Wiedervorlage gehören ebenso dazu wie die Lieferung, der Einkauf, die Rechnung, Reklamation und Gewährleistung. Auch Zeiterfassung, Stundenzettel und Dokumentationen laufen über das System. Christoph von Geysos Empfehlung an andere Unternehmer:innen fällt entsprechend eindeutig aus: Unternehmensberatung nutzen, Prozesse hinterfragen und sich Unterstützung holen. Eines Tages kam die Idee einer individuellen Telefonschleifen-Wartemelodie für seinen Betrieb auf. Doch einen Auftrag an jemanden aus dem Sounddesign zu vergeben, war ihm angesichts des damit verbundenen, hohen Honorars und zahlreichen Vorgaben zur Nutzung zu teuer und umständlich. So gerne von Geyso delegiert und sich Expertise von außen holt, so beherzt griff er schließlich zur KI-Lösung: „Das dauerte zehn Minuten und dann war die Warteschleifenmelodie fertig. Gekostet hat es mich fast nichts.“
Vom Dach bis zum kompletten Holzhaus
Ein Schwerpunkt des Betriebs ist der Holzrahmenbau. Zur Vorfertigung von Holzrahmenwänden verwendet die Zimmerei unter anderem Stegträger
Foto: von Geyso Holzbau GmbH & Co. KG
Das Leistungsspektrum des Betriebs reicht von der energetischen Dachsanierung bis zum Neubau und der Modernisierung von bestehenden Gebäuden. Auch Beratungen zu Fördermöglichkeiten von BAFA und KfW sowie Photovoltaikanlagen bietet das Unternehmen an. Gerade die gesetzlichen Vorgaben und die Energiekrise haben die Nachfrage deutlich beeinflusst. Bei manchen Förderstandards ist von Geyso allerdings skeptisch. Besonders die Vorgaben zur Dämmung sieht er nicht immer als sinnvoll an: „Klar, man bekommt das bessere Dach zum selben Preis. Manchmal werden jedoch 10 bis 15 Jahre alte Häuser auseinander gerissen, weil die Bauherrn die Förderung haben wollen. Das wird vom Energieberater gerne schön gerechnet. Bis man den oft fünfstelligen Betrag wieder drin hat, dauert das aber eine ganze Weile.“
Mineralwolle hat Christoph von Geyso aus seinem Programm gestrichen. Stattdessen setzt er zunehmend auf Holzfasern und andere natürliche Dämmstoffe. Eine klare Zielgruppe hat von Geyso nicht, aber er stellt fest, dass viele seiner Kund:innen älter sind und sich klassischerweise noch einmal den Traum vom Eigenheim erfüllen möchten. Im Neubau setzt er vor allem auf den Holzrahmenbau. Diese Bauweise ist zwar teurer als die Massivbauweise, bietet dafür aber deutliche Vorteile: Der Rohbau steht innerhalb von etwa zwei Wochen, es gibt keine langen Trocknungszeiten und kaum Baufeuchte. Nach drei bis vier Monaten kann das komplette Haus fertig sein. Überzeugungsarbeit ist trotzdem immer wieder mal nötig. „Man muss leider immer noch die Kunden vom Baustoff Holz überzeugen. Sie denken immer noch steinlastig“, berichtet von Geyso. Viele Bauherr:innen würden Holz noch immer mit der Angst vor Feuchtigkeit und Schimmel verbinden und dem Baustoff nicht genügend Vertrauen schenken.
Das „Ausbauhaus-Konzept“ des Holzbaubetriebs aus Wietzendorf passt zur ländlichen Region und zu einer Zeit, in der das Bauen immer teurer wird. Dabei erstellt die Zimmerei den Rohbau des Hauses inklusive Außenwanddämmung und Dach, den Innenausbau übernehmen die Bauherr:innen. Böden verlegen, Trockenbau oder andere Ausbauarbeiten können sie in Eigenregie übernehmen und so die Kosten reduzieren.
Eine Besonderheit des Betriebs ist das „Ausbauhaus“-Konzept: Dabei übernimmt die Zimmerei den Rohbau des Hauses in Holzbauweise, die Außenwanddämmung und die Dacheindeckung
Foto: von Geyso Holzbau GmbH & Co. KG
Beim Rohbau zahlt sich die Expertise des ehemaligen Bauingenieursstudenten aus. Bei einem 110 m² großen Bungalow im Schwedenhausstil kamen beispielsweise Schraubfundamente von der Firma Krinner zum Einsatz. Statt einer Bodenplatte wurden die großen Stahlschrauben bis zu fünf Meter tief in den Boden eingebracht. Der Vorteil: Die Konstruktion ist weitgehend unabhängig von der Bodenbeschaffenheit, da die Schrauben bei Bedarf verlängert werden können. Die Gestaltung des Neubaus mit Holzverkleidung orientiert sich dabei am skandinavischen Stil, den von Geyso bei seinen Reisen in den europäischen Norden zu schätzen gelernt hat. Der komplette Ausbau inklusive Lehmputz wurde in diesem Fall von seinem Betrieb ausgeführt. Ein weiteres, aktuelles Projekt ist ein rund 150 m² großes, zweigeschossiges Passivhaus in Wietzendorf. Holzrahmenbauweise, Satteldach und der Verzicht auf einen Keller prägen das Projekt. Ziel ist ein Nullenergiehaus, bei dem möglichst keine laufenden Energiekosten entstehen. Ein ambitioniertes und ungewöhnliches Projekt aus dem Bereich Holzrahmenbau wurde in Oberhausen umgesetzt: Für das sogenannte „Curryversum“ im Freizeitpark „Karls Erlebnis-Dorf“ erstellte von Geyso Holzbau ein rund 15 x 30 m großes Gebäude in Holzrahmenbauweise.
Ausblick
Die Entwicklung des Holzbaubetriebs aus Wietzendorf soll technisch wie personell weitergehen. Das Ziel sei ein leistungsfähiger Betrieb mit 30 bis 35 Mitarbeitenden, erklärt Christoph von Geyso. In den Bereichen Vorfertigung, Maschinen und Fahrzeuge werde sein Betrieb kontinuierlich weiterentwickelt. Auch bei der Planung dürfte sich einiges verändern: Als bauvorlageberechtigter Zimmerer kann von Geyso bereits heute viele Leistungen selbst ausführen, Grundrisse oder Bauanträge könnten künftig stärker durch KI unterstützt werden. „Das ganze Team ist an der Weiterentwicklung bei von Geyso Holzbau beteiligt. Wenn alles gleich bleibt, ist das ja auch langweilig“, sagt Christoph von Geyso. Mehr über den Betrieb lesen Sie hier.
AutorinNathalie Brum ist freischaffende Architektin, Künstlerin und Fachjournalistin. Sie lebt und arbeitet in Köln.
