Mit Strohdocken und Hohlziegeln saniert

Schloss Oberwerries in Hamm nach historischem Vorbild neu eingedeckt

Das Wasserschloss Oberwerries in Hamm ist eines der schönsten barocken Kulturgüter an der Lippe und wurde vor kurzem saniert. Auf den Dachflächen des Schlosses verlegten die Dachdecker neue Hohlpfannen und unterlegten sie auf traditionelle Weise mit Strohdocken. Firste und Grate wurden vermörtelt.

Das Wasserschloss Oberwerries in Hamm ist einer von zahlreichen alten Herrensitzen, die sich entlang der Lippe in Nordhrein-Westfalen finden. Das Schloss gilt als ein beliebter Veranstaltungsort für Hochzeiten und ist im Besitz der Stadt Hamm. Radfahrer finden auf weitläufigen Touren im Schloss ein Etappenziel mit Übernachtungsmöglichkeiten. Als Bildungs- und Begegnungsstätte bietet das Schloss zudem Schulklassen, Vereinen und Gruppen die Gelegenheit, Tagungen und Schulungen abzuhalten. Kurz: Das Wasserschloss ist ein lebendiger Ort, der für die Stadt Hamm eine besondere Bedeutung hat.

Sanierung notwendig

Bevor die Stadt das Wasserschloss in den 1950er Jahren übernahm, war es rund 150 Jahre unbewohnt und dem Verfall ausgesetzt. Die damaligen Instandsetzungsarbeiten wurden nur unzureichend ausgeführt. Im Dach hatte man teilweise alte, handgeformte Hohlziegel mit neuen Hohlziegeln kombiniert. Das größte Problem dabei: Statt der ursprünglich traditionellen Eindeckung mit Strohdocken – zwischen die Ziegel gesetzte Strohbündel, die die Widerstandsfähigkeit des Daches gegenüber Regen und Schnee verbessern – wurden die neuen Ziegel teilweise vermörtelt. Dadurch konnten sie nicht auf die Bewegungen des alten Dachtragwerks aus Holz reagieren. Durch eine fehlende Verklammerung kam es zudem immer wieder zu Sturmschäden, bei denen Teile der Dachdeckung abgetragen wurden. Der bauliche Zustand des Gebäudeensembles, dessen älteste Teile aus dem Jahr 1667 stammen, ließ also zu wünschen übrig. „Über die Jahre hinweg bestand das Dach aus unterschiedlichen Ziegeln, die oft weder hinsichtlich ihrer Größe noch von der Profilierung her zusammenpassten“, sagt Tom Herberg, Pressereferent der Stadt Hamm, „weitere Reparaturen der nicht mehr zeitgemäßen und undichten Eindeckung machten keinen Sinn.“ Die Stadt entschied sich daher für eine vollständige Neudeckung des Daches.

Neue Eindeckung aus Hohlziegeln

Für die Instandsetzung des Daches hatte die untere Denkmalschutzbehörde eine Eindeckung zur Auflage gemacht, die dem historischen Vorbild entspricht. „Wir haben in dem Dachstuhl zunächst einen 3D-Scan durchgeführt und auf diese Weise einen digitalen Aufriss der Flächen erhalten“, erklärt Architekt Volker Lembken, der die Sanierung geplant und begleitet hat, „die neuen Hohlziegel aus Ton haben wir dann so gewählt, dass sie von der Farbe am besten zum historischen Gesamtambiente passten.“ Dabei fiel die Wahl auf Hohlpfannen des Herstellers Laumans in der Farbe Naturrot. Die Sanierung fand von 2017 bis 2018 statt. Dabei zeigte sich, dass der Zustand des historischen Dachstuhls sehr viel besser war als zunächst befürchtet. Das zeigte sich beispielsweise am Dach des Turms, der eine leichte Glockenform hat. „Hier konnten wir sogar die historische Lattung mit den geschmiedeten Nägeln erhalten, auf die die neuen Hohlpfannen aufgelegt wurden“, sagt Volker Lembken, „oder anders gesagt: In diesem Bereich liegen die Pfannen auf 350 Jahre alten Dachlatten.“

Altes Handwerk in moderner Zeit

Die Eindeckung stellte für den damit beauftragten Dachdeckerbetrieb, die Frittgen Dachdeckerei aus Hamm, eine Herausforderung dar. Denn die Dachflächen waren durch den historischen Dachstuhl, der nicht erneuert wurde, nicht eben und stellenweise sehr steil. Bauherr und Denkmalschutzbehörde verlangten, dass auch die neuen Hohlpfannen wieder mit Strohdocken verlegt wurden. „Wir sind als Dachdeckerbetrieb auf den Denkmalschutzbereich spezialisiert“, erklärt Dachdeckermeister Martin Frittgen. „Wir  haben erfahrene Mitarbeiter, die sich mit diesen alten Handwerkstechniken auskennen.“ Das Wissen um diese traditionellen Handwerkstechniken wird dabei im Dachdeckerbetrieb von der älteren auf die jüngere Generation weitergegeben. Bei der Neueindeckung des Schlossdaches zeigten die Altgesellen den Junggesellen, wie das Mörteln der Ziegel und das Verlegen der Strohdocken funktionieren. Insgesamt deckten die Handwerker rund 2000 m² Dachflächen neu mit Hohlziegeln ein. „Die Hohlziegel haben die Eigenschaft, dass sie sich relativ flexibel an den Untergrund anpassen und Unebenheiten ausgleichen können“, sagt Martin Frittgen. In der Fläche wurden die Dachziegel dann flächendeckend mit neuen Strohdocken versehen. Die Strohdocken hatten die Dachdecker über einen lokalen Dachdeckerfachhandel bezogen. Zusätzlich wurde jeder Ziegel mit einer Sturmklammer fixiert und knapp 360 Dachhaken eingebaut. Die Firste und Grate wurden mit einem Spezialmörtel des Herstellers Soudal vermörtelt.

Denkmalschutz trifft Energieeffizienz

Die Dachräume des Schloss Oberwerries sind ungenutzt. Die Dachflächen weisen weder eine Unterspannbahn noch eine Wärmedämmung nach modernen Standards auf. Dennoch spielte bei der Sanierung auch die Energieeffizienz des Gebäudes eine Rolle. „Wir haben die oberste Geschossdecke gedämmt und damit die Vorgaben der Energieeinsparverordnung für dieses Bauteil erzielt“, erklärt Architekt Volker Lembken. Weil das Gebäude sowohl für Tagungen als auch für Übernachtungsgäste genutzt und entsprechend beheizt wird, ist diese Dämmung eine wichtige Grundlage für vertretbare Betriebskosten. Neben den Dachflächen umfasste die Sanierung auch die Fassaden des Schlosses mit Baustoffen, die dem historischen Vorbild nahekommen.

Historisches Bild wiederhergestellt

Die neuen Hohlpfannen auf dem Schlossdach fügen sich gut in das Gesamtensemble ein und bilden mit den ebenfalls restaurierten Fassaden des Schloss Oberwerries ein harmonisches Gesamtbild. So entführt das Schloss seine Besucher auch nach der Sanierung auf eine Zeitreise in den herrschaftlichen Glanz vergangener Tage.

Autor

Gerald Laumans ist geschäftsführender Gesellschafter der Gebr. Laumans GmbH & Co. KG in Brüggen. 

Bautafel (Auswahl)

 

Projekt Sanierung und Neudeckung des Schloss Oberwerries in Hamm

Bauherr Stadt Hamm

Architekt Volker Lembken, Dipl.-Ing Architekt BDA Stadtplaner, 59229 Ahlen, www.lembken-architekten.de

Dachdecker Frittgen Dachdecker GmbH, 59063 Hamm, www.frittgen-dachdecker-hamm.de

Produkte (Auswahl)

Dachziegel „Hohlpfanne“, traditioneller Hohlziegel in naturrot, Gebr. Laumans GmbH & Co. KG, 41379 Brüggen-Bracht, www.laumans.de

Gerüst „Peri Up Flex“ Gerüst, Peri Vertrieb Deutschland GmbH & Co. KG, 89264 Weißenhorn, www.peri.de

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