Leichte Konstruktion auf solidem Sockel

Die Schulgebäude des Lycée Monte Cristo aus der Feder des Marseiller Architekturbüros Huit et demi markieren sprichwörtlich die Grenze zwischen den Gemeinden Marseille und Allauch. Die Obergeschosse der Unterrichts- und des Verwaltungsgebäudes sowie eine Sporthalle errichtete man in Holzbauweise.

Das Lycée Monte Cristo in Allauch wurde für 800 Schüler konzipiert und rechtzeitig zum Schulbeginn im September 2019 in Betrieb genommen. Das französische Lycée entspricht der deutschen Sekundarstufe II für Schüler zwischen 14 und 18 Jahren. Der Gebäudekomplex in Allauch liegt in einer leichten Talsenke und ist sowohl von Marseille aus als auch für die Bewohner der umliegenden Gemeinden leicht erreichbar. Das Grundstück wechselte im Laufe der Jahrzehnte mehrfach seine Besitzer: die ursprüngliche Gips-Abbaustätte wurde für die Mitglieder des „Port autonome de Marseille“ zu einem Sportareal umfunktioniert und danach von der Stadt Allauch mit dem Ziel angekauft, ein Lycée zu errichten. Die Organisation und Verwaltung der Schule untersteht der Région Sud Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Pavillonartiger Lageplan ALLAUCH_PLAN_MASSE.pdf Die einzelnen Gebäude sind entlang der Grundstücksgrenzen und um einen zentralen Pausenhof angeordnet
Zeichnung: Huit et demi
Die einzelnen Gebäude sind entlang der Grundstücksgrenzen und um einen zentralen Pausenhof angeordnet
Zeichnung: Huit et demi

Die Anordnung der fünf Bauwerke, die das Lycée formen, ergab sich in erster Linie aus den bebauungsfähigen Grundstücksflächen, wie Mathieu Fabre, Partner und Projektleiter bei Huit et demi, erklärt. Auf diesen Flächen war der Baugrund stabil und solide genug, um die Bauwerkslasten aufnehmen zu können. Mit der Errichtung mehrerer Baukörper anstatt eines großen, kompakten Bauvolumens unterschied sich der von Huit et demi 2014 eingereichte Wettbewerbsentwurf deutlich von jenen der Konkurrenten. Mit der pavillonartigen Gebäudekomposition reagierte das Architekturbüro auf ein erstes Bodengutachten, dem während der Planungsphase weitere folgten. Außerdem orientierten sich die Architekten an der Expertise von Jean-Marc Chancel, Partnerarchitekt in der Entwurfsphase, der auf Erfahrungen in der Planung von Schulgebäuden zurückgreifen kann. Die einzelnen Gebäude des Lycées verlaufen entlang der Grundstücksgrenzen und um einen zentralen Pausenhof, der aufgrund des schlechten Untergrunds keine Bebauung zuließ. Die Nordostecke des Grundstücks wird durch das dreigeschossige Verwaltungsgebäude geprägt. Entlang der nördlichen Grundstücksgrenze liegt ein rund 87 m langes Bauwerk mit den Lehrerzimmern und den Schüleraufenthaltsräumen im Erdgeschoss. Das erste Obergeschoss wird vollständig von den 17 Klassenzimmern eingenommen. Ein weiteres, zweigeschossiges Unterrichtsgebäude an der Nordwestseite beherbergt im Erdgeschoss die Schulkantine und 9 Laborräume im ersten Obergeschoss. Als Gegenstück zum Verwaltungsgebäude an der Nordostecke wird die Südostecke des Terrains von der Sporthalle und den Umkleiden eingenommen. Die im Wettbewerb geforderte, öffentliche Zugänglichkeit des Mehrzweckraums im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes und der Turnhalle auch außerhalb der Schulzeiten sorgten für die Positionierung der beiden Bauwerke entlang der Zufahrtsstraße. An der nordwestlichen Ecke der Grundstücksgrenze liegt schließlich ein kompakter, dreigeschossiger Baukörper mit 5 Maisonettewohnungen, den Dienstwohnungen.

Beton-Holz-Struktur

Einen Großteil der neuen Schulgebäude prägt ein solider, durch dicke Betonfertigteilstützen mit einem quadratischen Querschnitt von 50 cm gegliederter Sockelbau. Darüber wurde ein leichter, ein- bis zweigeschossiger Überbau in Holzbauweise errichtet. Das Ganze wird abgeschlossen durch einen etwa 2,75 m tiefen Dachüberstand. Die tragenden Holzstützen, die den Achsabstand der ebenerdigen Betonstützen von 2,55 m fortsetzen, wurden im ersten Obergeschoss durch dazwischenliegende, nichttragende Holzstützen ergänzt. Diese wurden im Abstand von 1,27 m errichtet.

Die Obergeschosse der Unterrichtsgebäude und des Verwaltungsgebäudes wurden aus verschiedenen Überlegungen in einer Holzmischbauweise errichtet: Die Außenwände sind als Holzskelettbau mit einer 140 mm dicken Holzfaserdämmung und einer 40 mm dicken Steinwolldämmung ausgeführt. An der Innenseite wurden die Wände mit Gipskartonplatten bekleidet.

Die in den Betondecken des Erdgeschosses verschraubten, tragenden Brettsperrholz-Trennwände aus Fichtenholz zwischen den Klassenzimmern und Gängen wurden mit einer farblosen Lasur behandelt. Während der kühlen und windigen Wintermonate erzeugen die Holzwände ein warmes Raumklima, selbst wenn sie in Kombination mit den lichtgrauen Betonböden einen rauen Eindruck erwecken. Alle überdachten Holzfassaden führten die Handwerker mit unbehandelten, sägerauen und 21 mm dicken Lärchenholzbrettern aus. Die dem Wetter ausgesetzten Fassadenbretter aus Douglasienholz am Verwaltungsgebäude und der Sporthalle und die Holzstützen wurden imprägniert.

Bei den Dachkonstruktionen der Unterrichtsgebäude handelt es sich um Holzbalkendecken mit 18 mm dicken OSB-Platten als Beplankung. Die Holzbalkendecken dämmten die Handwerker mit 260 mm dicken Steinwollplatten. Zwischen den von unten sichtbaren Holzbalken montierten sie aus akustischen Gründen weiß gestrichene Holzwolle-Leichtbauplatten. Die Laubengänge wurden wiederum mit Brettschichtholzplatten überdacht.

Die Dächer aller Bauwerke des Lycées sind in der Mitte 1 m tiefer als in den Randbereichen. Damit konnte man einerseits den Vorgaben zur Absturzsicherung im Zuge der Instandhaltungsarbeiten nachkommen. Andererseits gelang es dadurch, die technischen Installationen auf dem Dach, ebenso wie die Solarpaneele, zu verbergen. Im Dach der Sporthalle konnte man im Bereich dieser Brüstung Fensterbänder installieren, welche die Turnhalle von oben indirekt belichten. Im Gegensatz zum Unterrichts- und Verwaltungsgebäude wurde die Sporthalle als reine Holzkonstruktion mit Leimholzbindern aus Fichtenholz ausgeführt. Auf Straßenniveau wurde die Halle mit Betonfertigteilplatten verkleidet.

Plattenfundament und Tiefgarage

Aufgrund der geringen Tragfähigkeit des Baugrunds, einer Mischung aus Gips und Lehm, entschied man sich auf Anraten der Tragwerksplaner für ein Plattenfundament, um damit eine gleichmäßige und bessere Lastabtragung in den Boden zu gewährleisten. Um den tragfähigen Untergrund zu erreichen, musste an der nördlichen Grundstücksgrenze rund 3 m in die Tiefe graben werden. Das machten sich die Architekten zunutze, indem sie unter dem langgestreckten Baukörper eine Parkgarage mit 70 Stellplätzen anordneten. Auch unter dem Verwaltungsgebäude entstand dadurch ein zusätzliches Kellergeschoss, das als Lager und Abstellraum genutzt wird.

Gegen reinen Holzbau entschieden

Wegen der schlechten Tragfähigkeit des Bodens wurde bereits bei der Wettbewerbsauslobung eine Leichtbaukonstruktion gefordert, ohne dass diese Forderung weiter präzisiert wurde. Angetrieben durch die Region, die Holz als zeitgenössisches, nachhaltiges und gesundes Baumaterial fördert, ging man in erster Instanz von einem Holztragwerk aus, nicht aber von Holzfassaden. Die Architekten entschieden sich aus verschiedenen Gründen gegen einen reinen Holzbau, wie Mathieu Fabre erklärt: „Die materialgerechte Verarbeitung des Holzes, der Holzschutz der tragenden Bauteile, sowie der Fassadenschalungen und die damit verbundene Wasserdichtheit bleiben erfahrungsgemäß problematisch. Mängel in der technischen Ausführung verringern die Beständigkeit der Holzbauteile frühzeitig und schwächen andere Bauelemente, wie zum Beispiel die Dämmung der Außenmauern.“

Massiver Unterbau trägt leichte Holzkonstruktion

Laut den Angaben von Holzbauingenieur Jacques Anglade, Projektleiter bei Atelier NAO, wäre es zu risikoreich gewesen, ein Projekt dieser Größenordnung in die Hand einer einzigen, lokalen Holzbaufirma zu legen. Neben dem damit verbundenen finanziellen Risiko, hätten die lokalen Holzbaubetriebe nicht die notwendigen Personalkapazitäten und nicht ausreichend technisches Know-how für ein Projekt dieser Größenordnung. Aus diesen Gründen entschieden sich die Architekten für die Kombination eines massiven Unterbaus mit einem leichten Oberbau aus Holz. Die konstruktive und statische Verbindung zwischen Sockel und Überbau wird nicht nur durch die tragenden Außen- und Zwischenwände geschaffen, sondern auch durch die vertikalen Stützen des Laubengangs gesichert. In der Wettbewerbsphase war der Unterbau noch in Naturstein vorgesehen, musste aber im Zuge von notwendigen Kosteneinsparungen aus Beton ausgeführt werden.

Großzügige Bewegungsräume

Das Projekt zeichnet sich durch großzügig gehaltene Verkehrsräume aus – ein Anliegen der Planer, um von den standardisierten Größen und Maßen der Klassenräume und Gänge im Schulbau loszukommen. Ergänzend zu der außenliegenden Erschließung, die im ersten Obergeschoss den Zugang zu den Treppenhäusern ermöglicht, forderte der Bauherr auch eine innenliegende Erschließung der Klassenräume. Die Gänge zwischen den Klassen sind daher 2,43 m breit. Diese Korridore sind geschlossen, nicht geheizt und münden immer wieder in platzartige Verbreiterungen. Die im Freien verlaufenden, überdachten Laubengänge sind typisch für die mediterrane Architektur der Region und sorgen im sonnigen, trockenen und heißen Mittelmeerklima für Schatten. Der Arkadengang im Erdgeschoss und der Laubengang im Obergeschoss ermöglichen die Verbindung der einzelnen Gebäude und beschatten auch die sonnenexponierten Fassaden.

Thermischer Komfort

Die Erreichung des thermischen Komforts in den Gebäuden während der Übergangs- und Sommermonate stellte eine wesentliche Herausforderung bei der Planung dar. Durch die Nord-Südorientierung der meisten Baukörper, in Kombination mit den Dachüberständen, konnte eine Durchlüftung der Innenräume und eine natürliche Kühlung der Klassenräume und Gänge erreicht werden. Unterstützt durch das Einblasen kühler Luft in die Klassenzimmer wird warme Luft über versteckte Lüftungsgitter nach außen geleitet, wodurch es zu keiner Überhitzung der Klassenzimmer kommt. Die hohen Decken (3,10 m im Erdgeschoss und jeweils 3,30 m im ersten und zweiten Obergeschoss) erzeugen nicht nur ein offenes helles Raumgefühl, sondern unterstützen zusätzlich die Kühlung der Arbeits- und Klassenräume. Zum Sonnenschutz wurden alle Fenster zusätzlich mit außenliegenden Rollläden versehen.

Fazit: Holzbau zeigt sich konkurrenzfähig

Die Besonderheit des Lycées Monte Cristo liegt vor allem in seiner Größe. Der mangelnden Erfahrung im Holzbau der lokalen Baufirmen begegneten die Architekten mit der Entwicklung einer Konstruktionsmethode, die den Holzbau auf seine ursprünglichen Elemente reduziert. Das Bauwerk ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass in einer von Stein und Beton dominierten Mittelmeerarchitektur Holz als alternatives Baumaterial durchaus konkurrenzfähig ist. Mit Holz können, gerade durch die Mischung mit massiven, schweren Baumaterialien, spannende und vielfältige Kompositionen erzielt werden. Im Falle des Gymnasiums wurde jedes Material gemäß seiner spezifischen, bauphysikalischen Eigenschaften eingesetzt. Dazu kommt, dass laut den Lehrern des Lycée Monte Cristo das sichtbar belassene Holz einen positiven und beruhigenden Effekt auf die Schüler hat. 

Autor

Michael Koller ist Architekt, Stadtplaner und freier Journalist. Er lebt und arbeitet in Den Haag und Marseille.

Bautafel (Auswahl)

 

Objekt Lycée Monte-Cristo, Gymnasium für 800 Schüler (Sekundarstufe II), technische Fachhochschule, Sporthalle, Schulkantine, Mehrzweckraum, Dienstwohnungen, www.lyc-montecristo.ac-aix-marseille.fr

Ort Allauch, Frankreich

Bauherr Région Sud Provence-Alpes-Côte d’Azur

Nutzer Académie d’Aix-Marseille, www.ac-aix-marseille.fr

Architekturbüro Huit et Demi (Auftragnehmer), Marseille (FR), https://huitetdemi.fr

Partnerarchitekten Jean-Marc Chancel, www.jeanmarcchancelarchitecture.com und Jean-Sébastien Cardone, https://app.bam.archi

Bauzeit 9.2017 bis 9.2019

Tragwerksplaner / TGA SP2i, www.bet-sp2i.fr

Holzbauplanung Barthès Bois, www.barthesbois.fr, Maidières (FR) und Atelier Nao, Grenoble (FR) http://atelier-nao.com

Holzbauarbeiten Les Charpentiers de la Corse, Gemeinde Piedigriggio (FR), www.lescharpentiersdelacorse.com

Holzbauplanung und -berechnung TECKICEA, Pontarlier (FR), https://teckicea.fr

Bruttogeschossfläche 8512 m²

Nutzfläche 7042 m²

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 2015-05

Gute Akustik mit Holz

Das LTAM (Lycée technique des arts et metiers) in Limpertsberg ist die älteste technische öffentliche Schule Luxemburgs. Das Hauptgebäude – ein ehemaliges Kloster – wurde im Laufe der letzten...

mehr
Ausgabe 2017-03

Weiß und kurvig: Sporthalle in Genk mit Essertec-Lichtkuppeln

Das belgische Genk hat eine neue Sporthalle erhalten. Belichtet, belüftet und im Notfall entraucht wird die 18 m hohe Halle durch Lichtkuppeln von Essertec. BEL Architects entwarfen zusammen mit Ney...

mehr