Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich bin ab meinem zehnten Lebensjahr in einem Fertighaus aufgewachsen. Für uns als Kinder war damals das Spektakulärste, dass das Haus innerhalb eines Tages auf den schon fertigen Keller aufgebaut wurde. Faszinierend war für mich damals schon, dass bei dem am Kran hängenden riesigen Wandelement im Badezimmer die Kacheln an den Wänden klebten. Zusammenschrauben und fertig, so kam es mir zumindest damals vor und natürlich vergingen noch einige Tage, bis nach dem aufregenden Aufrichten das Haus dann vollends stand und bezugsfertig war.

Was meinen Eltern damals nicht klar war: In der Zeit des Fertighausbooms der 1970er und 1980er Jahre gab es viele Bausünden. Gerade im Fertighausbau wurden viele Spanplatten verbaut und in der ­Produktion ganz selbstverständlich formaldehydhaltige Kleber verwendet. Und natürlich gab es in vielen Baustoffen Aus­­­dünstungen, die übrigens zum Teil bis heute nachwirken. Deshalb sind verschiedene Reizstoffe auch noch in diesen Häusern zu finden, zum Beispiel Essigsäure oder Ameisensäure, oft auch das Holzschutzmittel Lindan und fertighaustypische Geruchsstoffe, die die Atemwege reizen. Meine Allergien und die meines Bruders alleine darauf zurückzuführen geht nun womöglich zu weit, bekannt ist aber, dass solche Ausdünstungen Allergien auslösen oder zumindest begünstigen.

Was damals nicht bekannt war, wird heute sehr ernst genommen. Daher gibt es immer mehr Firmen, die sich auf die Sanierung von Fertighäusern spezialisieren und neben der optischen und energetischen Sanierung auch Schadstoffsanierungen durchführen. Den Bericht über eine solche Zimmerei in Preußisch Oldendorf können Sie auf Seite 12 lesen. Ein Interview mit dem Geschäftsführer finden Sie ab Seite 14.

Ein interessanter Aspekt ist, dass der typische „Fertighausgeruch“ durch das sich zersetzende Holzschutzmittel entsteht, das früher oft für Holzwände eingesetzt wurde. Bei der Sanierung wird nach der Entfernung der Dämmung der Geruch mit einem speziellen Vlies aus Schafwolle weiter gebunden. Naturmaterialien wie Schafwolle haben die Eigenschaft, Schadstoffe aufzunehmen. Dies setzen inzwischen auch einige Hersteller ein und mischen zum Beispiel Gipsfaserplatten Schafwollanteile zu.

Der Geschäftsführer des Zimmereibetriebes, Mario Drees, warnt allerdings davor, solche Sanierungen leichtfertig anzugehen, weil man dabei viele Fehler machen kann. Sein Betrieb ist mit anderen in einem Netzwerk organisiert, um sich so gegenseitig zu informieren und um auf knifflige handwerkliche Situationen besser vorbereitet zu sein.

Für Sie als Handwerksbetrieb könnte das Erschließen eines solchen neuen Geschäftsfeldes eine interessante Möglichkeit sein, denn eines ist sicher: Die Sanierung von Fertighäusern – sowohl in energetischer als auch in optischer und natürlich auch in wohngesundheitlicher Hinsicht – fängt gerade erst an. Die ersten dieser Häuser kommen in die Jahre, weitere werden folgen.

Ich wünsche Ihnen mit diesem und weiteren Themen eine interessante und anregende Lektüre und frohes Schaffen auf den Baustellen im Land!

Viele Reiz- und Gefahrstoffe sind auch heute noch in alten Fertighäusern zu finden und müssen beseitigt werden

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