Ein Dach wie ein Faltenwurf

Eine Holzrahmenbauweise und das geringe Gewicht der Titanzinkdeckung bildeten den Schlüssel für die Aufstockung eines Wohn- und Geschäftshauses in Bensberg. Das Dach überrascht mit seiner Form, ist aber auch in technischer Hinsicht eine elegante und durchdachte Lösung.

Kein Fenster gleicht dem anderen, jede Schar der Titanzinkdeckung scheint ihre eigene Breite zu haben und der obere Abschluss zeigt ein expressives Zick-Zack – das Dach bricht so ziemlich jede formale Regel architektonischer Gestaltung. Doch bei aller Unregelmäßigkeit wirkt es in seiner Formen- und Materialsprache stimmig und auch in den technischen Details handwerklich sehr genau und fachgerecht ausgeführt, etwa beim sommerlichen und winterlichen Wärmeschutz oder der Entwässerung.

Wie es zu dieser besonderen Form kam, erklärt der Bauherr, Univ.-Prof. Dr.-Ing. Rainard Osebold: „Die unteren Geschosse im Massivbau stammen von 1957 und waren wie in der damaligen Zeit typisch sehr sparsam mit schlichter Fassade und einfachem Satteldach ausgeführt worden.“ Nach fast 60 Jahren stand jetzt eine durchgreifende Sanierung an, vor allem auch eine energetische Modernisierung. Das alte Dach hätte sich aber ohne erhebliche Umbauten und Anpassungen gar nicht zeitgemäß dämmen lassen, sodass aus der Notwendigkeit des Dachneubaus die Idee zur Aufstockung entstand. Auch die Stadt Bergisch Gladbach, zu der Bensberg gehört, hatte Interesse an einem höheren und städtebaulich ausdrucksstärkeren Gebäude auf dem Weg zum Schloss in Bensberg. Deshalb wurden dann drei verschiedene Architekturbüros um ihre Vorschläge für die neuen Obergeschosse gebeten.

Zusammen mit seiner Frau wählte der Bauherr den Entwurf von Manfred Stommel-Prinz (Bergisch Gladbach) als Sieger dieses privaten kleinen Architekturwettbewerbs aus. Dessen Vorschlag wurde in der insgesamt zwei Jahre dauernden Planungsphase in mehrere Modelle umgesetzt und dabei immer wieder überarbeitet und optimiert. „Im unteren Teil des Gebäudes wollten wir eine klare Front und in der Dachlandschaft Bewegung in der Fassade“, beschreibt der Architekt die neue Hülle, die sich wie leichter Faltenwurf über das Bauwerk legt. Mit ihr entstanden zwei zusätzliche Geschosse mit vier Maisonette-Wohnungen, die durch die Dachfenster und die tiefen Einschnitte in der Firstlinie mit einer exklusiven Licht- und Raumwirkung überraschen.

Geringe und gut verteilte Lasten

In der Außenansicht erzeugen die Falten einen prägnanten Wiedererkennungseffekt für das Gebäude und vermitteln gleichzeitig den Anschluss zu den Nachbargebäuden: Vom relativ hohen Siebengeschosser auf der einen Seite gleitet der Blick des Betrachters unmerklich nach rechts zu einer niedrigeren und ebenfalls mit bewegter Dachlandschaft ausgeführten Häuserzeile. Die Rheinzink-Oberfläche „prePatina blaugrau“ greift die dort vorhandene Farbgebung auf und korrespondiert gleichzeitig mit der Schiefer­­deckung des Bensberger Schlosses, woran die Stadt großes Interesse hatte. Die spezielle Oberflächenausbildung „prePatina blaugrau“ vermeidet einen offenkundig neuen und glänzenden Eindruck, ohne die natürlichen Patinaprozesse einzuschränken.

Neben den gestalterischen Aspekten hatte die Entscheidung für eine Aufstockung mit Titanzink auch technische Gründe. Denn die sparsame Bauausführung der Fünfzigerjahre führte zu einer relativ geringen statischen Reserve der tragenden Wände. Um möglichst wenig zusätzliche Lasten einzubringen, wurden die neuen Geschosse komplett als Holzrahmenbaukonstruktion ausgeführt.

Außerdem war eine gleichmäßige Lastverteilung erforderlich. Deshalb begannen die Arbeiten unter Bauleitung von Michael Müller-Offermann (Bergisch Gladbach) nach dem Abriss des alten Daches mit dem Aufbau eines 50 cm hohen Stahlträgerrostes oberhalb der letzen Geschossdecke. Darauf entstanden in einer kombinierten Bauweise aus vorgefertigten Wänden in Holztafelbauweise und zimmermannsmäßig errichtetem Dachstuhl die beiden neuen Geschosse. Die strengen Brandschutzforderungen konnten eingehalten werden, indem die Wohnungstrennwände mit Gipsfaserplatten bis zur Qualität F90 beplankt und die tragenden Holzbauteile teilweise über das statisch Erforderliche hinaus mit einer Brandreserve dimensioniert wurden.

Dachaufbau für die besondere Geometrie

Angesichts der expressiven Dachgeometrie wäre die fachgerechte Anordnung von Entlüftungsöffnungen für das Dach sehr kompliziert geworden, weshalb ein unbelüftetes Warmdach mit Aufsparrendämmung gewählt wurde: Auf den mit einer Lage OSB-Platten und einer Unterdeckbahn vorbereiteten Sparren stellt das Dämmelement „BauderPIR MDE“ den winterlichen Wärmeschutz auf der Nordseite des Gebäudes sicher. Die Polyurethan-Hartschaum-Aufdachdämmung ist oberseitig mit einer weiteren OSB-Platte versehen, sodass darauf mit einer Bitumenbahn die zweite Funktionsebene hergestellt werden konnte.

Zur Straßenseite (Süden) wurden die in der Zimmerei Adams aus Niederzissen vorgefertigten Holzrahmenelemente für den sommerlichen Wärmeschutz und wegen der guten Schalldämmeigenschaften mit Zellulose ausgeblasen.

Strukturmatte unter Titanzink-Scharen

An dieser Stelle übernahm die Horst Furth Bedachungs-GmbH & Co. KG aus Wesseling die Komplettierung des Dachs mit der Strukturmatte „Rheinzink AIR-Z“ und den Titanzinkscharen. Das Strukturgeflecht stellt bei den in Bensberg auftretenden flachen Dachneigungen einen optimalen Feuchteausgleich sicher. Es reduziert gleichzeitig die Weiterleitung von Regengeräuschen in die Wohnräume. Die Schare fertigten die Spengler aus 0,8 mm dickem Material, wobei die Scharbreite nach den Positionen der Fenster variierte und im Verlegeplan vorgegeben war. Auf flach geneigten Dachbereichen wurden die Schare in Doppelstehfalztechnik verlegt, während auf den steilen, fast schon wie eine Fassade wirkenden Abschnitten der optisch markantere Winkelstehfalz zum Einsatz kam. Eine besondere Herausforderung beim Zuschnitt und der Montage waren die teilweise sehr spitzen Schrägschnitte der Schare an den Einschnitten, deren präzise Verlegung heute wesentlich zum ästhetischen Eindruck des Dachs beiträgt.

Die Wege des Wassers

Auf den ersten Blick fällt die Dachlandschaft auf dem Wohn- und Geschäftshaus in Bensberg heute vor allem durch ihre expressive Form ins Auge. Doch bei genauerem Hinsehen enthält sie auch eine Reihe technisch sehr eleganter Lösungen. Etwa bei den sehr unterschiedlich geneigten Teilflächen, deren Gefälle nicht immer mit der Richtung der Falze übereinstimmt. Gerade in flach geneigten Abschnitten arbeiteten die Spengler deshalb mit Falzdichtungsbändern. Die können bei Dachneigungen von 3° bis 7° als Zusatzmaßnahme eingesetzt werden.

Die Einschnitte in der Firstlinie erhielten innen liegende Rinnen mit quasi dreifacher Sicherheit: Keilbohlen in den Einschnitten bilden das Gefälle nach vorn und hinten zu den Regenrinnen an der Traufe aus. Die Keilbohlen wurden mit Bitumenbahnen als zweiter wasserführender Ebene abgedichtet, ehe darüber die eigentliche Kehlentwässerung aus Titanzink montiert wurde. Sie erhielt als dritte Stufe des Sicherheitskonzepts eine elektrische Rinnenheizung, sodass auch bei Frost und Schnee ein ungehinderter Abfluss gewährleistet ist.

Auf seinem weiteren Weg sammelt sich das Wasser der gesamten Dachfläche in den Hauptrinnen an der vorderen und hinteren Traufe, die als kastenförmige Auf-Gesims-Rinnen ausgebildet sind. Sie fallen dadurch optisch als Funktionsteile kaum auf, bilden aber trotzdem eine sichtbare Linie, die den Übergang vom Titanzinkdach zu den Putzflächen eindeutig markiert. Auf der Hofseite entwässert die Gesimsrinne in klassische Fallrohre auf der Fassade, während auf der Straßenseite innen liegende Fallrohre eine völlig ungestörte Fassadenansicht ermöglichen. Ein sehr dezenter Wasserspeier im Einlaufkasten schützt bei eventuellem Rückstau. Man bemerkt ihn erst, wenn man darauf hingewiesen wird.

Ähnliche Sorgfalt in Planung und Ausführung waltete bei der Entwässerung über den Fenstern und auf den teilweise sehr tief eingeschnittenen Fensterbänken, sodass unschöne Fließspuren des Wassers nicht zu befürchten sind. Die technisch langlebige Titanzinkdeckung wird auch optisch für lange Zeit allen Ansprüchen gerecht werden und im Laufe der Zeit ein individuelle Patina ausprägen.

Sommerlicher Wärmeschutz zwischen den Sparren

Die Aufsparrendämmung stellt den winterlichen Wärmeschutz sicher, trotzdem erhielten einige Dachflächen zusätzlich eine Dämmung aus Zellulose zwischen den Sparren. Sie erhöht durch ihre Masse den Schallschutz, vor allem aber reduziert sie auf südlich orientierten Teilflächen die Wärmewirkung der Sonnenstrahlung: Hitzespitzen werden gekappt (Amplitudendämpfung) und der Hitzedurchgang verzögert (Phasenverschiebung). Die Bewohner der durch die Aufstockung neu gewonnen Wohnungen erleben dadurch sowohl im Winter als auch im Sommer ein behagliches Raumklima. Aus den so unterschiedlich geformten und angeordneten Fenstern haben sie einen exklusiven Blick auf die umgebenden Dächer oder direkten Sichtkontakt zum Himmel – wobei die über Griffhöhe liegenden Fenster elektrische Antriebe haben und so auch für die Lüftung benutzt werden können.

Autor
Frank Neumann ist Leiter der Anwendungstechnik/Marketing bei der Rheinzink GmbH & Co. KG in Datteln.

Wenig Lastreserven des Bestandbaus sprachen für eine Aufstockung in Holzrahmenbauweise

Für die außergewöhnliche Dachlandschaft war viel Detailarbeit nötig

Bautafel (Auswahl)

Projekt Modernisierung und Aufstockung eines Wohn- und Geschäftshauses in 51429 Bergisch-

Gladbach-Bensberg

Bauherr Univ.-Prof. Dr.-Ing. Rainard Osebold

Architektur Manfred Stommel-Prinz,

51429 Bergisch Gladbach

Bauleitung Michael Müller-Offermann,

51429 Bergisch Gladbach/Bensberg

Dacharbeiten Horst Furth Bedachungs-GmbH & Co. KG, Wesseling, www.furthdach.de

Zimmererarbeiten Adams Holzbau-Fertigbau GmbH, 56651 Niederzissen, www.adams-holzbau.de

Material

Blech: „Rheinzink prePATINA blaugrau“ in Doppelstehfalz- und Winkelstehfalztechnik sowie für die Dachentwässerung, Strukturmatte Rheinzink, Falzdichtungsbänder

Aufdachdämmung: Aufdach-Dämmelement

„BauderPIR MDE“

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